Kawasaki sitzt in der Mittelklasse fest im Sattel. Die ER-6-Modelle waren ebenso Verkaufsschlager wie die aktuelle Z 650. Etwas im Schatten dahinter rangiert die Versys 650. Zu Unrecht, wie ein Blick auf den Gebrauchtmarkt zeigt.

Alltag, Sport und Reisen: Kawasakis Versys 650 steht den sportiver aufgemachten Brüdern aus dem Zweizylinder-Baukasten in nichts nach. Im Gegenteil, denn die Marketing-Spezialisten schufen das Kunstwort „Versys“ nicht umsonst aus dem angelsächsischen „versatile“ mit der Wurzel „vielseitig“. Längere Federwege bescheren mehr Komfort auf kaputtgesparten Straßen, die Sitzhaltung ist aufrechter und bequemer, der Windschutz besser, Tank und damit Reichweite größer, auch der Sozius darf sich über mehr Platz freuen. Und grundsolide ist sie noch dazu.
Das gilt ab dem ersten Versys-Modell, das 2007 mit ihrem Zyklopen-Auge das Licht der Welt erblickte – im ersten Jahr optional noch ohne ABS. Da sich im Premierenjahr nur genau 13 Motorräder ohne Blockierschutz an den Mann bringen ließen, ist die Chance, auf eine dieser Maschinen zu treffen, allerdings eher gering.
2010 überarbeitete Kawasaki die 650er: Die Konstrukteure spendierten neue Verkleidungsteile mit verstellbarem Windschild, lagerten den Zweizylinder hinten in Gummiblöcken und kappten seine Spitzenleistung mittels entschärfter Steuerzeiten bei 64 PS. Im Tausch dafür gab es einen alltagsgerechteren Drehmomentverlauf. Zudem setzten sie kaputt vibrierten Rückspiegeln ein Ende. Erhalten blieben jedoch andere Probleme mit Vibrationen, die sich auf aneinander anliegende Verkleidungsteile übertrugen. In den einschlägigen Foren gibt es etliche Anleitungen, wie man der Versys das Dröhnen mittels Moosgummi und Ähnlichem austreibt.
Die Verkleidungen ab 2015 sind dagegen flüsterleise. Und zudem mit getrennten Scheinwerfern erheblich breitentauglicher gestylt. Jedoch gefällt nicht jedem, dass Abblend- und Fernlicht nur getrennt voneinander brennen. Im Internet findet man Doppellicht-Module, die beide Augen gleichzeitig strahlen lassen. Die funktionieren zwar augenscheinlich, kommen jedoch weder mit ABE noch sind sie eintragungsfähig. Kein Problem, da bei der Besichtigung einfach zu entlarven.
Problematischer ist zu prognostizieren, wann das Standlichtleuchtmittel den Geist aushaucht. Ein Pfennigartikel, der aber sauber versteckt sitzt und viel Demontagearbeit verlangt. Ebenfalls nicht billig ist eine Ventilspielkorrektur, denn die Einstellplättchen liegen unterhalb der Tassenstößel und sind nur bei entnommenen Nockenwellen zugänglich. Bei 42 000 Kilometern schreibt Kawasaki die erste Kontrolle vor. Gut zu wissen: Kürzlich verlängerten die Grünen das Serviceintervall. Alle Versys 650 ab Modelljahr 2015 aufwärts müssen alle 12 000 Kilometer zur Inspektion.
In jedem Fall sollte man den Zündschlüssel betrachten. Das weiche Material verbiegt sich leicht und bricht im schlimmsten Fall im Schloss ab. Da die elektronische Wegfahrsperre in der Versys-Dynastie den Tausendern vorbehalten ist, bleiben die Kosten für einen neuen Schlüssel im Rahmen.

Fazit: Über zehn Jahre Modellgeschichte entwickelte sich die Versys von einem guten zu einem exzellenten Motorrad. Zumindest was Standfestigkeit betrifft. Klaffende Lücken in der Deckung sucht man vergebens. Frühe Modelle gehen bei 3000 Euro los. Das überarbeitete Modell ab 2015 kostet ab 5000 Euro aufwärts.

