Er gilt als die „Mutter aller Treffpunkte“: der Motorradtreff an der Hohensyburg. Bald 100 Jahre ist es her, seit im Dortmunder Süden die ersten Motorradfahrer die Tradition des geselligen Zusammenrottens ins Leben riefen.

von Sophie Leistner Fotos Archiv

Kräftiger Wind faucht die letzten Blätter von den Bäumen, als ich mit hochgezogenen Schultern über den Parkplatz zum „Drivers Picknick am See“ husche. In der kleinen Imbiss-Stube schlagen mir Wärme und fröhliche Stimmen entgegen. „Komma bei uns bei, hier iss lecker warm!“ werde ich herzlich empfangen. Vor der Theke tapse ich in eine Vertiefung, die zigtausende Moppedstiefel über die vergangenen 30 Jahre in den Steinboden gelatscht haben.

Die Saison ist vorbei – doch den Pottbikern vom Hengsteysee geht der Gesprächsstoff nicht aus. Es wird geschäkert, über den verregneten Sommer geschimpft, man schmiedet Pläne für die nächsten Ausflüge. „Peter mach ma voll!“ ist ein Satz, den man immer wieder hört, wenn die leere Tasse über den Tresen wandert.

Und Hans-Peter Linden macht voll. Seit 28 Jahren, 365 Tage im Jahr. Und davor, in den Achtziger Jahren, hatte seine Mutter das getan. Als Peter, der dieses Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, den Betrieb Anfang der Neunziger übernahm, scharte er ein Team um sich, das nicht nur für ihn so was wie eine zweite Familie geworden ist: Andja und Olga, Anton und Zoran sind bis heute an Bord.

Viel hat sich seitdem nicht verändert. Als die Stadt den Parkplatz 2002 renovierte, in Parkbuchten unterteilte, Bäume pflanzte und den Motorradfahrern Bänke spendierte, bekam der Treff ein neues Gesicht. Vielen Stammgästen war das aber schon zu viel „Schickimicki“. Denn damals hatten Motorradfahrer den Ruf, genügsame Gewohnheitstiere zu sein. Eine geschichtsträchtige Kulisse, ein Schotterparkplatz samt Frittenbude und Kaffee aus dem Plastikbecher – Zutaten, die viele Jahre lang ausreichten, um bei hartgesottenen Windgesichtern heimelige Gefühle zu wecken.

So gesehen war der schmucklose Treffpunkt am See auch ein Statement der jungen Wilden gegen das Establishment. Denn die Hohensyburger Treff-Tradition wurzelte ursprünglich auf Dortmunder Stadtboden. In den 1920er Jahren wurden auf der zwei Kilometer langen Serpentinenstrecke, die vom südlichsten Dort­munder Stadtteil Syburg zum Hengsteysee herunterführt, spektakuläre Rennen ausgetragen. Man traf sich am Fuße der Serpentinenstrecke zwischen Klusen- und Syberg oder an der Schleife oberhalb der Brücke über den Hengsteysee.

In den Siebzigern geriet das bunte Treiben mit illegalen Rennen, Unfällen und Verkehrs­chaos außer Kontrolle. Im Clinch mit Polizei und Anwohnern brannte die Luft, als Sprach­rohr gründeten Stammgäste des Treffs 1979 das regionale Motorradblatt „Der Syburger“. Eine Streckensperrung konnte abgewendet werden, aber Tempolimits, Halteverbote, Mittelleitplanken und Überholverbote schoben dem Rummel einen Riegel vor.

Oben auf dem Berg wurde 1985 das Casino eröffnet. Die umliegende Gastronomie, die bis dahin von den Motorradfahrern profitiert hatte, passte sich den neuen Kunden an, Ledergestalten waren nicht mehr willkommen. Die Biker wurden ins Tal verbannt und trafen sich fortan am Ufer des Hengsteysees auf Hagener Boden.

30 Jahre lang fühlte sich die Szene dort pudel­wohl. 2014 gab es wieder turbulente Zeiten, als ein Cargo-Unternehmen auf dem Gelände ei­nen Lkw-Umschlagplatz errichten wollte. Durch viele laute Stimmen und im Sinne des Umwelt­schutzes waren die Pläne bald vom Tisch.

