Von Zontes habt ihr noch nie gehört? Wir auch nicht.Der Hersteller aus China baut mit der 310R nun einen schmuck ausschauenden Roadster und plant bereits eifrig die Zukunft. Wir haben getestet, was das Krad aus dem Reich der Mitte im Alltag taugt.

Veltins oder Perlenbacher, Nutella oder Choco Nussa, Coca Cola oder Freeway Cola: Original oder Kopie? Oftmals entscheidet hierbei der Geschmack – oder im schlimmsten Fall das Vorurteil. Der chinesische Konzern „Zontes“ will mit dem Vorurteil aufräumen, China-Kracher würden uns Europäern nicht schmecken – und hat uns den brandneuen Einsteiger-Roadster 310 R in die Garage gestellt. Ob uns der schmeckt? Gehen wir erst einmal ums Fahrzeug rum und staunen: LED-Scheinwerfer, LED-Blinker, elektrische Tankklappe, elektrische Sitzentriegelung, zwei Fahrmodi, rot-umleuchtete Armaturen und – hört hört – ein Keyless-Go-System statt schnödem Schlüssel startet das Krad aus dem Reich der Mitte. Features, die sonst eher höheren Preisklassen vorbehalten sind. Einen Bonuspunkt gibt’s zudem für den ebenfalls serienmäßigen USB-Anschluss für’s Navi oder Smartphone, spritzwassergeschützt in der kleinen Seitenverkleidung vorne links eingelassen.

Stadt- und Land-Feger:
Der handliche Roadster lässt sich wieselflink abwinkeln.

Optisch macht die 310R auf einen Mix aus MV Agusta, Honda und Ducati. Die umleuchteten Taster findet man so auch bei Bikes aus Borgo Panigale, die Front schaut verdächtig nach einer älteren CB650R aus. Und der doppelte Endschalldämpfer könnte quasi eins-zu-eins bei der italienischen Edelschmiede abgeguckt sein. Erwischt? Mitnichten: Trotz der Designanleihen ist die Verarbeitung alles andere als schäbig. Die Spaltmaße sind japanisch akkurat, die Lackierung makellos, die Plastikteile durchgefärbt. Auch die Schweißnähte des Sammlers sehen gut gemacht aus, die Aluguss-Schwinge sowieso.

Gut ablesbar:
Das Display ist modern, ohne zu verwirren.

Eindeutig: Die Herkunft ist am Federbein sehr offensichtlich.

Bosch und die Chinesen:
Das Zwei-Kanal-ABS kommt aus Deutschland.

Verstellbare Hebel findet man bei der Klassen-Konkurrenz sonst nur im Zubehörkatalog – bei der R sind sie im Kaufpreis enthalten. Kurz: Die Zontes hält verarbeitungsseitig auch einem sehr kritischen Blick stand.
Also geben wir dem flüssigkeitsgekühlten 35-PS-Eintopf eine Chance: Ein Knopfdruck genügt, schon nimmt der kleine Vierventiler säuselnd seine Arbeit auf. Das Drehzahlband ist dabei klassentypisch groß: Erst bei knapp 9000 Touren fängt im gut ablesbaren Tacho der rote Bereich an. Man sitzt eher im Bike als obenauf, das Platzangebot ist gut, die Polsterung durchaus gemütlich. Mit einer Sitzhöhe von gerade einmal 800 Millimetern dürfte sie zudem kurzgewachsenen Piloten schmeicheln. Ab in die Stadt. Im typischen zähen Feierabendverkehr steppt man die Gänge nur so durch – typisch für Hubraum- und PS-Klasse.

Das Getriebe hat knackig-kurze Wege und werkelt akkurat. 50 km/h fährt man ohne Ruckeln im Fünften, kultiviert und ohne Verschlucken hängt der Pott am Gas. Das hält den Sound eher dezent, das Ansauggurgeln erträglich – und schont die Gelenke vor Vibrationen.
Also ab auf die Bahn, die Liebste wartet. Auch hier sind Vibrationen erstaunlicherweise erträglich. Ab 4000 Touren gibt’s merklichen Vortrieb, auswringen muss man jeden Gang jedoch nicht. Zwar dreht der Eintopf bei Richtgeschwindigkeit sagenhafte 8000 Touren, richtig kribbelig wird’s aber selbst dort nicht.

