Es soll aussehen wie früher – aber besser fahren. Das Rezept ist bei Retro-Motorrädern seit Jahren erfolgreich, Honda wagt mit der CB 1100 RS erneut den Spagat zwischen Klassik und Moderne.

von Tilman Sanhüter, Fotos: Till Ferges

Die Gretchenfrage bei Neo-Klassikern ist immer die Gleiche: Wo verläuft die Grenze zwischen Fortschritt und Stilbruch? Hondas neue Interpretation dieses Zielkonflikts kommt mit dem Kürzel „RS“. Wofür das wohl steht? „Road Styling“ behauptet die Pressemappe. „Retro-Sport“ würde auch passen, denn die Konstrukteure hielten einerseits die Standarte der luftgekühlten Big-Bikes hoch. Andererseits verzichteten sie zugunsten der Fahrleistungen auf das letzte Quäntchen Authentizität.

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Strenge Vintage-Liebhaber würden vermutlich als erstes die schwarzen Gussfelgen monieren. Pragmatiker dagegen legen Wert auf die wartungsarmen Räder. Auch die Dimensionen der Bereifung weichen von alter Väter Sitte ab. Hinten dreht ein breiter 180er Pneu, vorne ein 120er, beide in der aktuell gängigen Größe 17 Zoll. Auch die Bremsanlage setzt mit radial verschraubten Sätteln auf Sportlichkeit. Mit Erfolg, denn die Verzögerung ist aller Ehren wert und fängt die Honda auch aus ihrer abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit von 180 Stundenkilometern zuverlässig ein. Dabei lässt sich der Druckpunkt an Hand und Fuß gleichermaßen präzise ertasten.

Hat das mal nicht geklappt, kann der Fahrer sich auf das, sehr fein und unaufdringlich regelnde Zweikanal-ABS verlassen. Die Gummi-Bremsleitungen wirken allerdings etwas old fashioned.

Die Fahrwerkselemente von Showa muten durchaus edel an. Doch die Gabel mit den gold eloxierten Tauchrohren und die Stereo-Federbeine mit Ausgleichsbehältern sind weit mehr als eitle Pfauenfedern. Beide verfügen über eine einstellbare Federbasis und machen einen hervorragenden Job. Im Stadtverkehr fühlt sich die CB für ein Motorrad ihrer Größe ausgesprochen leichtfüßig an. Zumindest solange sie rollt. Beim Schieben lassen sich die 253 Kilogramm Kampfgewicht nicht kaschieren. Das spielerische Handling liegt auch an der ausgefeilten Ergonomie, die den Fahrer leicht Vorderrad orientiert aber dennoch aufrecht auf der bequemen Sitzbank positioniert. Die Grundabstimmung des Fahrwerks ist von der Sorte „fliegender Teppich“ und damit perfekt für eine entspannende Feierabendrunde. Beim gemütlichen dahin cruisen bügelt die Honda auch über gröbere Straßenbeläge mit stoischer Gelassenheit hinweg. Ist der Kopf am nächsten Morgen ausgeschlafen und die Gashand auf Krawall gebürstet, kann man trotz allen Komforts saftig um die Ecken pesen. Bei flotter Gangart möchte das Vorderrad beim Einlenken etwas Nachdruck. Dafür liegt die Maschine dann genau dort, wo man sie haben will. Korrekturen unnötig.

