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Highland Game: Auf Herbsttour durch Schottland

Schottland im Oktober - eine Schnapsidee? Im Gegenteil: Besonders jenseits der Haupt­saison verheißt eine Reise durch die schottischen Highlands Fahrspaß auf leeren Straßen vor archaischer Kulisse.

Schmetterlinge im Bauch
Entlang einer Hügelkette schlägt die A68 auf etlichen Kilo­metern Wellen. Jedesmal, wenn wir über eine der blinden Kuppen preschen, zuckt es mir mehr im rechten Hand­gelenk. Als die Super Ténéré schließlich abhebt, rechne ich bereits mit einem empörten Schlag ins Kreuz, doch hinter mir kichert meine mitrei­sende Mama nur vergnügt und signalisiert, dass ich ruhig noch einen Zahn zulegen kann. Vor unserem Familienexpress fährt Polly auf seiner F 650. Er ist Hotelier und Tourguide zugleich, hat uns in Newcastle an der Fähre abgeholt und auf dem Weg nach Schottland noch einen Schlen­ker durch Nordengland eingebaut. In einem Dorf ist Viehmarkt, unter unseren Helmen erahnen wir Musik und den kräftigen Duft von Mist. Kinder spielen Fangen, Bauern mit Tweed-Kappe, Wachs­mantel und Pfeife besprechen mit ernstem Blick wichtige Angelegenheiten. Die Ku­lisse könnte eins zu eins aus dem Hollywood-Streifen „Ein Schweinchen namens Babe“ stammen.
Es ist einer dieser Momente, die es uns leicht machen, alle Gedanken an daheim auszuknipsen. Und wenig später folgt ein zweiter: Über dem Southern Upland Way folgen wir dem River Tweed, der Heimat tausender Lachse und Forellen ist. Im warmen Licht des späten Nachmittags steht ein Fliegenfischer im Wasser. Er lässt die Sehne krei­sen. Jedes Mal, wenn der Köder das Wasser streift, sprühen goldene Funken auf. Als wir am Devil‘s Beef Tub vorbeifahren, deutet Polly Richtung Tal. Doch so sehr wir uns die Hälse verrenken: Die Flanken sind so steil, dass wir den Grund nicht einsehen können. Kein Wunder, dass die Clans dort früher gestohlene Rinder versteckten.

Daheim unter Motorradfahrern
Die Nacht verbringen wir im Buccleuch Arms Hotel von Pollys Familie. Im Hinterhof stehen spezielle Motorradgaragen, in denen unsere Yamaha sicher untergebracht ist. Am Abend quatschen wir uns mit Polly und seinem Vater Dave fest. Die beiden haben eine Menge über das Haus und die Gegend zu erzählen. Und auch die Geschichte der Familie Smith, die vor einigen Jahren von Sim­babwe nach Schottland gegangen ist, fesselt uns.
Am nächsten Morgen geht es auf die A708 Richtung Selkirk. Die Berge, Hochmoore und Wasserfälle stehen denen in den Highlands in nichts nach. Die Southern Uplands haben schon so machen vermeintlichen Insider zum Staunen gebracht, der meinte, Schottland sei erst nördlich von Glasgow und Edinburgh richtig interessant.
Die Straße windet sich entlang nebelver­hangener Berghänge, die tapeziert sind mit feuerrot verdörrtem Farn, gelbem Gras, lila Heidekraut und grünem Gestrüpp. Ich muss aufpassen: Der Straßenrand ist gesäumt mit totem Federvieh, immer wieder ren­nen uns Kamikaze-Fasane vors Rad. Die verrück­ten Hühner hocken meist im Rudel mitten auf der Straße. Bis wir sie aufscheuchen. Dann flattert das Federvieh Zickzack vor unseren Rädern her und legt unvorhersehbare Kehrtwenden ein.

Im Zickzack durch die Berge
Wir zirkeln am Wasserfall Grey Mare‘s Tail vorbei. Dieses Tal mit seinen ineinander verschach­telten Bergen scheint gar kein Ende zu nehmen. Mama ermutigt mich zu flotterer Gangart. Polly streift mit uns über winzige Straßen durchs Hoch­moor vom Eskaldemiur Forest und führt uns zum Samye Ling, dem ersten tibetisch-buddhistischen Kloster in Europa, das Ende der sechziger Jahre eröffnet wurde. Gebetsfahnen flattern im Wind, in einem Seerosenteich hockt eine vergoldete Bud­dha-Figur und wir las­sen unsere Finger über rotierende Gebetsmüh­len streichen. Vor der Tür des farbenfrohen Tempels stehen viele Schuhe. Unwillkürlich ver­fallen wir in Flüsterton und schleichen uns auf leisen Sohlen zurück zu unseren Maschinen.

