Torjäger: Vorpommern

Drei Königinnen und ein vorbestrafter Poet, mächtige Stadttore und weite Wasserflächen, die Acht und tausendjährige Eichen: Keine Verschwörungstheorie, sondern eine abwechslungsreiche Motorradreise entlang der mecklenburgischen Seenplatte.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Täglich verliert der Spätsommer an Kraft, erste Kraniche suchen auf ab­geernteten Feldern nach Nahrung, Kastanien und Eicheln warten nur darauf, uns auf die Helme zu fallen – der Herbst scheint nicht mehr weit. Im Morgenlicht preschen wir durch das stille Urstromtal an das nördliche Ufer des Tollensesees, wo der gleichnamige Wasserlauf seinen Ursprung hat, und fädeln uns in den Berufsverkehr der B 104 ein.
Bei Reisen durch Meck­lenburg-Vorpommern be­kommt der aus dem Ballsport stammende Begriff „Torjäger“ eine völlig andere Bedeutung. Ganz besonders, wenn man die historische Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg besucht. Die strategisch wichtigen Durchlässe der kreisrunden Stadtbefestigung wurden im 14. Jahr­hundert aus gebackenen Lehmziegeln erbaut. Das reich verzierte Stargarder Tor weist in Richtung Stargard, unserem nächsten Ziel.
Betagtes Kopfsteinpflaster, aus dessen Fu­gen Gras wuchert, lässt uns hinauf zur Burg rumpeln. Die Bastion kann gleich doppelt punkten: Sie gilt als eines der ältesten Bauwerke der Region und ist die letzte erhaltene Höhenburg in diesem eher flachen Teil Nord­deutschlands. Aber von wegen flach: Wir starten zwar mit der Vermutung, dass die Etappe nach Stolpe an der B 198 schon der fahrerische Leckerbissen dieser Tour gewesen sein könnte. Aber der anschließende Abschnitt von Möllenbeck nach Weisdin belehrt uns eines Besseren.
Die Straßenbauer schufen dank mittelstreifenlosem Teer ein Kurvenparadies. Mit den Kuppen einer sanft geschwungenen Endmoränenlandschaft legte Mutter Natur eine weitere Schippe Fahrspaß obenauf.
In Weisdin an der B 96 angelangt, fällt uns die achteckige Gutskirche auf. Die Acht taucht ein paar Gasstöße später erneut vor unseren Reifen auf. Diesmal im Zentrum von Neustrelitz, der barocken Residenzstadt der einstigen Herzöge von Mecklenburg-Strelitz. Nach einem verheerenden Brand auf dem Reißbrett neu geplant, streben vom quadratischen Marktplatz gleich acht Straßen stern­förmig auseinander.
Dass auch die Erbanlagen der hiesigen Adligen in die Welt hinaus strebten, erleben wir nach einer windungs- und aussichtsreichen Passage entlang der Südgrenze des Müritz-Nationalparks. Aus der abgelegenen Kinderstube der Havel kommend, klappen wir vor dem romantischen Drei-Königinnen- Palais am Mirower See die Seitenständer raus. Fast wie im Märchen stiegen hier gleich drei Prinzessinnen in die Königsklasse auf und wurden durch entsprechende Heirat Monarchinnen in Großbritannien, Preußen und Hannover.

Nein, wir sind nicht in Skandinavien: Diese schmucken Bootshäuser findet man in Neukalen am Rande der Mecklenburgischen Schweiz

Es muss nicht immer Marmor sein: Aus gebrannten Lehmziegeln entstanden Vorzeigebauten in typisch norddeutscher Backsteingotik

