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Mein erstes Mal: Gespann-Fahren

Optische Täuschung: Auch wenn die Ural auf dem ersten Blick nach Straßenpanzer aussieht, kommt unser Rookie auf Anhieb mit dem sympathischen Boxer klar. Fehlt nur noch die Oma im Beiwagen und der Trip in den Süden kann losgehen. Gerademal das Einjährige des Motorrad-Führerscheins gefeiert, geht es für Grafikerin Isa an die nächste Herausforderung: Ein Wochenende lang Gespannfahren. Ein Kinderspiel?
Nachdem ich meinen Mut schon beim Renntaxi und Honda Fahren ohne Führerschein unter Beweis stellen musste, meint die Redaktion, es ist Zeit für eine Horizonterweiterung. Auf dem Gespann-Lehrgang des BVHK erfahre ich, wie sich Motorrad fahren ohne Schräglage und mit drittem Rad anfühlt. Ich habe nicht annähernd geahnt, was da auf mich zukommt.

Am Anfang steht die Theorie auf dem Programm. Mir wird schnell klar, das Gespannfahren eine komplett andere Welt ist: Schräglage ist hier nicht. Die Kurven nimmt man durch gasunterstütztes Fahren und „richtiges“ Lenken? Gas geben: Gespann zieht nach rechts, Gas weg: Es zieht nach links. Was das heißt, erfahre ich bei dem ersten Rundparcours. Er besteht aus dicht aufeinander folgenden Rechts- und Linkskurven.
 
Breiter als mein Corsa
 
Schulbank drücken: Bevor es losgeht, steht Theorie pauken auf dem Plan – ein Gespann fährt sich schließlich ganz anders, als ein normales Motorrad.Nach der Theorie folgt die Praxis: Die beiden Riesen-BMW, die an der Startposition auf mich warten, jagen mir direkt Respekt ein. Das sind keine Gespanne, sondern Panzer. Damit soll ich durch den engen Parcours passen – NIEMALS! Die sind doch breiter als mein Corsa. Ich steige über die Raste auf – der erste Schritt weg vom Solo und zum Gespannfahren. Damit das Fahren leichter ist, bekomme ich zum eh‘ schon schweren Gespann noch den todesmutigen Otto als Passagier. Ein schwerer Beiwagen bleibt länger am Boden in den Rechtskurven – klingt beruhigend. Die Anspannung steigt, ich starte den Motor – abgewürgt! Na super, ich dachte, diese Anfangsschwierigkeiten hätte ich seit der Fahrschule hinter mir – wie peinlich. Doch dann finde ich den Schleifpunkt und der Koloss setzt sich in Bewegung. Schnurstracks geht es auf die erste Rechtskurve zu. Noch in meinen Überlegungen gefangen, fahre ich auch schon die ersten Pylone über den Haufen. Und schwupp die nächsten! Mein Gott, ich komme mir vor, als ob ich in einem Schwertransporter sitze. Links der herausragende Boxermotor und rechts der Beiwagen. Otto hilft und schreit mir aus dem Beiwagen zu: „Mehr rechts, mehr links!“ und schon klappen die nächsten Kurven etwas besser. Mein Blick wandert immer hin und her. Auch beim Gespannfahren ist Blickführung alles.
Schnell traue ich mich auch alleine hinter dem Lenker der BMW auf den Kurs. Vielleicht war ich etwas zu hastig, denn nachdem ich die ersten paar Runden gut hinbekommen habe, eröffne ich die Crashparade: Eine Rechtskurve etwas zu schnell angesteuert und schwupps hänge ich mit dem Boxer-Gespann in der Leitplanke – Mist! Zum Glück ist nicht viel passiert, nur die Ventildeckel-Dichtung ist zerkratzt. Genau wie mein Ego, denn der Crash brachte mir sofort einen neuen Spitznamen: Planken-Isa. Fünf Minuten später ist die Welt wieder in Ordnung und ich traue mich an die nächste Übung.
 
