Ein Kult-Treff wird 25. Schon 2004 stellten wir den beleibten Treffpunkt “Tequila Drive” an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg in MOTORRAD NEWS vor. 14 Jahre später ist der Treffpunkt gewachsen, beliebter denn je – und lockt immer mehr junges Volk an.

von Sophie Leistner Fotos Tequila Drive, Twisted Freestyle

Nachwuchssorgen scheint es im Osten des Landes nicht zu geben. „Seit drei Jahren beobachten wir, dass immer mehr junge Mopedfahrer zu uns kommen, darunter sehr viele Frauen“, plaudert Wirt Andy Stähler aus dem Nähkästchen. Und dann jault er: „Wir werden alt!“ Denn zur jüngsten Generation, die nun die antiquarischen Bikes à la Schwalbe und S51 aus Opas Scheune operiert und den Altersdurchschnitt spürbar senkt, gehören teilweise die Enkel derer, die Mitte der Neunziger im Tequila Drive wilde Partys feierten.

Hand in Hand: Seit 25 Jahren sind Birgit und Andy als „Mädchen für alles“ im Einsatz für Kneipe und Motel

Wunderbar, dass sich die Küken in der Szene- Kneipe genauso wohl fühlen, wie alte Hasen. Bunt vermischt sitzen sie im XL-Biergarten. „Hier ist es wie früher!“ bekom­men Birgit und Andy oft zu hören. Kein Wunder: Umgeben von kunterbunt zusammengewürfelter Deko, fühlen sich viele an „die gute alte Zeit“ erinnert. Denn egal, ob von Birgit und Andy in Szene gesetzt, oder von Gästen gestiftet: Jedes Stück hat eine Geschichte. Allen voran der uralte Framo, ein DDR-Pritschenwagen, der an derselben Stelle ganz hinten im Garten festgewachsen sein dürfte, an der er zu der Zeit geparkt war, als Birgit und Andy den Tequila Drive eröffneten. Oder die rote Motorhaube, die seit Anbeginn an einer Mauer hängt. „Die gehörte zu dem klapperigen VW Passat, der oft nur auf drei Töpfen lief und mit dem die Jungs damals immer auf die Festivals gezuckelt sind“, berichtet Birgit.

Das Souvenir erinnert an die Zeit, als die beiden Anfang der Neunziger ihre Jobs leid waren. „Alle Zeichen standen auf Neuanfang. Nach der Wende lag Aufbruchstimmung in der Luft und vieles schien möglich“, erinnert sich Birgit, die damals in einer Kneipe jobbte. Hobby-Crosser Andy tourte zusammen mit Birgits Bruder Jörg durch ganz Deutschland und Nordeuropa, um das Publikum großer Festivals zu verköstigen. Der absolute Burner war Tequila, den „Brille“ und „Mütze“ unters Party-Volk brachten.

In dieser Zeit wurde die Idee geboren: Sollten wir je eine Kneipe eröffnen, muss sie „Tequila Drive“ heißen. Die Vision: Ein Ort, der rund ums Jahr die Atmosphäre eines Festivals versprüht. Aus der fixen Idee wurde schneller Realität als sie ahnten. 1993 mietete Jörg das beinahe abbruchreife Haus an der Dorfstraße in Reuden. Ehrensache: Alle kamen, um beim Renovieren zu helfen. Und um zu feiern.

Das Wohnhaus war schon bald vergessen – eine Bikerkneipe sollte es werden. Es entstand ein Anbau mit Toiletten und Küche, im Garten bauten sie einen Bierpavillon, das Erkennungsmerkmal schlechthin. „Es gibt nichts Geselligeres als einen runden Tisch.“, sagt Andy. „Unter unserem Pavillon sitzen an die 20 Leute beisammen und können kreuz und quer quatschen.“ Viele der freiwilligen Helfer gehörten zur Motorrad-Clique der „Kaktusblüten“, deren Schriftzug den markanten Torbogen im Garten prägt.

Was es Mitte der Neunziger Jahre bedeutete, ein neues Szene-Lokal abseits stark frequentierter Motorrad-Meilen in Schwung zu bringen, kann man sich schwer vorstellen. Andy und Birgit hatten kein Telefon. An Internet und Social Media war nicht zu denken. Für Annoncen fehlte Geld, also verteilte das Team Zettel und setzte auf Mund-zu-Mund-Propaganda.

