Indian erfindet sich weiter neu. Vor allem die Scout bringt den Erfolg der nach eigenen Angaben „am schnellsten wachsenden Premium-Marke“ auf Trab. NEWS sattelte die Indian Scout Bobber an der Côte d’Azur.

Selten war Unvoreingenommenheit so leicht. Nicht, dass ich was gegen entspannte, stilbewusste Fortbewegung hätte. Aber ich räume vorab ein: Cruiser sind nicht mein Fachgebiet. Wenn es um lange Gabeln, vorverlegte Fußrasten oder aus dem Vollen gefrästes Schwermetall geht, muss ich mich also nicht groß dumm stellen. Bei Bobbern demnach auch nicht. Dank ausgiebiger Recherche (Wikipedia) weiß ich immerhin, worum es dabei geht: „Alles Überflüssige wegreißen, demontieren, die Maschine leichter und wendiger machen und ihr (…) einen Gewinn an Style zu verpassen.“ Sehr schön! Mir gefallen ja diese Knubbelraddampfer im Walton-Stil. Und Minimalismus war mir sowieso immer schon sympathisch. Damit bin ich also fast schon Bobber-Kernzielgruppe.

Ganz blauäugig begegne ich der neuesten Indian natürlich nicht. Habe ich doch vor zwei Jahren mit der Ur-Scout erstaunlich schnell Freundschaft geschlossen. Mit ihr habe ich mich auf einem unvergesslichen Kurztrip über die nassen Alpen gekämpft. Gemeinsam sind wir durch die kroatische Prärie geritten, haben am Film-Set von Winnetous Pueblo übernachtet und zugesehen, wie sich Millionen Sterne in den Wassern des Rio Pecos spiegeln. Klar, dass wir am Ende fast so was wie Blutsbrüder waren. Der alte Trapper und die Scout. Zwei wie Pech und Schwefel. Bonnie und Clyde. Dick und Doof.

Und nun soll sie also mit der Mode gehen, an Style gewinnen. Statt des klassischen, von manchen als barock empfundenen Cruiser-Auftritts hat Indian die Scout vor allem optisch mächtig flachgelegt. Niedriger „Street Tracker“-Lenker, kürzere Federbeine und abgesägte Schutzbleche sollen genauso beim lässigen Auftritt helfen wie die unter den Lenker geklemmten Rückspiegel, die mangels Praxistauglichkeit aber keine Zulassung schafften. Keine Frage: Die Indian sieht wirklich cool aus. Im Vergleich zum Original ein bisschen wie Old Shatterhand in Baggy Pants.

„Als Bobber soll die Scout jünger, stylischer und dynamischer rüberkommen“, erklärt Indian-Produktmanager Ben Lindaman, der extra aus Kalifornien angereist ist, um uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Mitteleuropas Ober-Indianer Thorsten Zimmer sagt es so: „Viele Besitzer bauen die Scout um und sägen die Schutzbleche ab, da machen wir es doch besser selbst.“ Was natürlich nicht heißen soll, dass Indian seinen Kunden nicht reichlich Spielraum lässt, um in Originalzubehör und Umbauteile zu investieren. So dürften die LED-Bremslichtblinker im Duschkopf-Format in der freien Wildbahn ähnlich hart ums Überleben kämpfen wie der schwarz lackierte Alu-Bügel über dem Hinterrad, an dem das Nummernschild etwas einsam herumzappelt.

Egal. Jugendliche Lässigkeit breitet sich aus, als ich es mir im schicken, tiefen Ledersitz gemütlich mache. Die Kombination aus nicht mehr ganz so weit vorne montierten Rasten und flacher Lenkstange zwingt zu einer ungewöhnlichen, gar nicht mal so unbequemen Körperhaltung. So hätte Peter Fonda wahrscheinlich auch gesessen, wenn die Macher von Easy Rider Mitleid gehabt und ihm eine fahraktive Szene ins Drehbuch geschrieben hätten. Das Vorbeugen strafft die Schultern, den Geist und bringt zudem einen Hauch mehr Druck aufs Vorderrad. Potenziell hilfreich, wenn die Bobber Ernst macht und der Polaris-Vauzwo den Bizeps spannt.

Wegen Euro 4 sowie potenzieller A2-Tauglichkeit stemmt der vermutlich hübscheste Wassergekühlte der Motorradwelt in der Spitze zwar nur noch 94 PS, legte aber dafür untenrum ein paar Newtonmeter zu. Dass er mit 1133 Kubik in der Cruiserszene als Mittelklasse gilt, verstehe wer will. Auch nach der Überarbeitung bliebt der Vierventiler ein geschmeidiger Haudegen, der Schub aus der Hüfte mit beschwingter Drehfreude kombiniert. Würde es nicht irgendwie unsexy klingen, könnte man glatt behaupten, dass er sich fast japanisch anfühlt. Hier lässt nichts darauf hoffen, es könnte auf den nächsten zigtausend Kilometern Gelegenheit geben, sich standesgemäß schwarze Fingernägel zu holen.

