Tourentipp: Ausweichroute – Nördliches Harzvorland

Wenn der Harz vor lauter Motorrädern aus den Nähten zu platzen droht, lohnt sich ein Abstecher ins nördliche Vorland: Entspanntes Cruisen auf kurvigen Nebenstrecken zwischen schönen Städten, Burgen und Windmühlen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Schon geht dem Sommer wieder die Puste aus, die Felder sind längst abgeerntet und das matte Laub wartet auf den ersten Herbststurm. Der Nordhang des Harz ist noch zum Greifen nahe, als am Horizont die markanten Türme Quedlinburgs sichtbar werden. Doch wir folgen vorerst den bizarren Felsfingern der Teufelsmauer. Die sagenumwobene Sandsteinformation verläuft auf etwa 20 Kilometern zwischen Ballenstedt und Blankenburg, wo das hoch über dem Ort aufragende Schloss in der Morgensonne leuchtet und unübersehbar unseren Abbiegepunkt ins nördliche Vorland markiert. Die B 81 geleitet uns ins nahe Halber­stadt. Der ganze Stolz des historischen Zen­trums sind drei imposante Gotteshäuser: Die Liebfrauenkirche mit ihren Gewölbegängen, die Martinikirche mit zwei unterschiedlich hohen Türmen und der Dom St. Stephanus und St. Sixtus mit einem der wertvollsten Domschätze Europas. Nur ein paar Schaltvorgänge später erreichen wir Kloster Huysburg, das sich inmitten eines dichten Laubwalds hinter einer mächtigen Mauer versteckt. Der Forst über­zieht den immerhin 315 Meter aufragenden Höhenzug Huy. An ihm entlang tasten wir uns auf schmaler, aber landschaftlich wunderschöner Nebenstraße nach Badersleben. Dort zweigt eine fantastische Motorradstrecke nach Athenstadt ab, ein Kurvenparadies, das denen im Harz ebenbürtig ist. Kurz darauf im Burgendreieck angekom­men, heißt uns weites, sanft gewelltes Land willkommen. Wiesen, Felder und ab und zu mal ein Gehölz sorgen für Abwechslung. Technikfreaks mit dem Hang zu extremen Eigenbauten und monströsen Maschinen werden in der „Harzer Bikeschmiede“ glück­lich. Wer es ruhiger liebt, kehrt in der gegen­überliegenden Burg Zilly ein, deren Bergfried aus den umstehenden Bäumen hervorragt. Kaum haben wir das nächste wehrhafte Gemäuer besucht, die Burg Hessen, fahren wir schnurstracks zum Wasserschloss Wester­burg – ein Viersternehotel, dessen Fundamente über tausend Jahre alt sind. Dokumente belegen, dass man dort nicht immer zimperlich mit den Gästen umging, zur Zeit der Hexenprozesse wurden Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Anschließend passieren wir auf der Erlebnisstraße der deutschen Einheit den Großen Bruch, eine von vielen Wasserarmen durchzogene Niederung, die heute die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Nieder­sachsen voneinander trennt. Vor 30 Jahren verlief hier die innerdeutsche Grenze, auf deren Öffnung im Dezember 1989 ein nicht zu übersehendes Schild hinweist.

Wo einst Rüstungen rasselten: Burg Zilly sicherte den wichtigen Handelsweg zwischen Halberstadtund Osterwieck

Am antiimperialistischen Schutzwall: In Hötensleben konnte ein Großteil der innerdeutschen Grenze erhalten werden

