Die Villa Löwenherz im Weserbergland, die Herberge für Motorradfahrer im Herzen Deutschland, feierte 2018 ihr 40-jähriges Jubiläum. NEWS taucht tief ein in die Geschichte des Kult-Treffs.

Vielleicht liegt es daran, dass das Haus ein Paradebeispiel für die Weser-Renaissance ist, mit den typischen Giebeln, Pfeilern und geschwun­genen Verzierungen. Oder es ist die Aura der bewegten 113-jährigen Geschichte, die das Haus umgibt. Fakt ist: Hinter den Toren der Villa Löwenherz ticken die Uhren anders. Auf der Veranda sind wir zum Plausch mit Martha Kuckuck, ihrem Bruder Stephan Pirone und ihrem Mann Reiner verabredet. Die Villa ist für die Geschwister mehr als eine Arbeitsstätte: Sie ist ihr Zuhause. Die beiden sind wie ihre Schwestern Almuth und Barbara mit dem Betrieb und den Motorradfahrern aufgewachsen.

Schmuckes Szene-Domizil: Die Villa ist ein Paradebeispiel für die Architektur der Weser-Renaissance.

Denn der Umbau der abbruchreifen Villa Löwenherz zur Biker-Herberge war ein gro­ßes Gemeinschaftsprojekt, das nur gelang, weil viele Gäste damals mit anpackten und auch die Kinder von klein auf mit eingebunden waren. „Die Motorradfahrer und wir, das war wie eine Gründergemeinschaft“, bringt es Stephan auf den Punkt. 1978 hatten Paula und Norbert Pirone die Villa gekauft und hauchten ihr nach 14 Jahren Leerstand mit dem Umbau neues Leben ein. Martha war damals 13, Stephan 15 Jahre alt. Erbaut vom jüdischen Kaufmann Hermann Löwenherz, dem Inhaber eines Holzwerks, hatte die Villa zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II. als Wohnsitz für seine Familie gedient. Die Nazis missbrauchten es als Heim für den Bund deutscher Mädels, nach dem Krieg war es Flüchtlingsunterkunft.

Einigen, die bei der Renovierung ihren Fingerabdruck hinterlassen haben, widme­ten Pirones später Gästezimmer. Die tragen in der Villa Löwenherz nämlich Namen. Das Zimmer „Otfried“ etwa ist nach einem Freund der Familie benannt. Er war es, der Paula und Norbert Mitte der Siebziger einen Floh ins Ohr setzte.
„Otfried hatte auf seinen Touren immer wieder vor verschlossenen Türen gestanden“, erinnert sich Paula. „Motorradfahrer galten damals als Menschen zweiter Klasse. Gegen diese Diskriminierung wollten wir etwas unternehmen.“ Paula, die in jungen Jahren im elterlichen Auto- und Motorradhaus Horex, Adler und Maico verkaufte, und der junge Bankkaufmann Norbert hatten zu der Zeit vier kleine Kinder und einen Betrieb für Schwimmbadbau.

Aus der Idee wurde Realität, als Pirones 1975 eine legendäre Zeitungsanzeige schal­teten. „Alle Freunde schwerer Maschinen, alle Elefantentreiber, alle liebevollen Vete­ranen-Pfleger, alle, die ein Reitpferd der Technik besitzen, sind eingeladen zur Motorrad-Ranch in Brilon“, rezitierte Paula mit feierlichem Singsang in der Stimme.
Pirones hatten das Potenzial der Bewirtung von Motorradfahrern erkannt, als diese noch als Rocker und Asoziale galten. Mit ihrer „Motorrad-Ranch“ in Brilon wurden sie zu Wegbereitern einer neuen Ära. Die leerstehende Produktionshalle des Betriebs wurde kurzerhand zum Matratzenlager umgemodelt. Im Mai 1976 zogen sie um auf Gut Schirmecke in Beverungen, zwei Jahre später fanden sie die nahe Villa Löwenherz.

