Von Luv und Lee: Ostseeinsel Fehmarn

Vorherrschende Windrichtung West: Küstenkradler sind Binnenlandbikern eine Flossenlänge voraus, wenn sie sich von einer frischen Brise über die sonnige Ostseeinsel Fehmarn treiben lassen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Die Begriffe „Luv“ und „Lee“ stammen aus der Seemannssprache. Während Luv die dem Wind zugewandte Seite bezeichnet, steht Lee für den Windschatten. In Schleswig-Holstein pustet es überwiegend aus westlichen Richtungen. Und weil so der Wind übers Meer kommt, ist das Klima in aller Regel ausgeglichen. Das gilt besonders für das sonnenreiche Fehmarn. Von Oldenburg aus steuern wir unsere Maschinen durch die typisch norddeut­sche Knicklandschaft: Kilometerlange, von Menschenhand errichtete Wallhecken, die nicht nur als Grenzen und Erosionsschutz dienen, sondern auch als Lebensraum für Kleintiere. Einmal nicht aufgepasst und eine Lücke im Knick übersehen, drängt der Wind das Motorrad aus der Spur.
Ähnliches gilt für die Fehmarnsundbrücke, die wir ab Großenbrode unter die Räder nehmen. Die gigantische Nabelschnur, die seit 1963 die drittgrößte deutsche Ostseeinsel mit dem Festland verbindet, ist ab Windstärke acht für Pkw mit Anhänger und leere Lkw gesperrt, bei Sturm sogar für den gesamten Verkehr. Heute weht 23 Meter über der Wasseroberfläche nur ein laues Lüftchen. Gute Gelegenheit, den Ausblick auf Ostholstein, das Eiland und die Meerenge zu genießen. Kaum senkt sich die Abfahrt hinunter auf die 185 Quadratkilometer große Scholle, verlassen wir die verkehrsreiche Strecke über die Ausfahrt Avendorf. Windschiefe Bäume und niedriges Buschwerk säumen unseren Weg zum alten Hafen Burgstaaken. Bis zum Bau der Brücke pendelten von hier Fähren über den ein Kilometer breiten und bis zu neun Meter tiefen Sund. Danach wandelte sich der ehemalige Fährhafen zu einem beliebten Liegeplatz für Motor- und Segelyachten. U 11, ein Unterseeboot der Bundesmarine, das sich bis Mitte der achtziger Jahre überwiegend unter den Ostseewellen verbarg und die Seewege verteidigen sollte, wurde 2005 aus dem nassen Element gehievt und hier auf Land gesetzt. Ähnlich erging es dem Seenot­rettungskreuzer „Arwed Emminghaus“, der nach fast 50 Jahren friedlicher Nutzung neben dem grauen Wolf platziert wurde. Als Museumsschiffe geben beide Auskunft über das Leben und Arbeiten an Bord. Leinen los, wir ziehen weiter. Viele Straßen Fehmarns führen als Sack­gasse bis an den Strand, ein besonders einsames Exemplar lässt uns am östlichsten Punkt des Eilandes vorbeischwingen, dem Leuchtturm von Staberhuk. „Huk“ nennt der Fehmarner ins Meer ragende Landnasen, auf denen ein Leuchtfeuer steht.
Anschließend tasten wir uns auf magerem Asphalt an der Küstenlinie entlang nach Norden zum nächsten Seezeichen in Marienleuchte, das genau genommen aus zwei Anlagen besteht. Der bereits Anfang des 19. Jahr­hunderts von den Dänen aus gelben Ziegeln errichtete Turm wurde mittlerweile durch einen schlanken, rot-weiß geringelten Stahlbetonturm ersetzt, der die Sicherungsaufgaben vollautomatisch ausführt.

Außen schlicht, innen schön: Die im 13. Jahrhundert errichtete Petrikirche in Landkirchen zählt zu den ältesten Sakral­bauten der Ostseeinsel

Die Mühle „Jachen Flünk“ in Lemkenhafen hat tüchtig mitgemahlen: Fehmarn ist die Kornkammer Schleswig-Holsteins