Die Planke kommt
 
Hoch das Bein: Die Wippe fühlt sich anfangs an wie ein beginnender Überschlag und braucht millimetergenaue Koordination, um nicht mit dem Rad abzurutschen.Jetzt heißt es den Beiwagen des Russen-Gespanns über ein schmales Brett zu manövrieren. Wo hört bloß dieser Beiwagen auf? Mal kurz abgeschätzt – und ich verfehle das Brett komplett. Auch beim zweiten Versuch verhaspel ich mich und vergesse das typische Gas geben in den Kurven. Aller guten Dinge sind drei und das mit Erfolg. Alle Pylone stehen noch und das Brett habe ich auch voll erwischt – YEAH!
Bei einer kurzen Pause nach dem Fahrerwechsel verdampft der Angst-Schweiß aus meinen Stiefeln und ich habe langsam Blut geleckt: Ich gehe einen Schritt weiter und fahre die gleiche Übung nochmal, allerdings mit einem K100-Gespann. Einem Panzer mit Autoreifen. Mit Erfolg, so dass ich mit gutem Gefühl zur nächsten Station gehe, dem Kreiselfahren.
 
Eigentlich kann ein Gespann nicht umfallen
 
„Hilfe, ich kippe“: Bei der Trockenübung wird schnell deutlich, wieviele Reserven ein Gespann hat.Instruktor Sven Ott demonstriert am stehenden Gespann, wie hoch ein Beiwagen abheben kann, ohne zu kippen. Das ist schon enorm hoch. Wenn man es richtig macht, fährt man nur auf der linken Außenkante der Reifen weiter. Ja, nee ist klar – die wollen mich bestimmt auf dem Arm nehmen. Sein Bruder Mike Ott belehrt mich eines Besseren und dreht mit fliegendem Beiwagen seine Rechtskurven. Immer schön konstant Gas geben. Geht der Wagen hoch, Tempo beibehalten. Wenn der Wagen wieder sinken soll, muss man nichts weiter tun als vom Gas zu gehen – klingt easy. Jetzt bin ich an der Reihe: Mit einem leichten Honda-Gespann fahre ich meine ersten Runden. Sah doch einfacher aus, als es ist. Mit geht der Stift, als sich das Beiwagenrad für eine Millisekunde zehn Zentimeter vom Boden entfernt. Sofort gehe ich wieder vom Gas. Wenn schon Gespann, dann aber lieber auch auf drei Rädern, alles andere ist nichts für mich. Aber dann kann ich noch meinen inneren Schweinehund besiegen und probiere es nochmal. Und siehe da, einmal im Flow, verliert das abhebende Rad seinen Schrecken. Die wahre Kunst ist nur, Geschwindigkeit, Gewichtsverteilung, Blickführung & Co. auf Dauer zu koordinieren.

Schlachtschiff auf Kurs

 
Die Macher: Birgit Berner, Rainer Grüters und Uli Jacken (v.l.n.r.).Der Spaß wächst mit jeder erfolgreichen Übung, von der Vollbremsung bis zu „Beiwagen über eine Wippe steuern“. Zwischendurch darf ich auf einer Ural mein Glück versuchen. Ich bin begeistert, wie leicht sie zu händeln ist. Der kleine Planken-Knutscher vom Vormittag ist schon fast vergessen. Aber da hatte ich mich wohl in falscher Sicherheit gewogen...
Letzter Parcours für heute. Eigentlich „nur“ ein Slalom – also kein großer Akt. Ich schnappe mir die K100 und dirigiere das Schlachtschiff über den Kurs. Ich fühle mich gut und habe ordentlich Spaß, auch wenn die Kraft in den Armen stark nachlässt. Selbst meine Beifahrer Bernd und Ralf loben mich. Aber ganz unbewusst wurde ich von Runde zu Runde schneller. Bis plötzlich in einer Rechtskurve das Beiwagenrad gen Himmel steigt. Ohhh nein – ich verliere sofort die Kontrolle und rase geradeaus auf den Rasen, wo Fotograf Johann liegt. Ich sehe nur noch, wie er kreischend wegspringt, ehe ich in der Botanik zum Stehen komme. Das war knapp. Instruktorin Birgit beruhigt mich. Erst einmal durchatmen, bevor wir alle drüber lachen können. Zum Glück zieht dieser „Ausrutscher“ keinen Spitznamen für mich nach sich.
Gespannfahren ist wirklich eine andere Welt. Wenn mir noch mal einer sagt: „Gepannfahren ist doch easy, das mach ich mit links“, dann weiß ich für mich, derjenige hat keine Ahnung.

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