Pfiffig gemacht: Die Zontes überraschte in allen Bereichen.

Bei Tempo 150 ist Ende mit Vortrieb, 140 schafft die Zontes auch auf steilen Autobahnstücken mit einem 100 Kilo schweren und herbstlich eingekleideten Fahrer hinauf. Nicht übel!
Selbst auf der Hausrunde gibt’s kein blaues Auge für die Zontes. Auch für recht schwere Fahrer passt das Set-Up, schnell überfahrene Furchen sind aber nicht ihr Metier. Trotzdem liegt die R durchaus satt auf der Straße, ist im Grundsetup eher gemütlich ausgelegt. Für richtig Schräglage benötigt man etwas Nachdruck, normales im Verkehr mitschwimmen gelingt aber mit dem kleinen Finger.
Größte Überraschung sind die Reifen, sonst ein großer Stein des Anstoßes bei China-Krachern. „Cheng Shin Tires“, der taiwanesische Konzern hinter Maxxis, backt diese Gummis exklusiv für Zontes in China – und überzeugt mit der Sonderkennung „CM638“ vollends. Selbst bei frühherbstlichen Temperaturen ist die Haftung klasse, auch Nässe brachte die Gummis nicht in Verlegenheit.

Also mit Karacho auf die leere Ampel-Kreuzung zu und Vertrauen zeigen. Und siehe da: Selbst dort enttäuscht die Zontes nicht. Die einfachen Zweikolben-No-Name-Bremsen mit dem futuristischen Zontes-Logo machen einen guten Job. Der Druckpunkt blieb im Alltag stets konstant, echte Einfingerstopper sucht man aber besser in einer anderen Preisklasse. Für ordentliche Regelintervalle verbaut Zontes ein Zweikanal-ABS von Bosch.
Gibt es denn gar nix zu kritteln? Doch – aber das beläuft sich glücklicherweise auf Kleinigkeiten. Die robust wirkendnen Schalter und Knöpfe sind zwar schick rot umleuchtet, aber die Beleuchtung ist ausschließlich Zierde denn echter Nutzen bei Nachtfahrten.

Chancenauswertung? Das einzige Problem dürfte sein, dass keiner der bekannten Namen draufsteht.

Zudem ist der Blinker als Schieber ausgeführt – ungewöhnlich Retro für so viel Bling-Bling.
Im Alltag überzeugt ein solider Kettenspanner mit klar erkennbaren Markierungen. Ein Hauptständer ist nicht vorgesehen, dafür hat die Schwinge Gewinde für einen Paddock-Ständer. In der rechten Gehäuseseite sitzt gut zugänglich ein kleiner Ölpeilstab. Größter Wehmutstropfen für echten Alltagsnutzen ist die fehlende Möglichkeit Gepäcktransport.Selbst auf dem Soziusplatz lässt sich mangels Zurrpunkten nichts verstauen. Insgesamt ist die R aber für die aufgerufenen 4650 Euro ein gelungenes Schnäppchen – zumal der Verbrauch mit durchschnittlich etwa fünf Litern auf 100 Kilometern gut, wenn auch nicht perfekt ist

Fazit:
Von wegen Chinaschrott – Zontes 310R ist ein stimmig ausgestattetes und klasse abgestimmtes kleines Motorrad, das mit allen Klischees der vermeintlichen Billigheimer gehörig aufräumt. Der Motor ist gut, das Fahrwerk sowieso, die Komponenten allesamt sehr ordentlich. Jetzt muss nur noch der Rest stimmen: Vertriebsnetz und Haltbarkeit. Das Image kommt dann hoffentlich von ganz alleine.

Text und Fotos: Moritz Schwertner

 

Technische Daten Zontes 310R

Motor: Einzylinder, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum: 311,7 ccm
Leistung: 35 PS (26 kW) bei 9 500 U/min
Drehmoment: 30 Nm bei 7 500 U/min
Reifen v./h.: 110/70 R17 / 160/60 R17
Sitzhöhe: 800 mm
Wendekreis: 4,40 m
Tankinhalt: 15 l
Verbrauch: 5 l
Leergewicht: 159 kg
Preis zzgl. Nk.: 4 650 Euro

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