Nabelschnur: Seit 1963 ist die Ostseeinsel Fehmarn mit dem Festland verbunden

Im Fährterminal Puttgarden herrscht reger Betrieb, Fähren transportieren Kraftfahrzeuge aller Art von und nach Rödbyhavn auf der dänischen Insel Lolland. Die unzähligen Zug­vögel, die hier ebenfalls die kürzeste Strecke für ihre Ostseeüberquerung nutzen, prägten den bekannten Begriff „Vogelfluglinie“. Am Strand von Gammendorf macht ein Gedenkstein darauf aufmerksam, dass die sonst so friedliche Ostsee im Sommer 1932 das Segelschulschiff „Niobe“ verschlang. Acht Kilometer vor der Küste brachte eine plötzlich auftretende Gewitterböhe das Schiff zum Kentern, 69 Menschen fanden den Tod.
Ist die östliche Hälfte des Eilandes rau und spröde, wechselt die Landschaft mit jedem gefahrenen Kilometer ins Liebliche. An der Nordwestecke sorgt der denkmalgeschützte, achteckige Leuchtturm Markelsdorfer Huk Tag und Nacht für Sicherheit auf der stark frequentierten Wasserstraße Fehmarn Belt. Das Vogelschutzgebiet Wallnau haben wir im großen Bogen umfahren und in Flügge dem letzten Leuchtfeuer des heutigen Tages einen Besuch abgestattet, als wir am vor Bootsleibern platzenden Hafen von Orth vor Anker gehen. Im Halbschatten vor dem Café „Die Villa“ genießen wir nicht nur lecker Kaffee und Kuchen, sondern auch das maritime Ambiente. Wenig später umrunden wir Krummsteert Wiek, was im Plattdeutschen „Bucht“ bedeutet, und steuern Lemkenhafen an. Reiche Ernte­erträge belohnten die Insel zwischen Sund und Belt mit dem Titel „Kornkammer Schleswig- Holsteins“. Die voll funktionsfähige Holländer­mühle „Jachen Flünk“ in Lemkenhafen hat dabei sicherlich tüchtig mitgewirkt. Vom nahen Landkirchen aus machen wir uns auf den Rückweg. Hoch über der silbern glänzenden Meerenge rüttelt der Wind erneut an unseren Maschinen und Helmen, bis wir ins quirlige Heiligenhafen abbiegen, um die Autobahn bis Oldenburg zu umfahren. Die auf dem stehtiefen Binnensee dahin preschenden Surfer sind nur schmückendes Beiwerk, als wir Njörd aufsuchen – eine Bronzestatue, die den für ruhige See und gutes Wetter verantwortlichen nordischen Gott und Schutzpatron der Seefahrer und Fischer darstellt. Hallo Njörd, vielen Dank für den schönen Tag!

Hoteltipp

Hotel Hoheluft

Ideal auch als Zwischenstopp auf dem Weg nach Skandinavien, als Ausgangspunkt für Fahrten ins holsteinische oder mecklenburgische Binnenland sowie an die weißen Sandstrände der Ostsee. Für kulturell Interessierte: Die Hanse- und Marzipanstadt Lübeck ist auch nicht weit. Grundsolide ausgestattete Gästezimmer und ein gemütliches Restaurant, kostenloses WLAN. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 72 Euro.

Thomas Blunk
Hoheluftstraße 32, 23758 Oldenburg
Fon 04361/49930
www.hotel-hoheluft.com

Reise Info

Streckenlänge: 150 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die an einen überdimensionalen Kleiderbügel erinnernde Fehmarnsundbrücke verbindet das zu den sonnenreichsten und zugleich regenärmsten Gebieten Deutschlands zählende Eiland mit dem übrigen Schleswig-Holstein. Ab Mitte Mai herrschen bikerfreundliche Temperaturen, dann taucht die Rapsblüte das ganze Land in den gelben Farbeimer. Angenehme Badetemperaturen sind aber erst ab Ende Juni zu erwarten. Die Sommerferien sollte man wie fast überall meiden. Der meist beständige September lockt mit reizvollen Touren entlang der abgeernteten Felder. Fehmarn ist nach Rügen und Usedom die drittgrößte Ostseeinsel der Republik. Mit einer herzoglichen Verordnung aus dem Jahr 1617 wurde jeglicher Bodenverkauf an Adlige untersagt. So konnten keine Großgüter entstehen, die für Fehmarn typischen kleinen Bauerndörfer blieben erhalten.

Anreise: Aus dem Süden oder Westen über die A 1 oder A 7 nach Hamburg. Aus dem Osten führen die A 24 und die A 20 heran. Als Anfahrt zum Hotel empfiehlt sich die A 1 Richtung Puttgarden, Abfahrt Oldenburg-Mitte.
Reisezeit:
Mitte Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 154 „Ostseeküste Schleswig- Holstein“. Über 100 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten, Preis 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19, zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.Informationen: Tourismus-Service Fehmarn; www.fehmarn.de, Burgtiefe, Zur Strandpromenade 4, 23769 Fehmarn; Fon 04371/506-300
Museum: U-Boot-Museum Fehmarn, Burgstaaken 89, 23769 Fehmarn / OT Burg, April bis Oktober täglich von zehn bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt 6,80 Euro, www.ostsee-u-boot.de

Teilen: