Erfrischend gnadenlos: In einer Zeit, in der sich Elektromobilität zur neuen Glaubensrichtung auswächst, lässt Aprilia eine verschärfte Tuono auf die Menschheit los. Ein Urviech, das Elektrik abgesehen vom Antrieb für beinahe alles nutzt. Jetzt sogar fürs Fahrwerk.

Still ruht der Gardasee. Frühlingssonne streift übers Trentino. Tief unten dümpeln weiße Segelboote auf den Wellen, und ich wundere mich, dass sie nicht panisch auseinanderflattern. Denn wir frä­sen mit der Freundlichkeit eines Meteoriteneinschlags durchs Ferienidyll.
Wir fahren Tuono. Eines der letzten wilden Wesen des Erdölzeitalters. „Das vielleicht beste Motorrad der Welt“, hatte Frank den Ausflug zur Probefahrt angepriesen. Auf jeden Fall eines der aufregendsten. Ein Renn­motorrad mit Rohrlenker, eine Kategorie, deren Erfindung Aprilia seit der ersten Tuono im Jahr 2002 für sich reklamiert. V4, 175 PS, Rennelektronik – und nun in der „Factory“- Variante auch noch ein elektronisches Fahr­werk. Alles nur, um auf der Landstraße alles niederzumetzeln, was Räder hat. Beutezüge auf die Rennstrecke nicht ausgeschlossen.
Aber wo ist da der Unterschied? Wo eine entschlossen bewegte Tuono auftaucht, tönt jeder Ort wie Sachsenring. Ihr Brunftschrei beim Hochdrehen, gewürzt vom Spotzen des Schaltautomaten, treibt vermutlich noch ein paar Täler weiter Konkurrentinnen wie KTM Super Duke und Yamaha MT-10 den Angstschweiß auf die Lampenmaske. Ein epochales Klangerlebnis, mit Akrapovic klingt es sogar noch streckensperrungsfreundlicher. Das höhere Schnarren des 2,5 Kilo leichteren Titantopfs dremelt sich noch ein paar Zentimeter tiefer in die Gehörgänge und kitzelt Gänsehaut unters Leder.
„Das ist nicht nur ein Gasgriff, damit kann man Mundwinkel nach oben ziehen,“ hatte Piaggio-Pressechef Fabio Gilardenghi behauptet, „und das ist nicht nur ein Motorrad, das ist ein Gefühlsgenerator.“ Stimmt. Eine Soundröhre, ein Teilchenbeschleuniger, eine furiose Adrenalinpumpe. Wer mit ordentlich Zug auf der Kette aus der Kehre krawallt, muss die „Aprilia Wheelie Control (aWC)“ schon auf Stufe drei justiert haben, um das Vorderrad am Boden zu halten. Gelupfte Vorderräder sind hier kein Kabinettstückchen, sondern schlicht Zwangsläufigkeit.
Für Normalfahrer mit der Neigung, Bergstraßen in einen touristtrophytauglichen Mountain Course zu verwandeln, lässt Aprilia eine ganze Armee elektronischer Helfer aufmarschieren. Neben der Wheeliekontrolle assistieren Tempomat (aCC), Boxengassenbegrenzer (aPL), Launch Control (aLC), bidirektionaler Quickshifter (aQS) und Traktionskontrolle (aTC). aTC lässt sich nicht nur per Daumen und Zeigefinger jederzeit verstellen, sondern macht das sektorengenau selbst, wenn man die Aprilia- V4-App aufs Smartphone geladen und eine Rennstrecke ausgesucht hat. Klar, dass das Handy auch Speed, Beschleunigung und Schräglagenwinkel aufzeichnet. Das finden Carabinieri vermutlich ähnlich spannend wie Freunde und Follower.

Damping by Wire: Nach Werkzeug verlangt nur noch die Justage der Federbasis

Draufsetzen und losfahren war früher. Erstaunlich genug, dass es noch einen Zündschlüssel gibt. Aber dann muss der Joystick ran. Besser gesagt: darf. Denn wo Fahrwerk- Feingeister bislang Schraubendreher und Steckschlüssel ansetzten, hört das Öhlins- Fahrwerk „Smart EC 2.0“ auf Knopfdruck. Nur die Federbasis braucht noch Handarbeit.
Ab Werk sind mit „Track“, „Sport“ und „Road“ drei semiaktive Settings vorgegeben, die sich um die Hydraulik an Front, Heck und Lenkungsdämpfer kümmern. Für die Feinjustage kann man die Parameter an Gabel und Federbein noch um plus/minus fünf virtuelle Klicks variieren. Zusätzlich verwandeln sich die Öhlins’ bei Bedarf in ein konventionelles Fahrwerk, dessen Setup sich in einer Spanne von 31 Klicks justieren und in drei Programmen abspeichern lässt. Der Lenkungsdämpfer serviert 21 Klicks.