Allen Widrigkeiten und Brüsseler Verschwörungen zum Trotz hält Honda dem großen luftgekühlten Reihen-Vierzylinder die Treue. Die einstigen Konkurrenten schworen dem Konzept ab, tauschten Kühlrippen gegen Wasserkanäle und hinterließen die CB als letzte ihrer Art. Aus mächtigen 1140 Kubikzentimetern schöpfen die Honda-Ingenieure moderate 90 Pferdestärken. Genug für lange Arme. Doch der eigentliche Reiz dieses Aggregats besteht darin, das Gefühl omnipräsenter Kraft zu genießen. Kurz über Standgas liegen 70 Newtonmeter an, bei 2500 Touren schon 80. Danach steigt die Kurve sanft an und gipfelt in 91 Newtonmetern bei 5500 Umdrehungen. Pubertäres Gas aufreißen ist spektakulärer, wirklich schneller ist man damit aber nicht. Der Four gibt sich eher wie ein erfahrener Boxer, der nicht mehr hektisch im Ring umher tänzelt. Stattdessen behält er kühlen Kopf und packt im passenden Moment seine deftige Rechte aus. Trotz seiner Größe gab sich der Motor dank des gleichmäßigen Drucks mit 4,8 Litern zufrieden. Beim morgendlichen Kaltstart zeigt sich, dass die Siebziger vorbei sind. Der Anlasser muss nur einmal drehen, die elektronische Einspritzung walkt Luft und Kraftstoff im optimalen Verhältnis durch und das Gemisch zündet augenblicklich. Nach wenigen Sekunden regelt die Drehzahl ein und man hört ganz sachte die vier Ventile pro Zylinder arbeiten. Gerade genug, um an frühere Zeiten zu erinnern, aber auch sanft und rund genug, um die Herzen von Perfektionisten zu betören. Hier gibt es noch viel Mechanik und wenig Playstation. Selbiges gilt für die Vibrationen, die das Aggregat unterwegs an den Fahrer weitergibt. Auch der Sound aus der verchromten Vier-in-Zwei-Anlage lebt eher von seiner sonoren Klangfarbe statt ungezügelten Krawalls. Für den Kraftschluss sorgt eine leichtgängige Anti-Hopping-Kupplung mit hydraulischer Betätigung. Das Sechsgang-Schaltgetriebe flutscht tadellos.

Breitling: Das wuchtige Aggregat stemmt sich in den Fahrtwind

Standfest: Die Ausgleichsbehälter sorgen für konstante Dämpfung

Das Kombiinstrument präsentiert Drehzahl und Geschwindigkeit klassisch, den Rest wie Kraftstoffstand, Uhrzeit oder Gang im Display. Die Abdeckung besteht ebenso wie die Seitendeckel aus gebürstetem Aluminium. Die polierte Gabelbrücke ist optisch wie haptisch ein Leckerbissen, blendet aber bei ungünstigem Lichteinfall.

Für günstigen Lichtausfall soll der LED-Scheinwerfer sorgen. Trotz des vermeintlichen Stilbruchs passt sich die moderne Lampe erstaunlich gut ins Gesamtbild ein. Die Ausbeute schlägt das Halogen-Gefunzel vergangener Generationen um Längen. Andere Fabrikate beweisen jedoch, dass die Dioden noch wesentlich mehr Potenzial haben.

Für den Alltag hält die CB schöne Details bereit. Der Heckrahmen über dem blechernen Kotflügel läuft frei und ist mit vier Aufnahmen zur Gepäckbefestigung ausgestattet. Der Hauptständer erleichtert die Kettenpflege. Highlight der täglichen Zuwendung für besorgte Maschinisten ist das Ölschauglas. Ein kleiner per Schraubenzieher drehbarer Scheibenwischer gibt, bei beschlagenem Glas, den Blick auf den Schmierstoff frei.

Kurzum: Der Stil-Mix ist gelungen. Die Modernisierungen stören die klassische Linie nicht und schlagen sich in tollem Fahrverhalten nieder. Wenn die Kühlrippen nach dem Abstellen mit den Endschalldämpfern herzerwärmend um die Wette knistern kann man auch die futuristisch geformten LED-Blinker verzeihen.

Fazit: Die Honda funktioniert im Alltag ebenso wie beim Münchhausen-Spiel auf der Landstraße einfach hervorragend. Sie erfüllt den japanischen Perfektionsanspruch, wird darüber aber nicht zum Langweiler.

Technische Daten

Motor: Verzylinder-Reihe, luft/öl-gekühlt
Hubraum: 1140 ccm
Leistung: 90 PS (66 kW) bei 7500 U/min
Drehmoment: 91 Nm bei 5500 U/min
Reifen: 120/70 ZR17 / 180/55 ZR17
Sitzhöhe: 795 mm
Tankinhalt: 16,8 l
Leergewicht: 253 kg
Verbrauch: 4,8 l / 100 km
Wendekreis: 4,95 m
www.honda.de