Tourentipp: Nordfriesland

Dänisch Sibirien: Der an der Nordseeküste gelegene Übergang Siltoft war bei strafversetzten Grenzern wegen seiner Einsamkeit gefürchtet

Eine Motorradreise durch Nordfriesland, der Heimat des Dichters Theodor Storm und des Malers Emil Nolde. Deren Werke gehören zur einzigartigen Wattenmeerküste wie Wind und Wellen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Von wegen graue Stadt am Meer: Husum präsentiert sich mir bei allerfeinstem Kaiserwetter. Anders als von Theodor Storm (1817 – 1888) beschrieben, ist nur der Schlick im Hafenbecken grau, denn es herrscht Ebbe. Das Wasser kehrt erst in Stunden zurück. Von einem herzhaften Imbiss im Fischhaus Loof gestärkt, breche ich zu einem kleinen Stadtbummel auf. Nach dem Besuch des Schlosses schaue ich auch am ehemaligen Wohnhaus Storms in der Wasserreihe vorbei. Während der 14 Jahre, die der berühmte Husumer hier lebte, entstanden zahl­reiche Gedichte und über 20 Erzählungen. Themen waren die Sturheit und Erdverbundenheit der Nordfriesen und ihr Überlebenskampf gegen die mächtige Nordsee. So wie die Tine auf dem Brunnen am Marktplatz: Die Skulptur zeigt eine entschlossen dreinblickende Fischersfrau, die selbst der kräftigste Westwind nicht aus den Holzpantinen hauen kann. Seit 2009 zählt das nicht weit entfernte Wattenmeer zum UNESCO- Weltnaturerbe, mittendrin liegt das durch einen schmalen Damm mit dem Fest­land verbundene Eiland Nordstrand. Nach einer kurzen Inselrundfahrt biege ich gen Bredstedt ab und lande schon bald auf dem dreieckigen Marktplatz vor Wolfs Apotheke. Deren Eingang wird von zwei aus dem 17. Jahrhundert stammenden Granitsäulen eingerahmt, an ihnen band man früher die Pferde fest. Pferde und Reiter – da fällt mir Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter” ein, die ganz in der Nähe spielt, am Hauke-Haien-Koog. Wie ein „Koog“, also neu gewonnenes, eingedeichtes Land, von oben aussieht, erfahre ich bei einem Halt am „Balkon Nord­frieslands“: Die Aussichtsplattform des Fern­meldeturms auf dem 44 Meter hohen Stollberg lässt meine Blicke ungehindert über das flache Land, die mäch­tigen Deiche und das glitzernde Wattenmeer bis zu den Inseln und Halligen am Horizont wandern. Ein paar Schaltvorgänge später erreiche ich den Hauke-Haien-Koog, der mit seinen ausgedehnten Salzwiesen als beliebter Rast- und Brut­platz unzähliger Seevögel dient. An der Schlüttsieler Schleuse erinnert ein großes Wappen mit dem Spruch „Lewer duad üs Slav“ an das Freiheitsstreben der Friesen, die lieber den Tod als die Knechtschaft wählten. Erbstreitereien im dänischen Königshaus und aufkeimende Nationalgefühle führten immer wieder zu Auseinandersetzungen, die letztlich im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 ihren grausigen Höhepunkt fanden. Wie die Soldaten aufgereiht erscheinen mir Hunderte Windräder wenig später in der menschenleeren Region des Friedrich- Wilhelm-Lübke-Koogs. Sie richten sich selbst­ständig nach dem Wind aus und gewinnen umweltfreundliche Energie. Das Summen und Rauschen, das ihre unermüdliche Arbeit begleitet, weicht bald darauf der unglaub­lichen Stille am vergessenen Grenzübergang am Rickelsbüller Koog.

