Wissenswertes zur westfälischen Weltgeschichte: Auf einer Motorradexkursion zwischen Weserbergland und Teutoburger Wald zu Besuch bei Hermann, dem Cherusker, der einst den Römern die Stirn bot.

Quo vadis – wohin gehen wir? Das müssen sich jene römischen Soldaten gefragt haben, die um die Nuller Jahre unserer Zeitrechnung durch die finsteren Forste des Teutoburger Waldes gen Norden vorstießen. Für den Kampf auf offenem Feld gerüstet und taktisch hervorragend geschult, kamen die siegesgewohnten Legionen Roms in dem sperrigen Gelände nur sehr langsam voran.
Da geht es mir anders: Mit der Sonne im Rücken treibe ich meinen Bayernboxer schaltfaul auf einer anspruchslosen, aber keineswegs langwei­ligen Landstraße in Richtung Nieheim. Mit Erreichen des Eggegebirges fordere ich Hände, Füße und Reifenflanken zur ambitionierten Mitarbeit auf.
Bis zu 400 Meter ragt der aus Sandstein geformte Höhenzug auf, der hier die Wasserscheide zwischen Rhein und Weser markiert. Für die Errichtung eines wichtigen Schienenstrangs mussten im 19. Jahrhundert anspruchsvolle Niveauunterschiede überwunden werden. Der markante Eisenbahnviadukt in Altenbeken wird von zwei Dutzend bis zu 35 Meter hohen Steinbögen getragen und überspannt damit das Beketal.

Stark durch Einigkeit: Arminius schaffte den Schulterschluss der Germanenstämme und siegte so über die römische Armee

Als König Friedrich Wilhelm IV. 1853 zur Einweihung anreiste, nörgelte er: „Ich habe geglaubt, eine goldene Brücke vorzufinden, weil so schrecklich viele Thaler verbraucht worden sind“. Aber sein Geld war gut angelegt, denn die kühn geschwungene Überführung wird noch immer von der Bahn befahren.
Mich stören die Höhenunterschiede nicht, ganz im Gegenteil: Über ein landschaftlich attraktives Asphaltband erreiche ich den nicht weit entfernten Preußischen Velmerstot. Der 468 Meter hohe Gipfel gilt als höchste Erhebung und nördlicher Rand des Eggegebirges. Mein nächstes Ziel, die vielbesuchte Felsformation Externsteine, liegt schon im angrenzenden Mittelgebirgszug Teutoburger Wald. Vom großzügigen Parkplatz schlendere ich in ein paar Gehminuten zu den steil aufragenden Sandsteinen, die den alten Germanen wohl als Kultplatz oder Heiligtum dienten.
Die Römer und ihr Hang zum Wegebau brachten die Via Regia hervor, aus der viel später die Reichsstraße eins, die heutige Bundes­straße eins wurde. Ich nehme nur ein klitzekleines Stück der von der niederländischen bis an die polnische Grenze reichenden Chaussee unter die Räder und biege in Kohlstädt zur Passhöhe Gauseköte ab. Nur wenige Schaltvorgänge später taucht das erste Hinweisschild „Hermannsdenkmal“ auf.
Die vielen, untereinander zerstrittenen Germanenstämme konnten die römischen Invasoren nicht aufhalten, bis der Cheruskerfürst Arminius es schaffte, alle Häuptlinge für sich zu gewinnen. Der Feldherr Varus mit seinen Legionen – man spricht von einem Achtel der römischen Heeresmacht –

wurde in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen. Wo genau, konnte man bis vor kurzem nicht mit Sicherheit feststellen, auf keinen Fall am 53 Meter hohen Ehrenmal südwestlich von Detmold. Neueste Ausgrabungen mit zahlreichen Waffenfunden lassen das Kampfgeschehen eher am Kalkrieser Berg bei Bramsche vermuten.
Das sehenswerte Hermannsdenkmal wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, in einer Zeit, in der die vielen deutschen Kleinstaaten dringend einer neuen Führung bedurften. Und aus Arminius wurde urdeutsch Hermann, der bis heute sein riesiges Schwert weit sichtbar über den Teutoburger Wald reckt.