Wegbereiter einer neuen Ära: Das wilde Motorrad-Volk fand in der Villa erstmals Unterschlupf

Dort ging es 1979 mit spartanischer Aus­stattung los: „Im ersten Stockwerk gab es nur ein Matratzenlager, 40 Gäste haben sich ein Bad geteilt“, erinnert sich Stephan. Der Ausbau der 35 Räume, des imposanten Treppenhauses und der Festräume, morsche Balken im tragenden Gerüst und das undichte Dach hielten die Familie auf Trab. Mitte der Neunziger schlugen die Senio­ren noch einmal ein ganz neues Kapitel auf. 20 Kilometer von der Villa entfernt kauften sie die mittelalterliche Tonenburg in Höxter- Albaxen und bauten sie zur Motorrad- Herberge um. Die mittleren Kinder Martha und Stephan pachteten die Villa zunächst von ihren Eltern und kauften sie schließlich.

 Pferdestärken, wohin man schaut: Unbeschwerte Momente einer turbulenten Jugend

Anfangs haben Hotelfachfrau Martha und Krankenpfleger Stephan noch abwechselnd selbst gekocht und sich die Schichten geteilt. Marthas Mann Reiner stieg 1998 ins Villa- Team ein, zehn Jahre später folgte Ste­phans Lebensgefährtin Kathrin. „Wir haben die vielen Provisorien schnell durch solide Lösungen ersetzt“, erinnert sich Reiner. „Früher hat es durchs Dach geregnet, die Elektrik im Haus ging immer in die Knie, wenn mehr als drei Durchlauferhitzer ansprangen.“
Geschlummert wird in Einzel- und Mehr­bettzimmern oder im Bettenlager. Obwohl sich viele gereifte Motorradfahrer heute Komfort und Privatsphäre wünschen, sind die Gruppenräume im Kellergeschoss nach wie vor fast immer ausgebucht.

„Back to the roots, mit kleinem Gepäck und den Kumpels einfach losfahren. Die Jugend auf­leben lassen“, zitiert Stephan seine Gäste. „Handwerker und Lehrer genauso wie Zahnärzte oder Lkw-Fahrer: Die Besucher der Villa sind immer auch ein Querschnitt durch die Gesellschaft,“ philosophiert Stamm­gast Carsten, der das Haus seit Ende der Achtziger immer wieder gern besucht.
Wenn Martha, Reiner und Stephan ihre Africa Twin und Tiger 800 für Ausflüge mit den Gästen satteln oder bei Großenduro- Treffen die Gruppen durchs Gemüse lotsen, sind sie in ihrem Element. In der Villa Löwen­herz kehrt man bei Leuten ein, die nicht nur Geld verdienen. Man ist mitten unter Menschen, die das Motorrad mit Leib und Seele leben.

Treff: Villa Löwenherz, Würgasser Straße 5, 37697 Lauenförde/Weser, 05273/7567, www.villa-loewenherz.de. Motorrad-Herberge mit Zimmer und Matratzenlagern, sonntags Café von 14 bis 18 Uhr
Lage: Im Herzen Deutschlands in Niedersachsen, direkt an der Grenze zu NRW und Hessen
Zeiten: Mai bis Anfang Oktober täglich, Oktober und April am Wochenende, November bis März an Programmwochenenden. Das Gespann­treffen läutet Mitte März die Saison ein, gefolgt vom Großendurotreffen sowie Marken- und Themen-Wochenenden.
Wer: Motorradfahrer aus ganz Deutschland und dem nahen Ausland.
Hinweise: Übernachtungen im Zimmer gibt es ab 32 Euro, im Bettenlager ab 18 Euro. Pauschalen für die Themenwochenenden und Kurz­urlaube. Für Gäste liegen 42 Touren als Roadbook und Navi-Download bereit, die das Team ausge­arbeitet hat.
Ringsherum: Edersee, Diemelsee, Harz, Solling, Köterberg, Sauerland und hoher Meissner – rund um die Villa gibt es geniale Routen und Ausflugs-Ziele, die auf Tagestouren entspannt erreichbar sind.

Eingeschworen: Stephan, Kathrin, Martha und Reiner

Jubiläums-Memoiren
Anlässlich des 40-Jährigen Jubiläums sammelt das Villa-Team die Anekdoten seiner Gäste: Wer schöne Fotos und Erinnerungen hat, kann sie unter postfach@villa-loewenherz.de einreichen. Wenn genug Material zusammenkommt, strickt Martha daraus einen bunten Rückblick.

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