Modellhistorie

2007: Markteinführung, ABS optional, 72 PS

2008: ABS serienmäßig

2010: Modellpflege (Verkleidungsteile, verstellbare Scheibe, Sitzbank, Motorlager, Spiegel, 64 PS, Federbein, zwei Liter größerer Tank)

2015: Neues Modell (frisches Design, integrierte Kofferträger, 69 PS, größere Bremse hinten)

2018: Modellpflege (Euro 4)

 

2007

2010

2015

Technik

Bauart: Zweizylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt,
Sechsganggetriebe, Kette
Hubraum: 649 cm3
Bohrung x Hub: 83 x 60 mm
Ventile pro Zylinder: vier
Leistung: 51 kW (69 PS) bei 8500 min-1
Max. Drehmoment: 62 Nm bei 7000 min-1
Rahmen: Rohrrahmen aus Stahl
Nachlauf: 108 mm
Lenkkopfwinkel: 25 Grad
Radstand: 1415 mm
Federung vorne: Telegabel, 150 mm Federweg
Federung hinten: Aluminium-Profilschwinge,
Zentralfederbein, 145 mm Federweg
Bremse vorne: 300-mm-Doppelscheibe
mit Doppelkolben-Schwimmsätteln
Bremse hinten: 250-mm-Scheibe
mit Einkolben-Schwimmsattel
Sitzhöhe: 840 mm
Inspektionsintervalle: 6000, ab MJ 15 12 000 km
Tankinhalt: 21 l
(Herstellerangaben)

MOTORRAD NEWS-MESSWERTE

Gewicht vollgetankt: 226 kg
Gewicht fahrfertig ohne Kraftstoff: 210 kg
Verbrauch: 4,2 l /100 km
Reichweite: 500 km
vmax / Tacho (km/h): 185 / 192 km/h
Beschleunigung:
0 – 100 km/h: 5,2 sek
0 – 140 km/h: 10,0 sek
400 m bei stehendem Start: 13,7 sek
Durchzug im 6. Gang
60 – 100 km/h: 5,0 sek
100 – 140 km/h: 6,5 sek

(Werte aus NEWS 12/18)

51 kW (69 PS) bei 8500 U/min
63 Nm bei 7000 U/min

Fakten und Preise

Ersatzteile
Bremsbeläge vorne (Paar): 63,31 Euro
Bremsbeläge hinten (Paar): 44,84 Euro
Kettenkit: 218,45 Euro
Bremshebel: 53,90 Euro
Kupplungshebel: 19,92 Euro
Ölfilter: 10,83 Euro
Luftfilter: 25,42 Euro
Spiegel (Stück): 61,20 Euro
Blinker (Stück): 37,08 Euro

Zubehör vom Hersteller
Hohes Windschild: 134,85 Euro
Zusatzscheinwerfer: 398,30 Euro
Steckdose: 96,85 Euro
Niedrige Sitzbank: 400,65 Euro
Koffersatz: 543,55 Euro
Handprotektoren: 27,45 Euro

Leistungsvarianten
35 kW (48 PS)
Inspektionsintervall
6000 km/12 000 km (ab MJ 2015)
Neuzulassungen
2015: 556
2016: 598
2017: 388
2018: 406

Gebrauchtpreise
nach Schwacke II/2019
Baujahr: Händler VK in Euro
2018: 6250
2017: 5650
2016: 5050
2015: 4525
2014: 4125

Alternativen

BMW F 700 GS

Klein-Kuh: Die Mittelklasse-GS macht es nicht nur Einsteigern leicht, sie zu mögen. Sie fährt flott und unkompliziert, mutet edel an und bietet jede Menge Ausstattungsoptionen.