Schloss-Besuch
Am nächsten Tag begleitet uns Polly noch über Wanlockhead, den höchstgelegenen Ort Schottlands, zum Drumlanrig Castle. Im Renaissance-Schmuckstück ist eine der wertvollsten Kunstsammlungen Großbritanniens untergebracht. 2003 machte sie Schlagzeilen, weil Diebe mitten am Tage ein 70 Millionen Euro teures Gemälde von Leonardo da Vinci stibitzten.
Schließlich trennen sich unsere Wege, wir las­sen uns vom Navi nach Glasgow führen – und in die Irre. Denn die versteckte Zufahrt zur Au­chentoshan-Distillery ist gar nicht so einfach zu finden. Und die Wegbeschreibungen hilfsbereiter Fußgänger geben uns noch mehr Rätsel auf, denn beim krassen Akzent kommt mein Englisch schwer ins Straucheln.

Spirituelles Erlebnis
Endlich in den heiligen Hallen, sehen wir Gär­bottiche, Brennblasen und amerikanische Sherry- und Bourbon-Fässer, in denen der Whisky reift. Und als wir unsere Nasen in die „mash tun“ stecken, in der die grob gemahlene Gerste mit heißem Wasser zu süß duftender Maische verrührt wird, läuft uns das Wasser im Munde zusammen. Und siehe da: Beim anschließenden Tasting ernennen wir den zwölfjährigen Auchentoshan zu unserem „Mädchen-Whisky“. Denn weil seine Gerste nicht über Torffeuer getrocknet wird, ist er besonders sanft. Ganz anders als die scharfen, rauchigen Single-Malts von den Inseln, bei denen man fast meint, man schlürfe sie direkt aus einer Pfütze in der Heide.
Wir lassen das turbulente Ballungsgebiet hin­ter uns und kehren im Inverbeg Inn am Ufer von Loch Lomond ein, wie es Reisende schon seit über 190 Jahren tun. Im gemütlichen Restaurant trauen wir uns an eine landestypische Leckerei: Deep fried Mars Bar, tiefgefrorener Marsriegel, der im Panademantel frittiert wird. Pervers köstlich!

Wie im Film
Unser Weg nach Norden ist gesäumt von safti­gem Grün, durchbrochen von Ahornbäumen im knallroten Gewand. Ab Crianlarich wird’s wild: Die A82 führt durchs Rannoch Moor, wo Hirsche am Ufer von Loch Tulla durch den Morast staksen. In der Ferne hängen feine Nebelschwaden zwischen den gigantischen Bergen des Glen Coe. Die Kulisse strahlt Erhabenheit und Melancholie aus.
Fast scheint es, als würden ihr die alten Geschichten anhaften. So wie die aus dem wenige Kilometer entfernten Glencoe, dem „Tal der Tränen“. Dort fand 1692 ein fürchterliches Massaker statt, bei dem sich königliche Soldaten erst das Vertrauen des Clans der MacDonalds erschlichen – und dann in der Nacht hinterlistig 38 Menschen niedermet­zelten. Da ist es kein Wunder, dass sich viele Filmemacher diese Ge­gend für Geschichts­epen ausgesucht haben. Gänsehautszenen von Kassenschlagern wie „Highlander“, „Braveheart“ und „Rob Roy“ machen wirkungsvoll Werbung für die Gegend.
In Fort William würden wir am liebsten der „Road to the Isles“ hinaus zu den Schären, Buchten und weißen Stränden folgen, doch wir müssen uns sputen, wenn wir unser Tagesziel noch bei Licht erreichen wollen. Loch Duich und das High­lander-Schloss Eilean Donan Castle lassen wir im Flug hinter uns. Und weil es schon dämmert, streichen wir schweren Herzens die Fahrt über die Küsten-Passstrecke von Applecross aus dem Programm. An sich ein Muss für Motorradurlau­ber – und ein Grund mehr, wiederzukommen.

Im Dorf-Wohnzimmer
Als wir im Glenshieldaig Forest in unsere Regenkombis schlüpfen, tönt das Röhren von Hirschen durch das Prasseln des Regens. Unsere Augen tasten den Berghang ab und bald entdecken wir unzählige, im braunen Gestrüpp perfekt getarnte Tiere, die bald Antwort von der anderen Talseite bekommen. In Gairloch biegen wir ab auf eine löchrige Single-Track-Road. Später, im Melvaig Inn, sinken wir glücklich in die Ledercouch am Kaminfeuer. Die nassen Socken landen auf dem Kaminsims, während der Wirt das Feuer mit frischem Holz füt­tert. Es läuft Musik, am Tresen tratschen die Einheimischen. Wir haben das Gefühl, im Wohnzimmer des Dor­fes zu sitzen. Es gibt Jakobs­muscheln, Lachs, Calamari und Wild. Wir entscheiden uns fürs Nationalgericht Haggis: Schafs­innereien, zubereitet im Magen. Klingt fies, ist aber saulecker. Es geht schon auf Mitternacht zu, als wir uns aus der wohligen Umarmung des Pubs reißen. Die schmale Straße verläuft parallel zum Meer über die hügeligen Klippen, genau auf Augenhöhe mit dem Leuchtturm Rua Reidh. Alle 15 Sekunden schickt der vier aufeinanderfolgende Leuchtfeuer in die Nacht – und mir vor den Latz. Ich muss höllisch Acht geben, dass die Ténéré in der Spur bleibt.