Park-Show: An guten Tagen wird Reuden zur Freiluft-Motorradmesse

Zum Auftakt der ersten richtigen Saison im Tequila Drive gab es eine große Ausfahrt. „Ich habe tagelang aus OSB-Platten Ständerbrettchen geschnitten“, schwelgt Andy, der sich seinen Westerwälder Zungenschlag bewahrt hat, in Erinnerungen. Das Wetter spielte mit, Motorradfahrer aus Berlin, Leipzig und Magdeburg pilgerten zur kultigen Kneipe im Grünen.

Nach einem Jahr machten Birgit und Andy ohne Jörg weiter. 1996/97 platzte der Tequila-Drive-Kalender mit Treffen und Konzerten aus allen Nähten, oft stapelten sich 500 Leute im Biergarten. In Sachen Partys ruderten Birgit und Andy ein wenig zurück. Seitdem steppt tagsüber der Bär, abends wird es mit Lagerfeuer und Laternen in den Bäumen lauschig.

Anfang des neuen Jahrtausends übernahmen die beiden Kneipiers nur wenige Häuser weiter eine Gaststätte. Der Reudener Hof war die ideale Alternativ-Anlaufstelle für die Sauwetter-Jahreszeit und fürs ortsansässige Publikum. 2006 wurde daraus das „Tequila Drive Biker Mo-Tel“ mit thematisch gestalteten Gäste­zimmern.

Im Tequila Drive sind Motorradfahrer bei Motorradfahrern zu Gast. Mit ihrer 1100 RT gehen Birgit und Andy gern auf Tour. Die 200 000 Kilometer auf dem Tacho sind das Resultat vieler Motorradsommer und Herzens-Trips wie zum Ace Café in London. „Wer viel fahren will, sollte kein Café eröffnen“, resümieren die beiden Gastgeber – und krempeln voller Tatendrang die Ärmel hoch für einen weiteren feuchtfröhlichen Motorradsommer im Tequila Drive.

Info

Treff: Biker Café „Tequila Drive“, Dorfstr. 13, 39264 Reuden/Anhalt, 039243/7096, www.tequila-drive.de. Biker-Café mit großem Biergarten, Grillstation und Bierpavillon, Lagerfeuerstelle und Festwiese. Wenige Meter weiter gehört das „Tequila Drive Biker Mo-Tel“ dazu. Mit Einzel-, Doppel- und Dreibettzimmern, Übernachtungen ab 30 Euro ohne Frühstück.

Zeiten: März bis Ende Oktober: Dienstag bis Freitag 12 Uhr, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen ab 10 Uhr. An Feier- und Brückentage auch montags. Im Winter öffnet der Tequila Drive am Wochenende auf Anfrage.

Hinweise: Am 15. September feiern Birgit und Andy den 25. Tequila-Drive-Geburtstag. Mit Musik, Stuntvorführungen und Biker-Gottesdienst. Neben Saisoneröffnungs- und abschlussfeiern, Schlachtefesten und Tequila Seminaren mit Verkostung steht in diesem Sommer eine Premiere an: Das erste Cadillac und MC-Meeting.

Wer: Einzugsgebiet ist der gesamte Osten. Besonders beliebt für Touren aus den Ballungsräumen um Berlin, Magdeburg und Leipzig herum. Alle Genre, in letzter Zeit auch wieder mehr junges Volk mit alten Schätzchen

Ringsherum: Reuden liegt direkt an der B246, die Umgebung ist ein prima Touren-Revier. Im Sommer geht Andy gern mit seinen Gästen zu Ausfahrten in den Naturpark Fläming mit seiner waldig-hügeligen Landschaft und Schutzgebieten, Burgen, Schlössern, Wäldern und Feldern, Gewässern und Bächen. Highlight sind die Alleenstraße, die durch den Hohen Fläming und historische Stadtkerne wie die der Lutherstadt Wittenberg, die Unesco-Weltkulturerbe ist. Bis zum Motopark Oschersleben sind es 80, bis zum Harz etwa 100 Kilometer.