Die elementare Frage, wenn die Kinder aus dem Haus, die Konten überfüllt und die Knochen nicht mehr die geschmeidigsten sind: Cabrio oder Luxustourer? Till vergleicht zwei Zweisitzer von Smart und BMW, die in vielerlei Hinsicht erstaunlich dicht beieinander liegen.

Text: Till Ferges Fotos: Guido Bergmann

Stellen wir uns mal vor, du als ausgebuffter Spekulant hättest 25 bis 30 Tausender Spielgeld von deinen CumEx-Geschäften übrig. Nur für Spaß, nur für dich. Ich persönlich würde mir vielleicht eine kräftige Zweitakt-Supermoto aufbauen, den Segelschein machen und ein kleines Boot kaufen. Den Rest in Urlaub, Metal-Konzerte, Vollkorn-Sprudel und eine Nordschleifen-Jahreskarte investieren. Ich bin allerdings auch kein Maßstab, denn vom Geldausgeben verstehe ich noch weniger als von mutmaßlichem Aktienbeschiss.

Was also, wenn es das Herz des Gutbetuchten einfach nur nach einem bequemen Drittfahrzeug verlangt? Nach seichtem Fahrtwind. Nach Sonne im Gesicht, Marianne Rosenberg aus den Boxen und Champagner-Frühstück am Wegesrand. Dann stehst du mit deiner ganzen Knete irgendwann vor der großen Frage: Motorrad-Luxus oder schickes Cabrio?

 

Wir haben uns die letzte motomobile Eskalationsstufe in Form einer BMW K 1600 Grand America geschnappt. Und sind auf die Suche nach einem würdigen Gegner gegangen. Fündig wurden wir, wo wir es nie erwartet hätten – bei den Cityflitzern von Smart.

Denn die Gemeinsamkeiten sind wirklich erstaunlich. Etwa beim Preis: Eine Grand America ist ab 25070 Euro zu haben. Allerdings in Grundausstattung. Das Testmotorrad kostet rund 30000 Euro. Unser Smart fortwo Cabrio liegt bei 24394 Euro, nahezu voll ausgestattet und mit einem 90-PS-Turbo-Triple samt Sechsgang-Automatik. Er wird auf Wunsch sogar im gleichen Pornostar-Gold lackiert wie die BMW, unser Testwagen kam allerdings in Anthrazit angerollt.

Auch bei den Abmessungen liegen die beiden Süddeutschen sehr nah beieinander: Der Smart ist knapp 2,70 Meter lang, die BMW rund 2,60 Meter. Ist die Scheibe der K 1600 voll ausgefahren, ist der Luxustourer mit 1,55 Meter genauso hoch wie der Oben-ohne-Flitzer.

Platz fürs Pärchen und Gepäck haben beide, ins BMW-Topcase passen wie in den Smart-Kofferaum zwei Integralhelme. Und ein Fläschchen Champagner samt Canapés darf auch noch mit. Noch mehr Parallelen? Heckantrieb, sechs Gänge, ähnliche Zuladung, rund sechs Liter Verbrauch. Dazu ein fettes Soundsystem, Tempomat, Bordcomputer und ein buntes Navi.

 

Unser Zweikampf heißt aber nicht nur Motorrad gegen Cabrio. Sondern auch “Mercedes gegen BMW”, der niedliche Smart ist schließlich ein waschechter Daimler. Und “Turbo gegen Sauger”, der Stuttgarter Triple ist im Gegensatz zum Münchener Sixpack aufgeladen. “Automatik gegen Schalter” muss man nicht erklären. Immerhin: Bei der BMW muss man zwar noch selber schalten, aber der Quickshifter und das gewaltige Drehmoment erleichtern die Arbeit ungemein. Und “Maultasche gegen Weißwurst”? Vielleicht ein bisschen albern. Aber ihr seht: Neben den Gemeinsamkeiten gibt es reichlich Konfliktpotential.

Für unsere Ausfahrt verkleide ich mich erstmal als Autoblogger und schwinge mich ins Cabrio. Ordentliche Verarbeitung, Ledersitze, Klavierlack-Optik. Erstaunlich viel Platz gibt’s vorne, für Fahrer und Beifahrer ein ganz normales Auto. Bis man sich umdreht. Da fehlen nämlich anderthalb bis zwei Meter, mit der rechten Hand kann man locker in den Kofferraum greifen. In der Stadt ist das obercool, denn dank Einparkhilfe schnappe ich mir Parkplätze, von denen selbst Polo-Fahrer nur träumen können.

Ähnlich forsch wie mit dem Motorrad geht es im Italo-Stil durch den Stop-and-Go-Verkehr – links, rechts, links, hupen, gestikulieren, weiter. Und man dreht dank irrsinnig kleinem Wendekreis fast auf der Stelle, ich brauche beim Umdrehen tatsächlich kaum mehr Platz als mit der BMW. Einziger Wermutstropfen in der Stadt: Sechsgang-Automatik und Turbo verlangen beim Anfahren nach ein wenig Weitsicht, denn dem Tritt aufs Gas folgt erstmal eine Gedenksekunde und der heranrasende LKW gewinnt beachtlich an Bedrohlichkeit.