Der Schaufelradbagger erinnert an einen Dinosaurier
Vor Jerxheim müssen wir einen Gang runterschalten, weil bergan zwei herrlich geschwungene S-Kurven nur langsam durch­fahren werden dürfen. Ebenso langsam, aber unaufhörlich haben sich bei Schöningen mächtige Tagebau-Bagger auf der Suche nach Braunkohle tief unter die Erdoberfläche gegraben. Vor unseren Stollenreifen, am Rande einer grässlich großen Grube, steht ein ausrangierter Schaufelradbagger, der an einen prähistorischen Saurier erinnert. Der fossile Brennstoff reicht bis dicht an die ehemaligen Grenzsicherungsanlagen der DDR in Hötensleben heran. Die Straße führt mitten durch den einstigen Todesstreifen hindurch und transportiert uns nach Ausleben, dort begegnen wir gleich zwei betagten Windmühlen, die schon vor Jahrhunderten im Einklang mit der Natur betrieben wurden. Ein verkehrsarmes Asphaltband windet sich über den Höhenzug Hohes Holz und den Weiler Seehausen zum Motopark Oschersleben. Mit der Stille ist es dort vorbei, Rennmotoren röhren mit höchsten Drehzahlen um die Wette. Zusammen mit der Bode, die wie wir aus dem Harz kommt, bummeln wir wenig später nach Egeln. Die dortige, mittlerweile tausend Jahre alte Wasserburg hatte einst die Aufgabe, die nahe Heer- und Handelsstraße zwischen Magdeburg und Goslar zu schützen, die eine Furt in der Bode nutzte. Die langweilige B 81 zieht sich schnurgerade durch ausgedehnte Agrarflächen nach Kroppenstedt. Allzu gern setzen wir die Blinker und schwenken auf die mit kna­ckigen Kurven gespickte Chaussee nach Quedlinburg ein. Der mit reichlich Fahrspaß gewürzte Teer lässt uns über Hügel und Kuppen springen und unserem Zwischenziel rasch näher kommen. Im Gegenlicht erkennen wir nicht nur den 1141 Meter hohen Brocken, sondern auch die von spitzen Türmen geprägte Silhouette Qued­linburgs. Historisches Pflaster und enge Einbahnstraßen bilden einen Hindernisparcours, der uns aber nicht abhält, ins Zentrum vorzudringen. Mit seiner Fülle an Kirchen und Klöstern, Giebeln und Gassen gehört der Stadtkern zum UNESCO-Welterbe. Beim Verlassen der ehemaligen Königspfalz stolpern wir ein letztes Mal über die Bode und steuern das vor unseren Pneus auf­ragende Mittelgebirge an. Schon bald erwacht die Vorfreude auf das wie ein Schwalben­nest am Harzhang klebende Panorama-Hotel Stubenberg mit seinem einladenden Biergarten und dem einzigartigen Ausblick auf das nördliche Vorland.

Hoteltipp

Hotel Stubenberg

Das imponierende Stubenberg-Panorama ist schon ein guter Grund für einen Besuch im Harz. Gut betreut von Christine und Henry Keilwitz, bieten sich von hier aus auch Fahrten in den Ober- und Unterharz, das Mansfelder Bergland und den legendären Kyffhäuser an. Tourenkarte, Garage und WLAN kostenlos. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 80 Euro.

Henry & Christine Keilwitz
Stubenberg 1
06485 Gernrode
Fon 039485 919151
www.hotel-stubenberg.de

Reise Info

Streckenlänge: 210 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Im nördlichen Vorland des Harzes kreuzen sich namhafte Touristenrouten wie die Straße der Romanik, die Erlebnisstraße der deutschen Einheit, die Deutsche Alleen- und die Fachwerkstraße. Wenn an Wochenenden und Feiertagen der Harz überlaufen ist, lohnt es sich, die malerischen Altstädte Halberstadts und Quedlinburgs zu Fuß zu durchstreifen oder die zahlreichen Burgen und Schlösser entlang der Strecke zu erkunden. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Straßennetz sehr gut ausgebaut.

GPS-Downloadcode: Z2RY43

Code einfach eingeben auf
www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Im Westen verläuft die A 7, im Norden die A 2, im Osten die A 14 und im Süden die A 38 – und mittendrin liegt Gernrode.
Reisezeit: Je nach Großwetterlage Mitte Mai bis in den Oktober hinein
Literatur: „Kurvenfieber Harz“ von Markus Golletz. Auf rund 150 reich bebilderten Seiten stellt der Autor sechs Touren durch und um das nördlichste Mittelgebirge vor. Tankrucksackfreundliches Format, extra Straßenkarte. Bruckmann-Verlag, 14,99 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Sachsen-Anhalt-Tourismus, Am Alten Theater 6, 39104 Magdeburg, www.sachsen-anhalt-tourismus.de
Museum: Harzer Bikeschmiede, Neue Sorge, 38835 Osterwieck OT Zilly, www.harzer-bike-schmiede.de. März bis November täglich von zehn bis 18 Uhr, Eintritt acht Euro.

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