Nach so viel Glanz und Gloria steht uns der Sinn nach einem gepflegten Pott Kaffee. Und den gönnen wir uns an der gut besuchten Müritzpromenade in Röbel. Sieht man einmal vom Bodensee ab, den sich Deutschland, Österreich und die Schweiz teilen müs­sen, ist die Müritz das größte Binnengewässer der Bundesrepublik. Der Name entstammt dem Slawischen und bedeutet „kleines Meer“.
Kaum ist die Kaffeelust gestillt, meldet sich prompt der Wissensdurst: Im Müritzeum in Waren erfahren wir Interessantes zu Flora und Fauna über und unter den umliegenden Wasseroberflächen. Aus dem lebhaften Zen­trum der mecklenburgischen Seenplatte drängt es uns zurück aufs Land, wo uns auf dem spannenden Ritt von Groß Gievitz über Sorgenlos und Hungerstorf nach Faulenrost kuriose Ortsna­men und ausgedehnte Agrarflächen begegnen.
In Malchin treffen wir wieder einmal auf ein Stadttor. Kaum haben wir es durchfahren, schicken wir uns an, den Kummerower See im Uhrzeigersinn zu um­runden. Und wieder begegnet uns die Acht, denn das Gewässer rangiert in den Top Ten der größten deutschen Seen auf diesem Platz.
Über den anschließenden Na­tur­park Mecklenburgische Schweiz können echte Eidgenossen wohl nur müde lächeln, uns gefällt die knuffige Hügellandschaft jedoch prima. Gute Laune versprüht eben­falls die Etappe von der Peenestadt Neukalen mit ihrer verzwickten Ortsdurchfahrt, an bunten Bootshäusern vorbei, zum Mühlenhof in Altkalen.
Im nicht weit entfernten Straßenkreuz Demmin, wo die Flüsse Tollense und Trebel in die Peene münden, biegen wir zur Reutersstadt Stavenhagen ab. Unsere Erwartungen auf eine schattige Chaussee werden mit der B 194, die hier als Teilstück der Deutschen Alleenstraße ausgewiesen ist, allerdings nicht wirklich erfüllt.
Mit nicht erfüllten Erwartungen mussten auch die Eltern des jungen Fritz Reuter leben: Der Anfang des 19. Jahrhunderts in Stavenhagen geborene Mundartdichter war ein schlechter Schüler und disziplinloser Freidenker, der später als Burschenschaftler sogar im Gefängnis landete. Die Liebe zu seiner späteren Frau und zur niederdeutschen Spra­che ließen ihn heiraten und erste erfolgreiche Texte verfassen. So erfolgreich, dass ihm 1863 sogar die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Davon waren bereits die mächtigen tausendjährigen Ivenacker Eichen Zeugen. Nach dem Besuch dort rollen wir nach Altentreptow – natürlich durch ein historisches Stadttor.    

Hoteltipp

Hotel am Markt

Das gastliche Haus bietet sich für viele ausgedehnte Touren zwischen der Uckermark und der Ostseeinsel Usedom an. Ruhige, komfortabel ausgestattete Zimmer, ein einladendes Restaurant und ein zünftiger Tresen bilden eine gute Grundlage für unbeschwerte Fahrtage. Überdachte Stellplätze und WLan. Das Doppel­zimmer mit Frühstück ab 78 Euro.

Am Markt 1
17087 Altentreptow
Fon 03961/25820
www.ferienhotel-vorpommern.de

Reise Info

Streckenlänge: 280 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Mecklenburg- Vorpommern liegt im Norden zwischen Schleswig-Holstein und Polen, die Landeshauptstadt ist Schwerin. Die Region zwischen Ostseeküste, Binnenseen und Hügelland ist äußerst dünn besiedelt. Die unzähligen Gewässer sind vor etwa 10 000 Jahren durch das Abschmelzen der Gletscher entstanden. Heute ist die Mecklenburgische Seenplatte mit ihren Wäldern, Mooren und Seen eine weite und vielfältige Landschaft, in welcher die Natur auf großen Flächen geschützt ist. Die Hauptstraßen sind gut in Schuss, die Qualität der Nebenstrecken ist sehr unterschiedlich – bis hin zu buckligen Plattenwegen und kariösem Kopfsteinpflaster.

Anreise: Während sich die Ostseeautobahn A 20 von Norden nähert, führt von Berlin aus die A 11 heran. Die A 24 tangiert das Tourengebiet bei Röbel an der Müritz.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 38 „Mecklenburg-Vorpommern“, 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten. Preis 8,50 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Mecklenburgische Seenplatte e.V., Turnplatz 2, 17207 Röbel/Müritz, www.mecklenburgische-seenplatte.de
Museum: Müritzeum, Zur Steinmole 1, 17192 Waren (Müritz), www.mueritzeum.de, April bis Oktober täglich von zehn bis 19 Uhr geöffnet, Eintritt neun Euro

Teilen: