MOTORRAD.NET NewsFeed
MOTORRAD.NET Facebook-Seite
Follow MOTORRAD.NET on Twitter
MOTORRAD NEWS
Regionale Motorradmagazine
Motorrad Gespanne
Roller Szene

Drehwurm - Redaktions-Tour zwischen Salzburger Land und Trentino

Kann man sich schwindelig fahren? Das NEWS-Team trat zwischen Salzburger Land und Trentino den Selbstversuch an und begab sich zwischen Pässen und Tälern auf die Suche nach dem ultimativen Alpenkick.
 
Mehr als 700 Kilometer stupide Autobahnfahrt haben unsere Ge­lenke über den Tag einrosten las­sen. Da kommt der Swing durch den nördlichen Zipfel des Salzburger Landes gerade recht. Einziger Wehrmuts­tropfen: Dicke Plusterwolken umhüllen die Gip­fel der Chiemgauer Alpen, auch weiter südlich verstecken sich die Loferer Steinberge in einer wuschig-grauen Hülle. Ochsenhorn, Reifhorn und Breithorn: Von den bis zu 2500 Meter hohen Massiven ist nix zu sehen.
Auch wir vergraben uns in unserer heimeligen Herberge, dem Landhaus Eva-Marie von der Moho-Kette. Eine heiße Dusche und die deftige Küche von Motorradwirt Stefan ent­schädigen für die Torturen des Tages. Aber kaum haben das leckere Stiegl Goldbräu und der Blick auf die Landkarte die Laune angehoben, sorgt unser Wirt wieder für lange Gesichter: Auf dem Großglockner hat es letzte Nacht 20 Zentimeter Neuschnee gegeben – die Hochalpenstraße ist ge­schlossen. Aber die Pustertaler Höhenstraße liegt auf unserem Weg nach Vintl in Südtirol. Die sei toll. Und die wollen wir uns nicht entgehen lassen. Doch Kachelmann ist uns nicht hold: Das Kitz­büheler Horn, den Jochberg, Paß Thurn, Mitter­sill und die Venediger Gruppe bringen wir am nächsten Tag mit Tunnelblick hinter uns – Hauptsache, wir kommen schnell nach Süden.
Hinter Lienz ist die Pustertaler Höhenstraße aus­geschildert. In Radfahrerkreisen gilt die knapp 30 Kilometer lange Strecke mit Steigungen bis 17 Prozent als anspruchsvolle Kletterpartie. Doch ist das Wetter zu schmierig, die Socken zu nass und unser Zeitplan zu eng. Nach 150 Kilometern Dauerdusche erreichen wir Südtirol und damit endlich den Frühling. Wie von der Kette gelas­sen ballern Hansdampf Till und Heißsporn Guido drauflos. Sie legen ein Tem­po vor, dank dem wir trotz der Seefahrt vom Vormittag mit heißen Reifen auf den Hof vom Moho-Haus Lodenwirt in Vintl rollen. Das Wellnesshotel ist noch keine zehn Jahre alt und lehnt sich thematisch an die benachbarte Lodenwelt an. Ein Museum, in dem es um den Weg der Wolle geht: vom Schaf bis zum fertigen Stoff. Die Zimmer und Flure sind mit stimmungsvollen Fotografien aus dem alltäglichen Leben des Schäfers geschmückt – und die Gäste schlafen auf Schafwollmatratzen.
Unsere Stärkung spiegelt die alpenländisch und mediterran angehauchten Küche des Hauses wieder: Pizza aus dem Holzofen. Das Atmen fällt ob des vollgestopften Magens noch schwer, als wir unseren Ausflug ins Pustertal nachholen. Es geht über die gewundene Asphaltschleife mit dem wohlklingenden Namen Strada del Sole – Sonnenstraße – zurück nach Bruneck und von dort nach Süden Richtung Villnößtal. Ab San Mar­tino in Badia schrauben wir uns zickezacke west­wärts ins Unterholz der nördlichen Dolomiten.
Die Berge tragen ein sattgrünes Frühlingskleid; jeder eine andere Farbnuance, ich fühle mich an den Kunstunterricht erinnert, in dem wir die Grün- und Blautöpfchen unserer Wasserfarbkästen leerschrubbten. Tunnel-Einfahrten füh­len sich an wie ein Sprung ins kalte Wasser, bevor einen am Ende die milde Frühlingsluft wie ein gewärmtes Handtuch wieder in die Arme nimmt.