Klar, dass für unsere Ausflugsrunde „Track“ im Display steht. Fahrwerk: 2 wie Sport. Fühlt sich auch so an. Trotz des breiten, hohen Lenkers ist eine Tuono alles andere als eine Ausflugsgondel. Die Beine müssen sich falten, der straffe Sitz liegt relativ hoch, das Ganze bleibt vorderradorientiert. Es gibt sogar einen Soziusplatz. Aber wenn sich dort jemand hinquetscht, sind große Gefühle oder K.O.-Tropfen im Spiel.
„Der Vorteil des semiaktiven Fahrwerks lässt sich ganz klar an den Rundenzeiten ablesen“, hatte Fabio versprochen. Auf den morgens noch kalten, teils geflickten Landstraßen ist mir das „Sport“-Setup trotzdem eine Spur zu konkret. Die „Track“-Abstimmung dagegen spricht nur hartgesottene Zeitenfeiler an. Als Freund langer Federwege mag ich Fahrwerkbewegung, wechsle auf „Road“ – und fühle mich zunehmend wohl auf der Tuono. Nur in Sachen Anti-Dive muss ich noch Hand anlegen. Die mächtigen, radial angesteuerten Brembos an 330er Doppelscheibe hauen in den ersten Kurven schon bei sanftem Anlegen Dellen in den Radius. Vier Klicks straffer, und auch das Anbremsen fällt stabiler aus. Justierbares Bosch-Kurven-ABS ist fast selbstverständlich.
Frank hatte recht: wirklich ein fulminantes Landstraßenmotorrad. Wenn man es krachen lässt. Wer meint, das Drehmoment aus 1100 Kubik würde die Tuono auch im hohen Gang mit Macht aus der Biegung reißen, hat die Rechnung ohne Euro 4 gemacht. Zum Wohle der Messwerte öffnet die Auspuffklappe erst bei 4500 Umdrehungen und zieht kurvenausgangs die Zügel stramm.

Spricht auch Deutsch: Das jeweilige Setup lässt sich übersichtlich zusammenklicken

Einzige Lösung: Drehzahl. Damit ist Tuonosaurus nicht nur höllisch schnell und beeindruckend laut, sondern schlägt die Klauen auch tief in die fossilen Reserven. 7,71 Liter Super jagt die Aprilia laut Prospekt durch die Düsen. Nach unserer 140-Kilometer-Bergsportrunde gurgelten knapp 14 Liter durch die Brennräume. Wenn Greta Thunberg heute nicht zufällig beim Papst wäre, stünde sie wahrscheinlich gleich bei uns vorm Hotel. Es würde ein kompliziertes Gespräch.
Die tapfere Klimaaktivistin und wir Kinder des Benzinzeitalters. Dazwischen die erhitzte, nach Sprit und Gummi duftende Tuono Factory. Kaum ein anderes Motorrad bringt die pure Faszination, Kraftstoff in Adrenalin zu verwandeln, so auf den Punkt wie diese Aprilia. Keine tanzt wilder auf dem Vulkan. Womöglich ist sie wirklich einer der letzten Saurier unserer Zeit. mWir alle wissen ja, was aus Kollege T-Rex geworden ist. Aussterben muss jeder mal. Aber das Urviech fasziniert noch Millionen Jahre später.

Fazit: Ich bin her- und hingerissen: Mit dem elektronischen Öhlins-Fahrwerk macht die bombastische Tuono es auch Laien leicht, ein individuell passendes Setup zusammenzuklicken, um die ganze Gückseligkeit des V4 auf den Boden zu bringen. Allerdings schreit fast alles an diesem Motorrad unüberhörbar nach der Rennstrecke. Dem einzigen Ort, der einer Tuono Factory wirklich gerecht wird. Und die nächste Tankstelle ist maximal eine Runde weg.

 

Technische Daten:

Motor: Vierzylinder-Viertakt-V, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, Sechsganggetriebe, Kette
Hubraum: 1077 ccm
Leistung: 175 PS (129 kW) bei 11000 U/minTooltip Text
Drehmoment: 121 Nm bei 9000 U/min
Reifen v/h: 120/70 ZR17 / 200/55 ZR17
Federweg v/h: 120 mm / 120 mm
Sitzhöhe: 825 mm
Gewicht vollgetankt: 209 kg
Tankinhalt: 18,5 l
Preis zzgl. Nk: 19990 Euro

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