Im westlichen Münsterland erwartet Motorradfahrer ein überraschend hügeliges Terrain. Höhepunkt der Tour durch die Baumberge ist die Rast am Longinusturm bei Nottuln.

Es müssen nicht immer Schräglagen- Orgien sein, die den Moppedausflug rund machen. Wer gern im westlichen Westfalen unterwegs ist, weiß: Genüssliches Cruisen durch sanfte Radien bügelt flatterige Nerven glatt. Doch im Westen, nördlich von Nottuln, gehen flache Felder und Wiesen der typisch-münsterländischen Parklandschaft über in die hügeligen Baumberge.
Markanteste Erhebung des Höhenzugs ist mit 187,6 Metern der Westerberg. Schon von weitem hebt er sich vom Rest des Panoramas ab, auch wegen der rot-weiß-gestreiften Nadel des WDR-Senders und einem markanten Kalksandsteinbau: dem Longinusturm.
„Longinus, der Lange“, ist benannt nach dem hochgewachsenen Begründer des Baum­berge-Vereins Doktor Fritz Westhoff. Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, dient der Turm seit nunmehr 120 Jahren als Aussichts- und Sendeturm. Er war Fliegerbeobachtungspunkt des Militärs, Funkturm und Fernmeldestelle der Post. Deutschland­weit berühmt wurde der Bau 1952, als hier die ersten Fernsehbilder empfangen wurden, die man in Westdeutschland in der Röhre flimmern sehen konnte.

Fröhliches Duo: Wilhelm und Mecky haben sich mit der Wiederbelebung des Turms als Begegnugsstätte einen Traum erfüllt

Schon in den 1950er Jahren war der Westerberg beliebtes Ausflugsziel. Jedes Jahr erklommen 20 000 Ausflügler den Turm. Und schon lange, bevor Mitte der 1990er Jahre das erste Ausflugslokal eröffnete, steuerten Zweiradfahrer die höchste Erhebung des Münsterlands an.
So auch bei unserem Besuch: Rennräder lehnen am Zaun, auf dem Parkplatz vor dem Turm stehen Motorräder mit Kennzeichen quer durchs Ruhrgebiet und bis nach Osna­brück. Wir parken unsere Triumph daneben. An der Vorderseite des Turms kann man sich an der Außentheke mit „Biker-Kaffee“ und kleinen Snacks eindecken und unter die alte Kastanie lümmeln. Wir aber suchen uns auf der lauschigen Rückseite einen Platz und stecken unsere Nasen in die Karte mit hausgemachten Kuchen und Flammkuchen.
Keine Frage: Der Kaffeestopp an beliebten Szene-Treffs zwischen Frittenbude und Leitplanke hat seinen besonderen Charme. Doch nach der Genusstour durchs Münster­land im geschmackvollen Café 18I97 einzukehren, das ist Wellness für alle Sinne.

Auf der Bienenwiese, die der Nabu hinterm Haus angelegt hat, schaukeln Sonnen­blumen und Kornblumen im Wind, der Blick schweift über die Wälder, Felder, Wiesen und Windräder des Westbergs. Spätestens als wenig später ein hauchdünner Flammkuchen samt Milchkaffee unter meiner Nase landet, fühle ich mich wie im Urlaub.
Hausherr Wilhelm Wesseln setzt sich auf einen Tee zu uns. „Wenn es am späten Nach­mittag in den Tälern schon düster wird, ist das Plateau bei uns noch lange sonnendurchflutet“, erklärt der 56-Jährige, warum so viele Sonnenhungrige auf ihrer Feierabend- Runde auch werktags gern am Longinus­turm vorbeischauen.
Der einstige Unternehmer und seine Lebensgefährtin Mechthild „Mecky“ Bertels, Sekretärin an der Uniklinik Münster, sanierten und renovierten den Turm vor vier Jahren mit Unterstützung des Baumberge­vereins und vieler Helfer. Ihr Traum, den Longinusturm als Wahrzeichen der Region mit Leben zu füllen und zur Begegnungsstätte für Menschen aus nah und fern zu machen, wurde wahr: Senioren mit dem Rollator, Wanderer, Radfahrer und Biker sitzen heute fröhlich im Café beisammen.
Bei der Eröffnung am 1. Mai 2016 standen auch die Motorradfahrer direkt auf der Matte, sehr zur Freude der Gastgeber: „Das sind total entspannte und angenehme Gäste. Mit denen haben wir nie Stress, selbst wenn es bei Hochbetrieb mal etwas länger dauert.“
Wir beschließen die Schlemmerei mit ei­nem Aufstieg auf den Aussichtsturm. 128 Stufen später haben wir einen wunderbaren Panoramablick die Westfälische Bucht: „Ker, wat is dat schön hier!“

Historische Landmarke: Der Turm hat mehr als 120 Jahre auf dem Sandstein

Treff: 18I97 Café am Longinusturm, Baumberg 45, 48301 Nottuln, 02502/4837190, www.longinusturm.com. Mit Sitzplätzen drinnen und im Freien, Aussichtsturm, Pavillon für Freiluft-Veranstaltungen, wie Grillrunden und Events wie Ausstellungen, Theater- und Filmvorführungen, Lesungen und Konzerte.
Wer: Motorradfahrer aus dem gesamten Münsterland, Emsland
und Ruhrgebiet und den benachbarten Niederlanden.
Zeiten: Von Anfang April bis Ende Oktober: Dienstag bis Freitags von 14.30 bis 18 Uhr, samstags ab 14 und sonntags ab elf Uhr, jeweils bis 18 Uhr. Im Winter: Freitag ab 14.30 Uhr, Samstag
ab 14 Uhr und Sonntag ab 12.30 Uhr bis 18 Uhr. Außerhalb
der Café-Öffnungszeiten treffen sich Motorradfahrer
gern zum Plausch unter der alten Kastanie.
Ringsherum: Das Münsterland ist mit seinen Wasserburgen und Schlössern genau das richtige Ausflugsziel für Kulturfreunde. Besonders beliebte und fotogene Ziele sind Burg Vischering, Schloss Hülshoff und Schloss Nordkirchen. Verkehrsarme Landstraßen und kurvige Überlandstrecken versprechen Fahrfreude der entspannten Sorte. Szene-Fans können sich eine Tour zum Treffpunkte-Hopping stricken. Mit Abstecher zu Klassikern wie dem Drügen Pütt, Biker-Treff Vogel in Marl und Nordkirchen.

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