Doch nicht nur die Wogen der Aufregung glätteten sich. In den letzten Jahren ist es ins­gesamt ruhig geworden um die „Mutter aller Treffs“. Ein Grund ist das Durchschnittsalter der Szene. Viele Hitzköpfe, die sich in den Siebzigern mit aufgebrezelten Mopeds ins Ruhrtal stürzten und in kunterbunten Ledereinteilern entlang der Böschungen saßen, sind jetzt im Rentenalter. Auch bringt es der Zeitgeist mit sich, dass viele nicht mehr stunden­lang mit roten Nasen und kalten Füßen neben ihren Mopeds hocken wollen, während in der Nähe Restaurants mit dicker Speisekarte und jeder Menge Komfort locken.

Peter kann dem nichts entgegensetzen. 2018 möchte er den „Drivers Picknick“ renovieren, doch weil der Parkplatz zwischen Uferweg und Eisenbahnlinie in einem Naturschutzgebiet liegt, schieben strenge Auflagen dem Tatendrang einen Riegel vor.

„Schwierig ist für uns auch, dass sich das Freizeitverhalten verändert hat“, sagt Peter. „Heute trifft man sich nicht mehr zum Quatschen, sondern gründet WhatsApp-Gruppen.“ Aus dem obligatorischen Plausch nach Feier­abend sind sporadische Begegnungen am Wochenende geworden. Dass der Nachwuchs fehlt, macht sich auch bemerkbar – bis auf zwei Ausnahmen im Jahr. Denn im Frühling und Herbst treffen sich die Mitglieder der jungen Online-Gemeinschaft des „Biker Street Scene“-Forums „an der Burch“, letzten Herbst immerhin 300 junge Kradfahrer aus NRW.

Aber an schönen Wochenenden gibt es sie noch, die Tage, an denen alte Hasen und junge Haudegen bei den Motorrädern zusammen stehen, auf den Bänken oder im „Wohnzimmer“ herumlümmeln, wie Insider die Sitzgruppe unterm Baum nennen. Die eingeschworenen Stammgäste halten dem Plausch und ihren Freunden am Vormittag noch immer die Treue.

Und ein Termin ist den Pottbikern heilig: Am 24. Dezember schwingen sich viele zu einer letzten Ehrenrunde aufs Motorrad. Zwischen zehn und 13 Uhr stapeln sich auf dem Platz rote Mützen und mit Christbaumschmuck verzierte Bikes. Selbst wenn das Wetter Kapriolen schlägt, hängt der Duft von Zweitakt, Glühwein und Bratwürsten über dem Gelände. Und wenn es sein muss, packen alle mit an: „Wir haben am Heiligabend schon Motorräder freigebuddelt und vom Platz geschoben“, erinnert sich Peter.

Info

Treff: „Drivers Picknick am See“, Dortmunder Str. 98, 58099 Hagen. Parkplatz mit Imbiss vor geschichtsträchtiger Kulisse. Beliebt-bewährte Syburg-Kost seit über drei Jahrzehnten: Kaffee, Currywurst und Pommes.

Zeiten: 365 Tage im Jahr ab zehn Uhr. Wochenends und im Sommer an Wochentagen ist immer was los. Heiligabend zehn bis 13 Uhr.

Wer: Motorradfahrer aus dem Großraum Dortmund sowie Ruhrgebiet und Münsterland, die auf dem Weg ins Sauerland sind. Alle Genre von der ollen Vespa über hubraumstarke Japaner, Custombikes bis zum Stoppelhopser oder dem einen oder anderen museums­reifen Exemplar. Im Sommer 50/50 Motorradfahrer und Spaziergänger, im Winter fast ausschließlich Biker.

Hinweise: Tempolimits, Überholverbote, Polizeikontrollen auf der beliebten Serpentinenstrecke.

Ringsherum: Guter Startpunkt für Touren ins Sauerland oder auch Ruhrgebiet, Casino, Burgplateau und Freilichtbühne sind ebenfalls sehenswert.Tipp für den aktiven Tourstopp: Der knapp sieben Kilometer lange Weg rund um den Hengsteysee, vorbei am Pumpspeicherkraftwerk mit dem markanten RWE-Schriftzug.