Ikea, Volvo, Pippi Langstrumpf und Kurt Wallander: Die Schweden haben es drauf. Und auch Landschaft und Natur hat Motorrad­fahrern viel zu bieten – mit reichlich Ruhe und Beschaulichkeit.

Von Gerhard Arnold (Text & Fotos)

Zwischen angegammelten Containern und wild gewordenen Staplerfahrern sitze ich im Rostocker Hafen, warte auf die Fähre nach Trelleborg. In den Händen ein zerknittertes Stück Papier, eine E-Mail: „Das ist ja cool, dass du mal Sverige erkunden willst“. Schweden-Auswanderer Martin wartete schon auf mich. Vor ein paar Jahren hatte Martin nach Schweden „rübergemacht“. Ein Besuch ist also längst überfällig.

Als die Silhouette von Trelleborg auftaucht, dämmert es. Ich bin froh, dass die Pension in Hafennähe bereits gebucht ist. Nach ei­nem ordentlichen Früh­stück kann der Schwedenurlaub tags drauf endlich starten. Erstes Ziel ist das lediglich 45 Kilometer entfernte Ystadt. Ich lasse mir ordentlich Zeit, treibe die Guzzi so nah wie möglich an der Küste längs – gemütliches Cruisen, morgens um halb Zehn in Schweden.

Ich rolle durch Schonen, der Region, wo Erfolgsautor Henning Mankell seinen skurrilen Kommissar Kurt Wallander, Massenmörder und andere blutrünstige Gesellen jagen lässt. Dabei wirkt alles so beschaulich, ländlich und ruhig. Vielleicht animiert genau das Mankell dazu, sich den düsteren Seiten von Schweden zu widmen. Mir soll es erstmal egal sein, denn von düster kann keine Rede sein. Die Sonne meint es heute gut mit mir. Immer wieder wandert der Blick nach rechts über die raue Ostsee, wo sich etliche Schiffe auf dem glitzernden Wasser tummeln.

Wasser dabei, Satelliten-Telefon geladen, chirurgisches Notfallbesteck am Mann? In Schweden kann man sich schnell ganz einsam fühlen

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Abhänger: Am Ufer des Vättern sind Entspannung und Urlaubsfeeling fast greifbar

In Ystad gilt es, einen sicheren Parkplatz zu erspähen, denn nirgendwo scheint es gefährli­cher zu sein als in dieser Kleinstadt – zumindest wenn man auf den Spuren der Romanfigur Kurt Wallander wandelt. Hier ermittelt, lebt und leidet der Hauptkommissar aus Mankells Feder und zieht ein Millionenpublikum in seinen Bann. In der Touristen-Information finden sich Wallander-Bro­schü­ren, Wallander-Touren, Wallander-Karten – alles, was der Fan so braucht. Auch einen Besuch der Film­studios am Rande der Stadt kann man buchen.

Ich greife mir eins der Heftchen auf Deutsch und wandere auf den Spuren des übergewichti­gen Kommissars durch die schnuckeligen Straßen – zwischen blutbefleckten Tatorten und privaten Lieblingsplätzen des Ermittlers. Ein Seitenblick zeigt mir, dass ich nicht alleine bin. Überall sieht man Touristen mit Broschüren in der Hand, unterwegs zu den echten Schauplätzen der fikti­ven Figur. Ich gönne mir noch einen realen Kaffee und beobachte entspannt das Treiben.

Auf verträumten Straßen peile ich ei­nen weiteren Roman-Tatort an, der zugleich eines der beliebtesten Ausflugsziele der Schweden ist: Ales Stenar. Zwischen sanften, grünen Hügeln schlängelt sich das Asphaltband, bis in einem kleinen Hafen Endstation ist. Ein kurzer Fußmarsch bringt mich zu Ales Stenar, einer Steinsetzung in Form eines Schiffsrumpfes. An der 1400 Jahre alten Grabanlage geht zur Sommersonnenwende der Fixstern genau über dem Nordwestbug auf. Ich lasse das Steinschiff hinter mir, genieße die weiche Wiesenlandschaft, die in einer Steilküste ihr abruptes Ende findet. Ich gestatte mir ein wenig Ganzkörperkontakt mit Gras und Sonne, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.

Je kleiner, desto unterhalsamer sind die Straßen, denen ich nach Norden folge. Einsam und schmal winden sie sich zwischen zahllosen Seen hindurch, auf die man durch die dichten Wälder nur selten einen Blick werfen kann. Stille und Abgeschiedenheit findet man reichlich. In Ryd stehe ich erstmal auf dem Schlauch. Ir­gendwo muss der kuriose Schrottplatz von Åke Danielsson sein.