Durchs Grödener Tal geht es mit Blick auf die Sellagruppe nach Südosten. Was folgt ist ideales Sumo-Geläuf: Manche Abschnitte sind so durch­löchert, dass mir auf der eigentlich recht touris­tisch abgestimmten Speed Triple die Zähne klap­pern. Teilweise fehlen in der Fahrbahndecke ganze Stücke. Am Grödner Joch sind die Autobahnkanten der Reifen längst abradiert und uns wird langsam schwummerig vom anhaltenden Links-Rechts-Gewedel. Während Till und Guido mit Triumph Tiger und KTM SM-T vorauspreschen, steht Frank und mir mit Ducatis 1100er Mons­ter und der Speed Triple der Sinn mehr nach fröhlichem Reisetempo mit dem einen oder anderen Seitenblick aufs Dolomiten-Panorama.
Immer die Marmolata im Visier, den höchsten Berg der Dolomiten, rollen wir in Arabba vor das Hotel Olympia. Einer Sage nach war die Marmo­lata früher ein eisfreier Berg mit Almen. Zum Gletscher wurde sie, weil zwei Bauern die Heuernte am Feiertag nicht, wie üblich, für den Kirch­gang unterbrachen. Danach soll es so lange geschneit haben, bis die ganze Marmolata von einem Gletscher bedeckt war.
Glasklare Luft und ein wolkenfreier Himmel, wie er auf den Hochglanzprospekten der Skihotels nicht knalliger sein könnte, empfangen uns am nächsten Morgen. Man sagt, wenn man bei sol­chem Wetter auf die „Königin der Dolomiten“ klettert, könne man am Horizont sogar das 120 Kilometer entfernte Venedig schimmern sehen. Wir schleppen uns verschlafen die ersten Kilo­meter hinauf zum Pordoijoch, dem zweithöchs­ten asphaltierten Dolomiten-Pass. Die geschlossene Schneedecke beidseits der Straße reflektiert das gleißende Licht der warmen Morgensonne. Familie Murmel hockt regungslos vor ihrem Bau und lässt sich den Pelz wärmen. Ich vermute Pappmaché-Attrappen hinter den regungslosen Figuren, doch als wir bollernd Schwung für den letzten Bergsprint holen, hüpfen die Fellknäule in ihr Haus.
Wir folgen der Via Dolomiti und biegen bei San Giovanni nach Westen Richtung Welschn­ofen ab. Kurz nach Carezza al Lago legen wir eine Pause am Karersee ein, einer wunderschönen türkisen Pfütze zwischen Nadelwald und schroffen Felsen. In Bozen hüpfen wir nur fix über die Nord-Süd-Hauptverbindungen von Inns­bruck nach Verona, um uns direkt wieder ins Gewühl der wildverschnörkelten Weinstraße zu stürzen. Ich geb’s zu: Ich hätte Lust, mich aus dem gehetzten Tiefflug auszuklinken und dem Kurven­schwindel in einem der idyllischen Terracotta-Dörfer ein Gläschen Vino draufzusetzen.
Doch im Cavallino Bian­co in Rumo wartet der Mittagsstopp auf uns. Bis dahin sind es zwar nur 50 Kilometer, doch wir haben gelernt, das Geschnörkel auf den Navis zu deuten: Unsere Gruppe kraxelt den Mendelpass hinauf und zirkelt über winzigste Sträßchen, für die der Maler unserer Landkarte noch nicht mal die Buntstifte rausgekramt hat. Bis Rumo bekommen wir nur dichte Wälder, bunte Blumen­wiesen und Kühe zu sehen. Im Moho-Haus angekommen werden wir mit Pasta und deftigen Happen von der Wurst- und Käseplatte verwöhnt. Ein Gang durchs Haus macht Appetit auf einen langen Aufenthalt: Die Zimmer und Suiten haben hübsche Balkone auf der Sonnenseite des Hauses und hinterm Haus entsteht gerade eine Motorradgarage mit Waschanlage. Das „Centro Benessere“ im Keller setzt dem ganzen aber das Sahnehäubchen auf. Das Massageangebot, Pool und Sauna lassen unsere Aufbruchstimmung wegschrumpeln wie in einem Dampfbad.
Die Reise durchs Val di Non mit seinen Weinbergen führt über kurvenarme Straßen. Welch ein Glück! Der letzte Abschnitt im Sattel der sportlichen Ducati hat arg an Nerven und Kräften gekratzt, der Motor will auf engen Straßen mit wildem Gerühre an Kupplungshebel und Schalt­fuß auf Touren gehalten werden. Welch Genuss, nun auf der sofabequemen Tiger zu sitzen.