Am Ende der Welt
Seit die Automatisierung in den Achtzigern den Job des Leuchtturmwärters überflüssig gemacht hat, ist Rua Reidh ein Bed‘n‘Breakfast –und unsere Herberge für diese Nacht. Dicke Wolken sausen über die Küste und lassen das Vollmondlicht theatralisch auf dem Meer tanzen. „Der Leucht­turm ist ein Archetyp des in die Einsamkeit Zurückgezogenen“, hat mein Lieblings-Meeresfotograf Philip Plisson mal gedichtet. Recht hat er. Wir haben wahrhaftig das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Wir kuscheln uns in geblümte Bettwäsche und lassen die milde Atlan­tikbrise durchs Fenster herein. Die rhyth­mische Brandung und der Lichtkegel, der stoisch über die Klippen streift, lullen uns ein. Nach wenigen Augenblicken schlafen wir tief und fest.
Beim Spaziergang in den pastellfarbenen Mor­gen würden wir uns am liebsten auf die Felsen setzen, dem Tag beim Erwachen zuzusehen und nach Delfinen, Walen und Adlern Ausschau halten. Doch wir müssen weiter. Wollige Wegelagerer und zottelige Galloway-Rinder, in deren Barthaaren der Morgentau glitzert, schauen uns auf dem Weg nach Osten hinterher. Die Straße schmiegt sich an die Küste – und mutet doch an wie ein Fremdkörper in dieser ungezähmten Land­schaft. Vorbei an den imposanten Falls of Measach geht’s durch Birkenwälder, in denen goldenes Laub im Sonnenlicht über den Asphalt tanzt.
In Drumnadrochit, dem Heimatort des Ungeheuers von Loch Ness, spuckt ein Reisebus gerade eine Horde Touristen vors Nessie-Museum. Wir flüchten ins Gasthaus „Fiddlers“, wo es köstli­chen Lachs mit einer Sauce aus Whisky und Heidehonig gibt. Zwar schielen wir verstohlen zur beeindruckenden Whiskybar mit über 600 Flaschen hinüber, trinken aber brav heißen Kakao.

Durchs Skigebiet
Wir besuchen Urquhart Castle am Ufer des Loch Ness und schlagen über Inverness, die Hauptstadt der Highlands, den Weg nach Nordosten ein. Für die Nacht quartieren wir uns in einem B&B im Ökodorf der Findhorn-Foundation ein. Ein span­nendes Konzept: Man baut sparsame Häuser aus natürlichen Materialien, es gibt eine ausgeklügel­te Wasseraufbereitung und der Strom kommt von den eigenen Windrädern. Unsere Route führt durch die Grampian Moun­tains wieder nach Süden. Kiefernwälder, wilde Flüsse, Seen und Moore bestimmen die Landschaft, viele bedrohte Tierarten sind hier heimisch. Aber auch Outdoor-Fans füh­len sich hier wohl: Wanderer, Kanu- und Skifahrer. Und am Straßenrand spannt ein Mann gerade seine Huskies vor einen Trainingswagen.

Genuss auf leeren Straßen
Die leeren Straßen sind ein Traum und ich kann mich kaum entscheiden, ob ich der Super Ténéré beherzt die Sporen geben oder vom Gas gehen soll, um die Landschaft zu genießen. Nach jeder Kurve tun sich neue, beeindruckende Panoramen auf. Alle Sinne sind auf das Fahren und die Kulisse gerichtet, sodass ich unseren Sprit­stand völlig aus den Augen verliere. In Tomintoul, dem höchsten Dorf der zentralen Highlands, suchen wir vergeblich eine Tankstelle. Wir haben die Wahl: 14 Meilen zurück nach Grantown-on-Spey oder 24 Meilen zur nächsten großen Stadt in die richtige Richtung? Wir beschließen, zu pokern und zockeln im braven Tempo nach Süden. Als wir in Ballater vor die Zapfsäule rollen, meine ich fast zu hören, wie die Einspritzpumpe den letzten Tropfen aus der Leitung schlürft.
Dichte Regensuppe erleichtert uns den Abschied: Ab Perth rollen wir über die Autobahn nach Edin­burgh. Dort stolpern wir abends auf der Royal Mile über ein Schild, das „Footstomping Traditio­nal music“ ankündigt. Das wilde Gefiedel und Getrommel im Pub „Whiski“ sickert mit dem süf­figen Highland-Ale ganz tief in unsere Herzen und besiegelt den Beschluss: Die offene Rech­nung, die wir mit der Westküste haben, muss bald beglichen werden.

Sophie Schatter/Romea Hallfahrt

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