Kurven, ein Parkplatz mit Aussicht und eine märchenhafte Landschaft mit geheimnisvollen Ruinen: Beste Zutaten für einen beliebten Motorradtreff. Auf der „Löwensteiner Platte“ haben Benzingespräche Tradition.
Die „Platte“ ist ein Aussichtspunkt mit großem Parkplatz direkt an einer Kurve der B39, die durch die Schwäbisch-Fränkischen Waldberge führt. Reisende machten hier schon in den 1960er und 70er Jahren gern Rast. Helga und Helfried Fierling zogen damals mit einem alten McCormick- Traktor mit umgebautem Wohnwagen zur Platte, um die Touristen und Fernfahrer zu versorgen. Irgendwann kamen die ersten Motorradfahrer – und so nahm das Leben seinen Lauf.
Ich habe mich zu einer Handvoll fröhlicher Herren im Schatten einer Kastanie gesellt. Kleine Grüppchen mit Reiseenduros, Crui­sern und Nakeds kommen und gehen, aus der Ferne hallt ein Klang wie am Nürburgring. Ein paar buntbelederte Gestalten sausen vorbei, nur um wenige Minuten später aus der anderen Richtung wiederzukommen und auf den Parkplatz zu schwenken. Das Stück der Bundesstraße an der Platte ist Paradebeispiel einer „Applauskurve“ – und das passende Bühnenbild für den Treffpunkt.
Unterm Blätterdach: Im Herbst lümmelt sich so mancher Stammgast mit Motorradhelm unter die alten Kastanien
In die andere Richtung schweift der Blick über den Norden des Schwäbisch-Fränkischen Waldes: Über das Nah­erho­lungs­gebiet am Breitenauer See, Weins­berg und die Burgruine Weibertreu. Bei gu­tem Wet­ter reicht die Sicht bis zum Odenwald. Der Aussichtspunkt an der Bundesstraße hat sich zu einem der beliebtesten Sammel­punkte der Szene in Süddeutschland gemausert. Am Wochenende stapeln sich Maschinen aus nah und fern auf dem Park­platz mit dem großen Kreuz, das an verunglückte Motorradfahrer erinnern soll. „Die Platte kennt jeder. Viele legen ihre Tour so, dass sie hier vorbeikommen“, berichtet Stammgast Jürgen.

Plong! Eine dicke Kastanie knallt auf den Tisch und ich reiße meine Kaffeetasse an mich. Die Herren um mich herum hauen sich lachend auf die Schenkel. „Manchmal sitzen wir hier im Herbst mit Helmen“, scherzt Stamm­gast Veit, der heute mit dem Fahrrad zur Platte gestrampelt ist.
Stimmen hallen vom Imbisswagen herüber, einem alten Hanomag, in dem Wirt Uli mit seinen Gästen scherzt. Er ist für Chefin Sina Fierling eingesprungen, die sich, wenn sie nicht selbst am Tresen steht, um Bürokram und Einkauf kümmert. 15 Gehminuten entfernt betreibt sie an der na­hen Burg­ruine Löwenstein noch einen Kiosk. „Der Kaffee und unsere Paprikawurst sind für viele das Tüpfelchen auf der Tour,“ weiß Sina, die den Betrieb vor einigen Jahren von ihren Eltern übernommen hat. „Aber machen wir uns nichts vor. Die Motorradfahrer kommen nicht wegen uns, sondern wegen der Platte.”

„Hier kannschd immer hergomme, rumhogge un bissl babbele.“

Besonders im Winter, wenn der Imbiss geschlossen bleibt. Meine Plauderkollegen besuchen die Platte zu allen Jahreszeiten. Sobald die Straßen trocken sind, kommen die ganz Harten auch im Winter auf zwei Rädern und bringen sich ihren Kaffee selbst mit. Veit schwäbelt aus dem Nähkästchen: „Hier kannschd immer hergomme, rumhogge un bissl babbele.“ Der Mittwoch hat sich als Oldtimer-Tag etabliert. Dann rollt eine Gruppe Herren über 80 mit uralten Gespannen herbei. Jürgen kennt das Schauspiel: „Die trinken einen Kaffee. Wenn einer mit der Trillerpfeife pfeift, geht’s weiter.“
Kumpel Lothar nickt zur bunt gemischten Truppe, die über die geparkten Maschinen fachsimpelt: „Egal wie alt die Leute sind, alle sitzen beisammen und quatschen.“ Das ge­fällt auch der Gastgeberin besonders an ihrer Klientel. „In Motorradklamotten sind hier alle gleich. Das find ich echt schön,“ schwärmt Sina.

von Sophie Leistner, Fotos: Sophie Leistner

Der Artikel erschien in MOTORRAD NEWS-Ausgabe 1/2019

Zur Sache
Treff: Löwensteiner Platte, An der B 39, 74245 Löwenstein. Parkplatz am Aussichtspunkt mit
Imbisswagen und Sitzgelegenheiten
Zeiten: Von Anfang März bis Ende November täglich neun bis 21 Uhr geöffnet, Sonntag ab acht Uhr. Mittwochs lassen sich gern die Lieb­haber seltener Oldtimer mit ihren Schätzen blicken.
Wer: Motorradfahrer aller Sorten aus einem
Umkreis von etwa 70 Kilometern: Aus Stuttgart, Heilbronn, Mannheim, Ludwigsburg, Rothenburg ob der Tauber und dem Odenwald.
Hinweise: Am Wochenende wird es meistens richtig voll auf der Platte. Reichlich Raum zum Aus­weichen bietet der etwas unterhalb gelegene Platz, den man über die Zufahrt neben dem Imbiss erreicht. Alle zwei Jahre im Mai lädt die Polizei zum Motorrad-Sicherheitstag mit Infoständen, Ausstellern und Stuntshows ein.
Ringsherum: Viele stricken sich rund um ihren Besuch komplette Tages­touren durch idyllische Landschaften wie Odenwald, Hohenlohe oder die Schwäbische Alb.

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