Wir halten uns östlich der Gruppi di Brenta und pirschen am Lago di Molveno vorbei von Süd­westen her nach Trient. Von der Hauptstadt der Provinz Trentino aus ist es nur noch ein Katzensprung bis Levico Terme. Die letzten Sonnenstrahlen fingern gerade noch über die felsige Skyline, als wir den Kurort erreichen und unsere Zimmer im Moho-Hotel Cristallo beziehen. Unsere Wahl fürs Abendessen fällt auf eine kleine Trattoria, in der wir uns end­gültig Bettschwere anfuttern. Müde Knochen, fri­sches Carpaccio mit Parmesanspänen, dazu ei­ne Karaffe Vino Rosso – herrlich!
Am nächsten Tag erkunden wir noch gemein­sam das Val Sugana und nehmen uns die Kurven­piste zwischen Strigno und Mezzano vor, bevor sich unsere Wege trennen. Guido hat ein Date bei Touratech und Frank ist mit BMW in Mailand verabredet. Till und ich schnupfen die große Etappe über Belluno und Lozzo di Cadore, um dann nach Vigo di Cadore abzubiegen.
Immer entlang der Grenze zwischen Venetien und Friaul und die Montes Brentoni und Terza Grande zur Linken, ackern wir uns über eine Holperpiste, die eher Enduropfad als Straße ist. Sind wir falsch? Wer zum Henker hat Guido die KTM mitgegeben, um damit gemütlich nach Niedereschach zu gondeln? Die Straße führt über die verschneite Passhöhe, wir zirkeln um Muren­abgänge, Schneewehen und Schmelzwasserströ­me über die Forcella La­vardet. Als es wieder bergab geht, ist der Asphalt teils gar nicht vor­handen oder mit Schot­ter und Tannenzapfen bestreuselt. Ich versuche gar nicht, mich an Tills Fersen zu heften, und manövriere die Tiger angespannt bergab.
Die Kulisse hätte man für einen Endzeit-Film nicht passender gestalten können. Kilometer um Kilometer geht es in wilden Kurven gen Tal, kein Mensch begegnet mir. Nur die Reifenspuren hin­ter den Schmelzwasserpfützen verraten mir, dass ich noch auf der gleichen Strecke bin wie Till. „Ich krich die Krise!“ entfährt es uns wie aus einem Munde, als wir uns irgendwann wieder treffen. Wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Weges nach Ravascletto hinter uns, die Ducati braucht Fusel und es ist bereits so spät am Tag, dass wir befürchten, den Plöckenpass Richtung Herberge im Dunkeln fahren zu müssen.
Mit grellblinkender Tankleuchte erreichen wir die Albergo Ristorante Bellavista, unseren Mittagsstopp. Leider ist nur Zeit für einen kleinen Plausch mit der Gastgeberin Signora De Infanti, denn die Sonne kuschelt sich schon an die Gipfel der Berge. Auf der Fahrt über den Plöckenpass wird es empfindlich kalt. Zusammen mit dem schwindenden Tageslicht, nassem Asphalt und höllisch engen Tunneln kein wirkliches Vergnü­gen. Doch die Passhöhe belohnt uns mit grandio­ser Aussicht: Vor uns Österreich, hinter uns Italien.
Auf den letzten Kilometern umheimelt uns wieder warme Sommerluft, die nach Kräutern und würzigem Wald duftet. Unsere Herberge, der Gailtaler Hof in Kötschach-Mauthen, gehört zu den ersten Moho-Hotels. Eine Deluxe-Garage für die Maschinen, gemütliche Zimmer und ein vorzüglicher Schmaus versöhnen uns mit den Anstrengungen. Wirtin Christine führt das Haus in dritter Generation und geht im Sattel ihrer 1150 GS regelmäßig mit ihren Gästen „Motorradl foahn“. Das ehemalige Kino, so erzählt sie uns, beherbergt zu 80 Prozent Motorradfahrer, die den Bock aber auch mal gern stehen lassen. Chris­ti­nes Mann ist nämlich Spezialist für Canyoning-Touren, bei denen man durch Klettern, Rutschen oder Abseilen Schluchten erkundet.
Bei der Aussicht auf den bevorstehenden Ritt nach Hause würde ich meinem Hintern gern etwas Pause gönnen und das Alternativ­pro­gramm vom Gailtaler Hof ausprobieren. Denn zwischen Salz­burger Land und Trentino gibt es auch links und rechts der Straße viel zu entdecken.
Text: Sophie Schatter
Fotos: Guido Bergmann
 