 

Egal, daran gewöhnt man sich und gibt einfach früher Gas. Ich freue mich lieber über Sommer, Sonne, Sonnenbrand – das elektrische Stoffdach rollt per Knopfdruck nach hinten, sogar die Dachholme lassen sich rausklicken und im Kofferraum verpacken. Dann bleibt hinten allerdings nur noch Stauraum für ein Ferrero Küsschen. Auf der anderen Seite brauche ich keinen Helm und keine Kombi, kann nach dem Parken entspannt losmarschieren.

In der Stadt macht die wuchtige K 1600 naturgemäß wenig Laune. Zwar ist das Handling angesichts der Abmessungen erstaunlich wuselig, der Schwerpunkt des 368-Kilo-Brockens liegt sehr tief. Aber durch den Stau schlüpfen und mal eben auf dem Bürgersteig parken, diese klassischen Mopped-Vorteile bringt die bayerische Wuchtbrumme nicht unbedingt mit. Sie ist ein großer Luxustourer für die Langstrecke.

Bleiben wir bei den Gemeinsamkeiten: Autobahn finden beide doof. Die BMW ist bei Topspeed 162 eingeregelt, der Smart bei  gemessenen 157. Und hüben wie drüben gibt’s grottigen Geradeauslauf bei hohem Tempo. Denn BMWs Luxustourer fährt im Solo-Betrieb wie auf Pudding und wird von seiner eigenen Aerodynamik gebeutelt, der Speedcutter hat definitiv seine Daseinsberechtigung. Erst mit Sozia hinten drauf wird es spürbar besser. Und die sitzt übrigens formidabel.

Der Mini-Daimler versetzt auf der Autobahn bei Bodenwellen gerne, drängt bei forscher Fahrweise in der Abfahrt ansatzlos mit dem Arsch nach außen. Eine Folge des extrem kurzen Radstands, das ESP greift gottlob selbstbewusst ein. Für beide gilt also: Vollgas will man nicht wirklich fahren, unsere Kombattanten sind halt Cruiser. Lassen wir das mit der Autobahn.

Dritte Disziplin: Raus aufs Land. Das Wetter ist famos. Da fühlen sich beide wohl. Der Smart, weil er bei moderatem Tempo so etwas wie Kurvenspaß vermittelt und man mit offenem Dach und lauter Musik ungestraft den Duft der Kornfelder aufschnupfen kann. Nur nicht aus Versehen an den Motorrad-Treff fahren – wenn dich die Biker-Kumpels im Smart erkennen, fliegen Frikadellen und Schmähgesänge. Aber wenn wir mal ehrlich sind, ist das mit dem goldenen Sechszylinder auch nicht ganz auszuschließen.

Smarts Turbo-Drilling schiebt kräftig aus dem Keller, ist allerdings wenig drehfreudig. Allzu zackig sollte man nicht um die Kurven quietschen, denn wie erwähnt greift irgendwann die Elektronik ein. Aber: Auch die BMW schranzt bei diesem Tempo schon mit den Trittbrettern, so viel mehr kann und möchte die Grand America im Winkelwerk nicht. Und die Sozia erst recht nicht.

Auf den Geraden ist die Sache klar, da beschleunigt die BMW mit ihren 160 Pferdchen gefühlt drei Mal so schnell. Sehr praktisch beim Überholen. Sehr unpraktisch, wenn der Schutzmann dir Löcher in den Führerschein lasert. Das Beschleunigen macht Fahrer und Sozia jedenfalls glücklich, der Sound des Sixpacks ist brilliant. Am Ende geht die Fahrdynamikwertung logischerweise an die K – der bärenstarke Sechszylinder, die standfesten Stopper und das erstaunlich fluffige Handling machen flottes Fahren auf der Landstraße zum größeren Vergnügen.

Womit wir beim eigentlichen Vorteil des Motorrades wären: Auch diesem witzig-flinken Cabrio fehlt das letzte Quäntchen Freiheit. Das Hin- und Herwedeln, das Abwinkeln und die Beschäftigung mit der Kurventechnik, die dritte Dimension der Schräglage. Und vielleicht auch das Verletzliche – was Beifahrern und Daheimgebliebenen naturgemäß ganz gut gefällt.

Kurz: Selbst auf BMWs Luxus-Cruiser mit Soundsystem und perfektem Wetterschutz gibt es kaum eine größere Freude, als von langgezogener Kurve zu langgezogener Kurve zu röhren. An dem seit Easy Rider bis zum Zerreißen strapazierten Freiheitsgedanken ist halt wirklich was dran. Und weil ein Motorrad schmaler ist als ein Auto, sind erheblich mehr kleine Sträßchen fürs Herumtollen geeignet.

Dynamisch kann unser edler Kleinstwagen also nicht mithalten, der Daimler hat reichlich andere Qualitäten. Die Bedienung ist kinderleicht. Man muss sich viel weniger mit dem Vehikel selbst, den Klamotten oder den Elementen beschäftigen. Reinhüpfen, ein Knopfdruck öffnet das Dach, der rechte Fuß regelt den Rest. Will ich ein praktisches Fahrzeug für Stadt und gemütliche Landpartien? Dann unbedingt mal den Smart zur Probe fahren. Der ist so sympathisch, dass mich dieser Vergleich am Ende ernsthaft ins Grübeln bringt. Und der besten Sozia von allen den Kopf verdreht: “Du solltest deine ganzen Moppeds verkaufen, dann könnten wir uns den Smart gönnen und du würdest nicht so oft hinfallen.” Weil das natürlich keine Option ist, muss ich es wohl doch mal mit Aktien probieren.

 

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