Schrott-Kultur: Der Autofriedhof bei Ryd sorgt für Ganzkörper-Gänsehaut

Nach etwas Suchen finde ich den unbefestigten Parkplatz am Straßenrand. Ein verwittertes Holzschild weist auf den Einstieg in die fremde Welt hin. Åke Danielsson gewann in diesem Moor ursprünglich ab Mitte der 1930er Jahre Torf, sattelte Anfang der 60er Jahre jedoch auf Autoverwertung um. Die ausgeschlachteten Wracks ließ er einfach im Wald stehen. Nach einigem Hin und Her zwischen Umweltschützern und Fürsprechern erkannte sogar die schwedische Regierung den kulturhistorischen Wert an und stellte den Platz bis 2050 unter Schutz.

Mittlerweile hat die Sonne Oberhand gewonnen und schnell entdecke ich den kleinen Pfad, der sich zwischen den Bäumen durchschlängelt. Nach wenigen Metern stehen rechts und links die ersten Autowracks: in sich zusammengesackte, vom Rost mal weniger, mal mehr zernagte Karossen. Ihre Glanzzeiten dürften diese Vehikel vor mehr als fünfzig Jahren gehabt haben.

Völlig entrückt taste ich mich weiter in den Wald hinein. Was mit ein paar Autoskeletten am Wegesrand begann, entwickelte sich zu einer enor­men Menge an Schrott. Ob Motorteile, Türen, Räder oder ganze Fahrzeuge: Der Wald ist gespickt mit Altmetall. Sogar ein ganzer Bus rostet auf einer kleinen Lichtung, wo auch noch die „Geschäfts- und Werkstatträume“ des ehemaligen Betreibers stehen. Und die Natur holt sich ihr Territorium zurück: Blech, das nur noch papierdünn ist, Moos, das sich über ganze Motorhauben ausbreitet und Bäume, die ihren Weg durch die Karosserien genommen haben. Deutliche Zeichen, dass auch die Spuren unserer Zeit einmal zu Staub zerfallen.

Völlig fasziniert schwinge ich mich wieder auf die Guzzi. In Urshult geht’s auf einer verkehrsarmen Straße Richtung Norden. Dezente Kurven, viel Wald und immer wieder Lichtungen, die Ausblicke auf die einsamen Seen freigeben, lassen genug Raum für Erinnerungen: Vor sechs Jahren ging Martin nach Schweden, kehrte dem deutschen Sackgas­sen-Denken den Rücken und ließ sich in der Nähe von Växjö nieder. Ich freue mich aufs Wiedersehen.

Das Hallo ist groß, als ich endlich vor seiner Haustür stehe. Wir verbringen den warmen Abend mit Grillen, Quatschen und Biertrinken – und das ist wirklich Luxus, denn Alkohol ist in Schweden extrem teuer. Wir vertreiben uns die Zeit mit Bootfahren oder Grillen. Denn am Wochenende ist der Schwede gern draußen – auch wenn er aus Deutschland kommt. Der Abschied kommt unwiderruflich nach zwei Tagen, meine Entdeckerseele will noch mehr sehen. Wieder alleine unterwegs, bleibe ich der Linie treu, nur den kleinsten Straßen zu folgen. Die Taktik ist goldrichtig: Hat die Straße keine Nummer und ist schwer zu finden, nimm sie!

So poltert die Guzzi Richtung Vättern-See. Die Wege sind weit witziger als vermutet. Der Asphalt schlägt immer wieder Wellen, es entsteht ein ständiges Auf und Ab. Wenn mal ein Fahrzeug entgegenkommt, sieht man es wie bei einem zu langsam lau­fen­den Daumenkino immer nur intervallweise.

Direkt am Vättern liegt der Ort Huskvarna – und wer nun stutzig wird, liegt richtig. Denn dort kamen sie ursprünglich her, die legendären Husqvarna-Offroadmaschinen, die mittlerweile von BMW vermarktet und in Italien gebaut werden. Doch das Museum im historischen Werk ist für alte Offroad-Rochen ein echter Pflichtbesuch. Neben Motorrädern ist und war Husqvarna auch für viele Haushaltsgeräte bekannt. Angefangen hat alles als Waffenschmiede 1689. Doch vom Fleischwolf über Nähmaschinen bis zum Rasenmäher, ist in dem ehrwürdigen Gebäude so ziemlich alles ausgestellt.

