Im schwierigen Fahrwasser zwischen Elbe- und Wesermündung orientierten sich Seefahrer einst an Landmarken und Seezeichen. Der lange Frank steuert gleich vier historische Leuchttürme an.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Alle Mann an Bord, die Leinen los, wir legen ab! Kaum zu glauben, dass der tief im Binnenland gelegene Ort Bremervörde einen Hafen hat, an dem wir unsere Rundfahrt beginnen. Doch durch die wenig bekannte Oste besteht seit Jahrhunderten eine schiffbare Verbindung zur Elbe.
Ein schnurgerades Teerband rollt sich vor unseren Pneus aus und führt durch feuchte Niederungen an die B 495. Bei Lamstedt begegnen wir hier nicht vermuteten sanften Hügeln, bevor wir in Hemmoor wieder auf die von Deichen gesäumte Oste treffen.
Schon von Weitem entdecken wir das seit 100 Jahren spinnengleich über den Fluss ragende, filigrane Stahlskelett der Schwebefähre. Damals war sie der deutsche Prototyp von 20 weltweit errichteten Exemplaren, von denen noch acht erhalten sind. 1975 zum technischen Baudenkmal erklärt, befördert sie seitdem ausschließlich Fußgänger und Radfahrer.
Wir sind auf der richtigen Seite, bleiben dem mäandernden Gewässer mit gebührendem Abstand treu und erreichen mit ihr Neuhaus, wo die Oste in die Elbemündung strömt. Und damit bei Hochwasser die nahe Nordsee nicht ins Land schwappt, kann der Deichdurchlass mit den großen Toren des Oste-Sperrwerks verschlossen werden.

Wo ist die Nordsee: Am Leuchtturm Obereversand herrscht Ebbe, aber bald steht er bei Flut wieder mit den Füßen im Wasser

Noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts wur­den Seefahrer vor einer nächtlichen Einfahrt in Elbe und Weser gewarnt, weil Orientierungshilfen fehlten. Die ersten Leuchttürme brachten buchstäblich Licht ins Dunkel. Einer davon ist die „Dicke Berta“ in Altenbruch, deren Laterne den Steuermännern zwischen 1897 bis 1983 den rechten Weg wies.
Dem nächsten von Funk und Satellitennavigation in Rente geschickten Leuchtfeuer begegnen wir in Cuxhaven: Der um 1800 erbaute, 24 Meter hohe Backsteinturm wurde von der Hansestadt Hamburg bezahlt, die starkes Interesse an sicheren Seewegen hatte. Gleich nebenan entdecken wir einen riesigen Gittermast mit großen, mittels Drahtzügen verstellbaren Zeigern. Das sogenannte Semaphor informiert bis heute tagsüber auslaufende Schiffe optisch über die zu erwartenden Windverhältnisse nahe den Inseln Borkum und Helgoland.
Etwas weiter stromabwärts, dort, wo die Elbe endet und die Nordsee beginnt, ragt auf dem nördlichsten Landzipfel Niedersachsens die 29 Meter hohe, hölzerne Kugelbake empor. Die historische maritime Orientierungshilfe ist Cuxhavens bekanntes Wahrzeichen. Der gewinnbringende Seehandel und das Vormachtstreben Preußens hatten zur Folge, dass an diesem strategisch wichtigen Punkt eine fünfeckige Marinefestung platziert wurde. Ab 1870 sicherte das mit Kanonen gespickte Fort Kugelbake die Flussmündung.

Die Kugelbake, Niedersachsens nördlichster Landzipfel: Hölzerne Gestelle, sogenannte Baken, waren die Vorläufer der Leuchttürme

Der filigrane Riese: Wie eine überdimensionale Spinne überspannt das Gerüst der Schwebefähre in Osten den Lauf der Oste

Deutlich jünger, aber ebenfalls militärischen Ursprungs ist das Aeronauticum am nahen Fliegerhorst Nordholz. Das Marinefliegermuseum glänzt mit interessanten Ausstellungen und vielen Exponaten. Auch die parallel zur Nordseeküste verlaufende schmale Straße zeigt sich von ihrer besten Seite: verkehrsarm, mittelstreifenlos und erstaunlich viele Kurven.
Windschiefe Bäume und schmucke Dörfer lassen die Etappe zum nächsten Seezeichen wie im Flug vergehen. Im Wattenmeer vor Dorumer Neufeld ragt das auf Gitterbeinen stehende ehemalige Eversand-Oberfeuer fast 40 Meter aus dem grauen Schlick empor. Über einen Steg gelangen wir trockenen Fußes an den von 1886 bis 1923 aktiven Leuchtturm, dessen Licht nachts noch in 20 Kilometer Entfernung zu sehen war.
Gerade die Hälfte davon haben wir zurückgelegt, als wir am Wremer Kutterhafen nur allzu gern vor Anker gehen. Gesondert ausgewiesene Motorradparkplätze, ein vielfältiges Verpflegungsangebot maritimen Ursprungs und ein ungetrübter Blick bis zum Horizont, prima! Selbstverständlich ordern wir norddeutsches Sushi – knackige Brötchen mit Krabben, Matjes oder Bismarckhering und ein paar Pötte Kaffee zum Nachspülen.