Reiseinfos

Allgemeines: Von Lofer im Salzburger Land über Vintl in Südtirol nach Arabba in den Dolomiten, dann nach Rumo und Levico Terme im Trentino, im Anschluss nach Ravascletto im Friaul und zurück nach Kötchach-Mauthen in Kärnten – in vier Tagen frästen wir uns ohne Anreise rund 1500 Kilometer quer durch die Alpen. Die Straßenqualität wechselte dabei von vorbildlich (in Österreich) bis zu vorsintflutlich (kleine Pässe in Friaul). Fahrspaß ist auf den Nebenstrecken aber immer garantiert, während die oft überfüllten Hauptverkehrsrouten mit stockenden Autokolonnen und Kriechtempo an den Nerven zerren. Autobahnen in Italien sind mautpflichtig, für Österreich muss ein Pickerl ans Motorrad geklebt werden.
Reisezeit: Bei unserer Tour Mitte Mai waren viele Passstraßen noch gesperrt, andere meterhoch vom Schnee gesäumt. Krisensicher ist der Juni, während im Juli und August voll­bepackte Familienschaukeln und Reisebusse die Straßen blockieren. Septem­ber und der frühe Oktober verwöhnen mit Indien-Summer-Feeling, danach freuen sich vor allem die Skifahrer wieder auf den Saisonstart.
Unterkunft/Verpflegung: Wir vertrauten bei unserer Tour auf die Motor­radhotel-Profis der „Moho“-Kette, www.moho.at. Deren 36 ausgewählte Häuser erfreuen mit solidem bis sehr guten Stan­dard, einem ordentlichen Preis-Leis­tungs­niveau und einer Küche von schmackhaft bis deftig. Zum Teil haben die Hotels auch spezielle, mehrtägige Motorradfahrer-Angebote im Programm, mehr dazu auf den jeweiligen Webseiten.
Literatur/Karten/Navis: Ein Klassiker ist natürlich der „Große Alpenstraßenführer“ von Harald Denzel, gebundene Ausführung 36 Euro. Unsere Navis waren gut, um von A nach B zu finden – die schönsten Strecken suchten wir immer noch old-style aus verknickten, alten Karten heraus.

Aus:

Aktuelle MOTORRAD NEWS

Unsere 9 regionalen Magazine

 Regios 
MotorradSzene-Magazine im Überblick
 Kurve 
Regio-Magazin für Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg
 Motorradtreff Spinner 
Regio-Magazin für Berlin, Brandenburg
 MotorradTreff 
Regio-Magazin für Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
 Syburger 
Regio-Magazin für Nordrhein-Westfalen
 MoKo - Motorrad Kontakte 
Regio-Magazin für Kassel, Paderborn, Bielefeld
 Motorrrad Spiegel 
Regio-Magazin für Baden Württemberg
 Nürburger 
Regio-Magazin für Mittelrhein, Eifel
 Motorrad Szene 
Regio-Magazin für Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland
 Motorrad Szene Bayern 
Regio-Magazin für Bayern

Umfrage

Umfrage: Welcher 2017er Supersportler gefällt euch am besten?:

MOTORRAD.NET Gewinnspiel

MOTORRAD.NET Gewinnspiel

Mitmachen und gewinnen!

Neue Mitglieder auf motorrad.net

Schlagwortwolke