Soviel Geschichte: Das Husqvarna-Museum begeistert nicht nur Offroad-Freunde

Feuchte Hände bekomme ich bei den Motorrädern. Erstaunt umrunde ich die vielen Straßenmaschinen, die das kleine Werk auf die Beine gestellt hat. Richtig emotional wird es, als ich den Raum mit den Enduros betrete. Als dann noch der Kult-Film „On any Sunday“ mit der Husky-Legende Malcolm Smith und Schauspiel­Idol Steve McQueen über eine Leinwand flimmert, ist endgültig Gänsehaut angesagt.

Wieder draußen im Tageslicht schüttle ich die Erinnerungen aus Jugendtagen ab und suche mir einen Campingplatz direkt am See. Es ist sehr ruhig, die Wasseroberfläche liegt friedlich da. Wie ein Spiegel, in dem sich der blaue Himmel begutachten kann. Mit der Sonne im Gesicht und dem Grashalm im Mundwinkel beschließe ich noch einen Tag zu bleiben und mir morgen Teile des Göta-Kanals anzusehen.

Farbenrausch auf Schwedisch: Das Göta-Hotel liegt direkt am gleichnamigen Strand

Ikea-Idylle: Holzhütten gehören in Schweden fest zum Straßenbild

Den Vänern-See im Visier, bemühe ich mich am nächsten Morgen, der öden Hauptstraße mit der Nummer 47 am Westufer des Vättern etwas Gutes abzugewinnen. Doch das autobahnähnli­che Asphaltstück dient nur der reinen Fortbewe­gung. In Habo lenke ich die Guzzi endlich weg von der mittlerweile zur Nummer 195 mutierten Hauptstraße. Es braucht nur wenige Kilometer und ich finde mich in meinem „kleinen Schweden“ wieder. Malerische Seen, verwunschene Dörfchen und einsame Höfe, deren Zustand von verfallen bis tiptop reichen, prägen das Bild rechts und links der Straße. Kaum ein anderer Verkehrsteilnehmer verirrt sich hierhin. Stehen mal Menschen am Wegesrand, schauen sie mir hinterher, als säße ich auf einem Ufo anstatt auf einem Guzzi-Gespann.

Der See Vänern beeindruckt mit seiner Weite. Wer den Bodensee schon gewaltig findet, wird am Vänern eines Besseren belehrt. Denn mit 5585 Quadratkilometern bedeckt er mehr als zehnmal so viel Fläche – der drittgrößte Binnen­see Euro­pas. Eine Zeitlang beobachte ich das Treiben der Hobbykapitäne, ehe ich mich wieder auf mein Gespann schwinge. Und es war richtig, mir am See ein wenig die Ruhe anzutun.

Kontaktverlust: Auf der kurvigen Strecke bei Haverud kommt es verstärkt zu schwebenden Seitenwagenrädern

Denn die kleine Straße strengt sich seit Haverud an, den besten Strecken in Sauerland und Eifel Paroli zu bieten. Die Route windet sich nicht nur horizontal, sondern auch vertikal durch den Wald, so dass man sich schwindelig fahren kann. Bis Dals Langed folgt eine Kurve der nächsten. Nur unter­brochen von kleinen Hügeln, die dem Asphaltband eine Wellenbewegung verabreichen. Die Route wirkt, als wäre der Straßenbauer im 3-D-Programm Amok gelaufen. Leider ist der Abschnitt irgendwann vorbei und ich widerstehe nur knapp dem Drang, nochmal umzudrehen.

Ein Zipfel Norwegens bekommt noch kurz Besuch von mir, bevor am Abend Strömstadt am Skagerrak erreicht ist. Auf einem Campingplatz kommt die Guzzi knisternd zur Ruhe. Ich inhaliere tief die Meeresluft, bevor ich mich endlich aufraffen kann, das allabendliche Ritual aus Zelt aufbauen, kochen, spülen und schlafen anzugehen. Nach einer für mich schlechten, weil für die Nachbarn feuchtfröhlichen Nacht suche ich am Morgen meine Brocken recht früh zusammen. Während des Packens beschließe ich, den V2 schon mal warmlaufen zu lassen. Dass die Endtöpfe dabei in Richtung meiner feierfreudigen Nachbarn zeigen, ist nicht bösartig, sondern pure Absicht.

Als das Helmschloss endlich einrastet, macht sich das Warmlaufen nochmal bezahlt, denn so kann ich bereits mit ordentlich Stoff vom Platz fegen. Das genervt dreinblickende, alkohohlgeschwängerte Gesicht des Partykönigs vom Vorabend verwandelt sich dabei im Rückspiegel in eine Grimasse. So macht man aus einer miesen Nacht einen guten Start in den Tag.