Tausendjährige Erosion: Die Externsteine dienten den Germanen einst als Kultplatz und Heiligtum

Der sich in nordwestliche Richtung ausdehnende Höhenzug bildet die Was­serscheide zwischen Ems und Weser, bis dahin möchte ich heute noch fahren. Schnell finde ich mich auf der geschichtsträchtigen B 1 wieder, die mit Erreichen des sanft gewellten Lipper Berglandes auch landschaftlich an Reiz zulegt.
Kurz vor der niedersächsischen Rattenfängerstadt Hameln biege ich ins Emmerthal ab, werfe einen Blick auf die am Straßenrand aufragende Hämelschenburg, einem prächtigen Wasserschloss der Weser­renaissance und erreiche schon bald den langgezogenen Schiedersee, ein beliebtes Bade- und Segelparadies.
Angst und Schrecken verbreiteten einst die Schwalenberger Grafen, die im Mittelalter zu den gefürchtetsten Raubrittern der Region zählten. Ihre Burg ruht im nahen Fachwerkstädtchen Schwalenberg auf einem uneinnehmbaren Felsvorsprung und bietet mit dem sogenannten „Grafenblick“ ein unvergleichliches Panorama vom Teutoburger Wald bis zum Eggegebirge. Doch weil ich ja an die Weser wollte, nehme ich Kurs auf Polle, wo unterhalb der Burg die Weserfähre ihren Dienst versieht. Stromaufwärts folge ich dem Wasser­lauf auf der B 83 zum Kloster Corvey, das im neunten Jahrhundert als Benediktinerabtei gegründet und mittlerweile als UNESCO-Weltkultur­erbe geadelt wurde.
Das Sahnehäubchen des Tages habe ich mir für den Tourabschluss aufgehoben: In sportlicher Schräglage wedele ich hinauf zum Gipfel des Köterberges, mit 496 Meter die höchste Erhebung Ostwestfalens. Nach einem Pott Kaffee und Benzingesprächen unter Gleichgesinnten lasse ich meinen Blick über die umliegenden Mittelgebirgszüge wandern und stelle mir die alte Frage: Wohin jetzt?

Reise-Info:

Streckenlänge: 250 Kilometer

Dauer der Tour: Tagestour

Allgemeines:  In der äußersten Ecke Nordrhein-Westfalens westlich der Weser verbirgt sich zwischen den Mittelgebirgszügen Teutoburger Wald, Eggegebirge, Lipper Bergland und Weserbergland ein dichtes Geflecht überwiegend verkehrsarmer Landstraßen. Die mit unerwarteten Höhenunterschieden und tausenden von Kurven gespickte Region bietet unkomplizierten Fahrspaß, eine Vielzahl interessanter Sehenswürdigkeiten, gut besuchte Motorradtreffs und jede Menge Lokalitäten von rustikal bis edel. Die Fahrt hinauf zum Gipfel des Monte Bello, wie der Köterberg liebevoll genannt wird, ist ein absolutes Muss.

Anreise: Das Tourengebiet wird im Norden von der A 2, im Westen von der A 33 und im Süden von der A 44 umschlossen.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober

Literatur: Die Broschüre „Lieblingstouren“ mit zehn perfekt ausgearbeiteten Rundtouren und einzeln zu entnehmenden Karten für den Tankrucksack bietet der Kulturland Kreis Höxter für drei Euro oder als kostenlosen PDF-Download samt Navi-Daten an.

Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.

Informationen: Kulturland Kreis Höxter, Corveyer Allee 7, 37671 Höxter, Fon 05271/974320, www.bikerregion.de

Eintrittspreise: Für die Externsteine und das Hermanns­denkmal bietet sich die günstige Kombi-Karte für 4,50 Euro an. Parkplatzgebühren werden gesondert erhoben.

Auf dem Monte Bello: Der Köterberg ist ein gern besuchter Bikertreff und Assichtspunkt

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