+ Motor
+ Fahrwerk
– Preis

Yamaha Tracer 700

Drückeberger: Die Tracer 700 betört mit ihrem Crossplane-Twin, der schon in der Mitte herrlich andrückt und herzerfrischend bollert. Das Chassis taugt auch für dynamisches Fahren.

+ Punch
+ Fahrwerk
– Komfort
– Ausstattung

Suzuki V-Strom 650

Typisch Suzuki: Frau Strom kann alles, sticht aber nirgendwo besonders hervor. Langweilig ist sie dank des V2 trotzdem nicht, das ausgewogene Handling bietet Fahrvergnügen satt.

+ Motorcharakter
+ Vielseitigkeit
– Bremsen
– ABS-Abstimmung

Honda NC 750 X

Ruhig bleiben: Die NC 750 X sprüht nicht vor Emotionen, ist aber ein treues Gefährt. Bis Landstraßentempo beschleunigt sie konkurrenzfähig. Praktisch: Staufach in der Tankattrappe.

+ Unterhalt
+ Komfort
– Spitzenleistung
– Fahrleistungen

Technik

Motor: Zweizylinder-Viertakt-Reihe,
798 cm3
Leistung: 55 kW (75 PS) bei 7300 min-1
max. Drehmoment: 77 Nm bei 5300 min-1

Motor: Zweizylinder-Viertakt-Reihe,
689 cm3
Leistung: 55 kW (75 PS) bei 9000 min-1
max. Drehmoment: 68 Nm bei 6500 min-1

Motor: Zweizylinder-Viertakt-V,
645 cm3
Leistung: 54 kW (71 PS) bei 8800 min-1
max. Drehmoment: 62 Nm bei 6500 min-1
Motor: Zweizylinder-Viertakt-Reihe,
745 cm3
Leistung: 40 kW (55 PS) bei 6250 min-1
max. Drehmoment: 68 Nm bei 4750 min-1

NEWS-Messwerte

Gewicht: 219 kg
Verbrauch: 4,2 l
Reichweite: 381 km
Beschleunigung:
0 – 100 km/h: 4,7 sek
0 – 140 km/h: 8,9 sek
Durchzug im 6. Gang:
60 – 100 km/h: 5,0 sek
100 – 140 km/h: 6,3 sek
(Werte aus NEWS 1/2017)

Gewicht: 196 kg
Verbrauch: 4,2 l
Reichweite: 405 km
Beschleunigung:
0 – 100 km/h: 4,1 sek
0 – 140 km/h: 7,6 sek
Durchzug im 6. Gang:
60 – 100 km/h: 4,1 sek
100 – 140 km/h: 5,0 sek
(Werte aus NEWS 12/18)

Gewicht: 223 kg
Verbrauch: 4,3 l
Reichweite: 465 km
Beschleunigung:
0 – 100 km/h: 4,8 sek
0 – 140 km/h: 8,7 sek
Durchzug im 6. Gang:
60 – 100 km/h: 5,0 sek
100 – 140 km/h: 6,0 sek
(Werte aus NEWS 12/18)

Gewicht: 222 kg
Verbrauch: 3,7 l
Reichweite: 381 km
Beschleunigung:
0 – 100 km/h: 5,4 sek
0 – 140 km/h: 11,4 sek
Durchzug im 5. Gang:
60 – 100 km/h: 4,7 sek
100 – 140 km/h: 6,3 sek
(Werte aus NEWS 01/17)

Gebrauchtpreise

(nach Schwacke-Liste IV/19)

Baujahr: Händler-Vk in Euro
2018: 7475
2017: 6600
2016: 5900
2015: 5450
2014: 5075

Baujahr: Händler-Vk in Euro
2018: 6600
2017: 5950
2016: 5525

Baujahr: Händler-Vk in Euro
2018: 6475
2017: 5700
2016: 5050
2015: 4675
2014: 4425

Baujahr: Händler-Vk in Euro
2018: 5825
2017: 5075
2016: 4350
2015: 3975
2014: 3575

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