Tu es nicht: Nach einem knackig-kurzen Aufstieg verlockt die Schärenlandschaft zu einem knackig-kurzen Abstieg

Boots-Brücke: Bei Haverud legten die Ingenieure den Dalsland-Kanal einfach in die Wanne

Immer hart am Wasser entlang gondelt die Guzzi mit ihrem Besitzer durch die Schärenwelt am Skakerrag. Unzählbar sind die vielen kleinen und großen Steininseln, die in den Eiszeiten ent­standen. In den Buchten hat man so gut wie nie den Blick aufs offene Meer, denn überall ist die Sicht versperrt von großen, kleinen mittleren, bewohnten und unbewohnten Felsinseln. Ich folge den kleinen Straßen Richtung Süden, Richtung Göteborg. Die Straße folgt dem natürlichen Chaos aus Buchten, Inseln und Halbinseln – so lässt es sich prima Motorrad fahren.

Zwar ist die Gegend beliebt, doch in der Vorsaison hält sich der Verkehr in Grenzen. Die Bummelfahrt an der Schärenküste zwingt mich bald auf eine der unbeliebten Straßen mit Nummer auszuweichen. Denn ein Tag in Göteborg sollte schließlich noch drin sein, bevor ich für eine Nacht Zelt gegen Kabine tausche.

Stadt-Partie: Das geschäftige Göteborg sieht sich auf Augenhöhe mit der Hauptstadt

Reise-Info:

Allgemeines: Die Fläche Süd-Schwedens beziffert man auf 150 000 Quadratkilometer. Der Landstrich ist damit mehr als doppelt so groß wie Bayern – und nur ein Drittel des 450 000 Quadratkilometer großen Landes. Auf diese Fläche verteilen sich knapp zehn Millionen Menschen, wobei die Mehrzahl in Großstädten wie Stockholm oder Göteborg lebt. Das schafft reichlich Platz für Natur, Ruhe und Einsam­keit. Süd-Schweden bietet kaum nennenswerte Gebirge, betört aber durch üppige Natur mit unendlich vielen Seen in allen Größen und Wald in allen Varianten.

Anreise: Es gibt viele Möglichkeiten, nach Schweden zu kommen: Von Kiel schippert euch die Color-Line mit einer Übernachtung an Bord nach Göteborg. Weniger Seeluft bekommt man bei der Überfahrt mit TT-Lines oder Scandlines ab Rostock, Sassnitz, oder Travemünde mit: In nur wenigen Stunden geht es über die Ostsee nach Malmö oder Trelleborg. Es geht auch mit noch weniger Seemeilen: Kurz mit der Fähre von Puttgarden ins dänische Rødby übersetzen und weiter auf festem Boden Richtung Kopenhagen. Über die beeindruckende Öresundbrücke gelangt man schließlich in der Nähe Malmös auf schwedisches Festland. Doch das kostet auch – 22 Euro sind pro Querung fällig.

Motorradfahren: Möchtegern-Rossis können sich Schweden komplett schenken: Wer nur nach der nächsten Kurve hechelt, wird in Elchland nicht glücklich werden. Ist man aber ein Freund von kleinen, knuffigen Straßen ohne viel Verkehr, sollte man sich nicht von einem Besuch in Süd-Schweden abhalten lassen.

Übernachten: Campingplätze, Hotels, Pensionen und Privatunterkünfte: Mangel an Möglichkeiten, um aus der Kombi zu schlüpfen, gibt es in Schweden nicht. Und wenn man mal tatsächlich gar nichts finden sollte (oder will), kann man immer noch vom sogenannten Jedermannsrecht Gebrauch machen. Das erlaubt, in der freien Natur für kurze Zeit zu zelten, aber nicht in der Nähe von Häusern. Dass der Natur dabei kein Schaden zugefügt werden darf, sollte sich von selbst verstehen.

Literatur: Das DuMont-Reise-Taschenbuch „Schweden – Der Süden“ bietet ausreichend Informa­tionen und kommt mit einer durchaus brauchbaren Übersichtskarte im Maßstab 1:1 400 000 daher. Für die Vorbereitung und als Appetit-Happen kann man den DuMont-Bildatlas „Schwedens Süden“ empfehlen. Bei den Kar­ten griffen wir einmal mehr zu den besten Wegweisern für Skandinavien: Die kommen aus dem Kümmerly + Frey-Verlag und für Süd-Schweden waren die Blätter 1 und 2 im Maßstab 1: 250 000 perfekt geeignet.

Organisierte Reise: Wer nicht auf eigene Faust Schweden erfahren möchte, findet vielleicht im Programm von Skandinavien-Profi Feelgood-Reisen das passende Angebot für seine Bedürfnisse. Der Veranstalter hat viefältige Angebote für Schweden im Repertoire. Infos unter www.feelgood-reisen.de. Ebenfalls geführt geht es mit www.karibu-adventure.de in den Norden.