Dann schon eher Rückenschmerzen. Zweieinhalb Zentimeter weniger Federweg klingen nicht nach viel. Aber schon die Federbeine der Ur-Scout waren mit 76 Millimetern eher geizig. Ziehen wir noch etwas Negativfederweg ab, bleiben gerade mal zwei Fingerbreit Luft, um Trennfugen und Schlaglöcher zu verarbeiten. Das ist verdammt dicht am Starrrahmen.

Die Tieferlegung macht es natürlich nicht einfacher, dem verwegenen Auftritt Taten folgen zu lassen. Macht die Bobber beim Ampelsprint noch cool auf dicke Hose und malt mit dem Taiwan-Gummi bei Bedarf lange Streifen auf die Kreuzung, müssen wir auf den ersten Kurvenkilometern den lässigen Style erst noch fleißig üben.

Kubik

PS

kg

An das Einlenken des grob profilierten Hundertdreißigers am Vorderrad gewöhnen wir uns schnell. Müssen wir auch, denn mit dem Küstengebirge der Côte d’Azur schickt Indian die Bobber in eine Wechselkurvenwildnis, in der sich auch Supermotos zu Hause fühlen würden. Ein harter Weg für ein Motorrad, das gegenüber der Ur-Scout an Schräglagenfreiheit verloren hat. Die Schleifnippel der Fußrasten sind längst Geschichte, und die Rasten schwinden wie Parmesan auf der Käsereibe.

Dann geht es allerdings edleren Teilen an den Kragen: Krümmer rechts und Seitenständer samt Halterung links müssen sich an der Bobber plötzlich auf ein Leben als Verschleißteil einrichten. Heikel ist, dass auch der Endschalldämpfer früh über den Asphalt raspelt. Die Sorge vor einem ausgehebelten Hinterrad fährt also mit. Vor allem, wenn ungeplante Kuhlen oder Bodenwellen die Kurvenkalkulation über den Haufen werfen.

Mit weiter Linie, etwas Körpereinsatz und In-die-Kurve-lehnen lässt sich ein Teil des Funkenregens vermeiden. Die beste Methode heißt aber natürlich cool sein, vom Gas gehen und ganz auf den lässigen Auftritt konzentrieren. Dann passt alles zusammen. Die an sich gute Einzelscheibe vorne hört auf, mit wanderndem Druckpunkt zu kämpfen, die Gesichtszüge entspannen sich, und es stellt sich reichlich Muße ein, an der Küste die wohlwollenden Reaktionen des Jetsets zu genießen. Der hier eigentlich Yachtset heißen müsste.

Es lässt sich nicht leugnen: Bobbern ist Cruisen in cool. Und das macht die umgemodelte Scout prächtig. Wen stört es da, dass sie optisch mehr Dynamik verspricht und gleichzeitig weniger liefert? Hauptsache, es fühlt sich gut an. Oder wie ein großer Franzose mal sagte: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Wer da noch über Schräglagenfreiheit oder Federungskomfort nörgelt, versteht vom Cruisern wahrscheinlich noch weniger als ich.

Fazit: Was schert euch meine Geschwätz an dieser Stelle? Beim Bobbern geht es schließlich wie beim Cruisen vor allem um Individualität und den ganz eigenen Geschmack. Also: Mir gefällt es, wie Indian bei der Scout zeitgemäße Technik in klassisch-schlichten Motorrädern verpackt. Die Bobber räumt zudem erfrischend gründlich mit barockem Schnickschnack auf. Wenn sie sich weniger gegen beschwingte Kurven sträuben würde, könnten wir tatsächlich Freunde werden.

 

 

 

 

Technische Daten Indian Scout Bobber

Motor:            Zweizylinder-Vau, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zylinder

Hubraum:      1133 cm³

Leistung:        70 kW (94 PS) bei k.A.

Drehmoment:           97 Nm bei 5600 min-1

Bremse v./h.: 298-mm-Scheibe mit Zweikolben-Schwimmsattel / 298-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel

Reifen v./h.:   130/90-16 / 150/80-16

Sitzhöhe:        649 mm

Tankinhalt:    12,5 Liter

Leergewicht: 255 kg

Preis zzgl. Nk.:           ab 13990 Euro

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