Perspektivisch verzerrt: Neben dem langen Frank sieht der “Kleine Preuße” klein aus

Gut gestärkt schlendern wir hinaus zum „kleinen Preußen“ an der Hafeneinfahrt. Ursprünglich 1906 auf dem Deich errichtet, wurde der nächtliche Blinker vor 50 Jahren außer Betrieb genommen und abgerissen. Doch ein Leben ohne Leuchtturm kam für die Einheimischen, egal, ob Land- oder Wasserratte, nicht in Frage. Mittels Spenden wurde der Nachbau in Auftrag gegeben, in dem sogar geheiratet werden kann. Somit war die kleine Welt der Wremer Bürger wieder in Ordnung.
Ganz anders verhielt es sich für mehr als eine Million Deutsche, die von einem erfüllten Leben in der Neuen Welt träumten und seit 1890 vom nicht weit entfernten Bremerhaven per Schiffspassage in die USA emigrierten, ihnen ist das 2005 eröffnete Spezialmuseum „Auswandererhaus“ gewidmet.
Für unsere Rückreise durch weite Moorflächen haben wir noch einen Abstecher zur Burg in Bad Bederkesa eingeplant, wo die im Hof wachende Rolandstatue mangels Körpergröße ordentlich einen auf dicke Hose macht. Das können wir auch: „Alle Maschinen volle Kraft voraus“! Unsere große Hafenrundfahrt endet abwechslungsreiche 17 Seemeilen später, als wir in Bremervörde einlaufen und am Ostehotel festmachen.

Hotel-Tipp

Ostehotel Bremervörde

Das gastliche Haus liegt mitten im Elbe-Weser-Dreieck auf einer Halbinsel an der Oste. Ruhige, komfortabel ausgestattete Zimmer, ein einladendes Restaurant, ein großer Biergarten und die Garage fürs Bike bilden eine gute Grundlage auch für Fahrten ins Alte Land oder ins Teufelsmoor. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet 93 Euro.

Neue Straße 125
27432 Bremervörde
Fon 04761 8760
www.oste-hotel.de

Reise-Info:

Streckenlänge: 220 Kilometer

Dauer der Tour: Tagestour

Allgemeines: Der wenig bekannte Fluss Oste führt aus dem niedersächsischen Binnenland hinaus ans Wattenmeer. Ein unendlich weiter Himmel wölbt sich über allerkleinste Straßen mit überraschend vielen Kurven, reizvolle Landschaften, sanfte Hügel und gemütliche Dörfer. Am Nordseedeich angekommen, stößt man auf vier Leuchtfeuer, die wie ihre Leuchtturmwärter von moderner Technik abgelöst wurden. Durch den moorigen Untergrund sind einige wellige Fahrbahnabschnitte entstanden, die mit Tempolimits belegt sind. Mit Ausnahmen wie Cuxhaven und Bremerhaven verläuft die Tour durch verkehrsarme Gebiete und ist selbst für Fahranfänger ohne Probleme machbar.

Anreise: Im Süden tangiert die A 1 das Tourengebiet, von der Abfahrt Bockel führt die B 71 direkt nach Bremervörde bis vor das Hotel. Die A 7 reicht von Süden, die A 24 von Osten ans nahe Hamburg heran.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober

Literatur: DuMont Bildatlas „Elbe und Weser“. 120 Seiten reich bebilderte Informationen über die niedersächsische Region zwischen den Strömen. Das preiswerte und mit zahlreichen Straßenkarten gespickte Werk eignet sich hervorragend für die erste Planung, 9,95 Euro.

Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/2017. 10 Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.

Informationen: TourismusMarketing Niedersachsen GmbH (TMN), Essener Straße 1, 30173 Hannover, www.reiseland-niedersachsen.de

Museum: Deutsches Auswandererhaus, Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven, dah-bremerhaven.de, März bis Oktober täglich von zehn bis 18 Uhrgeöffnet, Eintritt 13,80 Euro.

Was muss, das muss: Zu einer Nordseetour gehört ein Krabbenbrötchen