Auf historischem Boden: Zwei überdimensionale Hörner symbolisieren den Verlauf der alten Wikingerhandelsstraße Ochsenweg

Ein symbolischer Schlagbaum am Ende der Welt

Ein schmales Teerband führt mich zu einer Weggabelung, auf der ein symbolisch wirkender Schlagbaum und ein uralter Grenz­stein auf das Ende der Bundesrepublik Deutschland und den Beginn des Königreichs Dänemark hinweisen. Die Beamten, die im wenig komfortablen Wachhäuschen Dienst schieben mussten, glaubten sicherlich, am Ende der Welt zu versauern. Da war im unweit gelegenen Örtchen Rosenkranz sicherlich mehr los, schließlich gingen im historischen deutschen Grenzkrug seit 1742 Einheimische und Durchreisende ein und aus. Mit Bedacht lenke ich meine Schritte dorthin, denn während die rechte Straßenhälfte zu Nordfriesland zählt, gehört die linke den Dänen. Ähnlich verhält es sich mit dem Rutebüller See, an dessen westlichen Ufer entlang ich zum Nolde- Museum in Seebüll gelange. Hier errichtete der Maler und Grafiker Emil Nolde (1867 – 1956) ein Wohnhaus mit Atelier inmitten eines farbenprächtigen Blumenmeeres – Inspiration für den Künstler, der eigentlich Emil Hansen hieß, aber später den Namen seines Geburtsortes bei Tondern in Dänemark annahm. Mit kräftigen Farben wie Gelb, Orange und Zinnoberrot malte er Wellen und Wolken, Gischt und Gewitter, Blüten und Bäume, aber auch Porträts. Der Kultur folgt das Kurvenkratzen, als ich den Boxer von Aventoft nach Süderlügum treibe. Eine Strecke, die Spaß macht – zwar flach wie ein Billardtisch, aber gewunden wie eine große Portion Spaghetti. Die Grüne Küstenstraße B 5 ignorierend, verschwinde ich auf der Nebenstrecke in Richtung Leck, das heute 20 Kilometer vom Wattenmeer entfernt liegt, im Mittelalter aber Hafenplatz und Handelszentrum war. Nach Viöl erreiche ich Treia. Immer öfter schmiegen sich kleine Buchenwälder an den Straßenrand, es wird hügeliger – der etwas höher gelegene Geestrücken ist erreicht. Tage wie dieser, an denen der Himmel mit Schönwetterwolken gesprenkelt ist, oder jene, an denen von Sturmböen getriebene, bleigraue Wolken übers Meer heranpreschen, müssen Nolde und Storm unendlich fasziniert haben.

Hoteltipp

Hotel Wikingerhof

Komfortabel wohnen und genüsslich speisen, fast genau in der Mitte des Landes zwischen den Meeren. Die zentrale Lage, denn Nord- und Ostseeküste sind nur jeweils 45 Fahrminuten entfernt, machen das Hotel zur ersten Adresse bei abwechslungsreichen Motorradtouren durchs Wikingerland. Sauna, Bikerspecials. Doppelzimmer mit Frühstück ab 98 Euro.

Tetenhusener Chaussee 1
24848 Kropp
Fon 04624 700
www.wikingerhof.de

Reise Info

Streckenlänge: 250 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Nordfriesland erstreckt sich von der Eidermündung entlang der Nordseeküste bis an die dänische Grenze. Die Bedrohung durch Sturmfluten, die ständig vorherrschenden Winde und das in den Wintermonaten öde wirkende Land prägten einen besonderen Menschen­schlag, der bis heute zu Unrecht als stur und einsilbig gilt. Das Land zwischen den Meeren war häufig Zankapfel zwischen Dänemark und Preußen, der Wahlspruch des Landtages lautet deshalb nicht umsonst: „Up ewig ungedeelt“, „Auf ewig ungeteilt“. Wer Fische und Krabben liebt, wird mit der regionalen Küche glücklich, nirgendwo ist die Ware frischer als hier. Das Straßennetz ist gut in Schuss und stellt auch Anfänger vor keine großen Probleme.

GPS-Downloadcode: PW9g6E
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Anreise: A1 oder A7 bis Hamburg, dann weiter auf der A7 bis zur Abfahrt Owschlag.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober, Ferien­zeiten sollte man wie fast überall meiden. Die Rapsblüte im Frühjahr und der meist beständige Spätsommer verwöhnen die Sinne.
Literatur: DuMont Bildatlas Nummer 15 „Nordseeküste Schleswig-Holstein“, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, 1:200 000, 14,99 Euro.
Infos: Nordfriesland-Tourismus, Nordseestraße 1, 25899 Dagebüll, nordfrieslandtourismus.de
Museum: Nolde-Museum, Seebüll 31, 25927 Neukirchen, www.nolde-stiftung.de. März bis November täglich von zehn bis 18 Uhr, Eintritt acht Euro.

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