Harley-Davidson stellt mit der Low Rider S eine Neuauflage des angespitzten Kult-Cruisers vor die Strandbars, diesmal auf Softail-Basis. Lauwarmer Aufguss oder heißes Gebräu?

von Tilman Sanhüter,
Fotos Harley-Davidson

Boardshorts oder Kevlarjeans? An der US-Westküste hat man es bei der Garderobenwahl nicht leicht. Südkalifornien ist ein Paradies für Surfer. Und Mo­torradfahrer. Die Menschen wachsen mit Vorliebe ihre Bretter, mümmeln Avocados und lassen sich warme Strahlen auf den Pelz scheinen. Oder bauen Motorräder um. Kein Wunder, dass die Region die Trends der Customszene ausbrütet. Das hat Harley-Davidson früh erkannt und ließ sich bereits 1977 bei der FXS Low Rider von der florierenden Ideenwelt der Südkalifornier inspirieren, seitdem gehört sie fest ins Programm. 2017 markierte die scharf gemachte Low Rider S mit der kultigen Lampenverkleidung den Gipfel der sportlichen Dyna-Reihe. Als die Company 2018 die Dynasaurier ausrottete, versank das S-Modell in den Wellen der Umstrukturierung. Nur um ein Jahr später wieder an den Strand zu krabbeln. Die Stereofederbeine der Dyna hat sie dabei verloren, stattdessen trägt sie die Starrrahmen-Optik des aktuellen Softail-Chassis mit unter dem Sitz verstecktem Federbein. Nicht eingebüst hat sie aber ihre Attitüde. Neben der Standard-Low-Rider wirkt sie immer noch wie der Bruder, der schon mal gesessen hat. Und weil harte Jungs nicht glitzern, verzichtet sie auf Chrom und hüllt sich in vier verschiedene Schwarztöne. Farben­frohe bekommen den Lacksatz auch in Silber. Keine Auswahl gibt es dagegen beim V2. Fest im Rahmen verschraubt ist stets der Milwaukee Eight mit 114 Kubikzoll Hub­raum. Dem braven Schwesterchen ohne S muss der 107er genügen. Recht so, denn mit 155 Nm schon bei 3000 Touren liefert das große Triebwerk genau das, was man von einem „Performance-Cruiser“ erwartet. Der V-Twin treibt das Motorrad an wie einen Kugel­stoßer auf der 100-Meter-Bahn: Die Muskel­pakete straffen sich, nur um dann loszuwetzen wie ein grantiger Ochse. Oben raus fällt der Vortrieb naturgemäß weniger grim­mig aus. Der Vierventiler mit Hydrostößeln und Doppelzündung schüttelt sich herzlich, drängt sich aber nicht auf. Zwei Ausgleichswellen lassen das Zahn­gold an seinem Platz. Auf trockenen Straßen genügt der holzige Michelin Scorcher, um die Kraft weitgehend schlupffrei auf den Asphalt zu bringen. Bei aller Freude am bärigen Bizeps sollte man ihn bei Regen jedoch mit Bedacht entfesseln. Denn die frisch ausgeheckte Harley-Traktionskontrolle ist erst mal den Touring- Modellen vorbehalten. Softail-Fahrer brau­chen weiterhin Hirn und Gefühl.

Ergonomie wie ein Supersportler rückwärts
Dass Performance nicht nur geradeaus geht, dürfte seit der Entwicklung des Softail-Chassis in Milwaukee angekommen sein. Die Low Rider S profitiert dabei von einem mit 28 Grad verhältnismäßig steilen Gabelwinkel, wie wir ihn schon von der Fat Bob kennen. Allerdings mit einer schmaleren, für das Einlenken sympathischeren Rad-Reifen- Kombination. Mit sanftem Druck lässt sich der Bursche recht präzise um die Ecken manövrieren und erlaubt passable 33 Grad Schräglage in beide Richtungen. Vorne bügelt eine nicht einstellbare USD- Gabel über den Asphalt. Das hintere Feder­bein macht dank des für Cruiserverhältnisse anständigen Federwegs von 113 Millimetern einen passablen Job und hämmert die Textur der Straße nicht zu vehement in die Bandscheiben. Wenn der Fahrer vom US- Standardmaß nach unten abweicht, kann er über ein gut erreichbares Handrad per Hydraulik etwas Vorspannung rausdrehen. Low Rider bezieht sich übrigens auf die sehr bodennahe Sitzhöhe. Denn mit 120 Millimetern Bodenfreiheit liegt die S nicht wesentlich tiefer als andere Softails.Überschüssige Energie pulverisiert die vordere Bremsanlage. Die zwei 300-Millimeter-Scheiben mit Vierkolbenfestsätteln packen beherzt zu, auch wenn man nicht die Hände eines Hufschmieds hat. Etwas anders sieht es an der Hinterhand aus. Um etwas vom Zweikolben-Schwimmsattel zu spüren, muss man zutreten wie Godzilla.Bleibt noch die Ergonomie. Die Eckdaten lesen sich erst mal wie Supersportler rück­wärts: Hände hoch, Hintern runter. Der Lenker thront oben auf Vier-Zoll-Klemmböcken, die Kröpfung hebt die Griffe noch etwas an. Der Solo-Sattel ist nach hinten großzügig ausgeformt und hält den Fahrer auch beim Kavalierstart in Position. Etwas merkwürdig ist der Kniewinkel. Der tiefe Sitz und die relativ hoch mittig angeschraubten Fußrasten schüren bei der ersten Sitzprobe die Furcht vor einer anstehenden Gebärmutteruntersuchung. Fühlt sich aber irgendwie cool an. Für längere Reisen sicherlich falsch, aber auch nicht dafür gedacht. Wasserdichte Tourenhosen passen eh nicht ins Bild. Mit der Low Rider S räubert man über kurvige Landstraßen und parkt abends vor der Strandbar. Also erst Kevlarjeans, dann Boardshorts.

Old school: Die Instrumente sitzen nach alter Väter Sitte auf der Tankkonsole

Wenn du nur ein Werkzeug haben kannst, nimm den großen Hammer: Der 114er-Motor ist eine echte Macht

Das ist NEU:

  • Softail-Geometrie
  • 28 Grad Lenkkopfwinkel
  • Vierzoll-Riser
  • Offroadstyle-Lenker
  • Doppelscheibenbremse
  • Felgen in Mattbronze
  • Lampenverkleidung
  • offenliegender Luftfilter

Technik

Bauart: Zweizylinder-Viertakt-V, luft-/flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zylinder, sechs Gänge, Riemenantrieb
Hubraum: 1868 cm3
Leistung: 69 kW (94 PS) bei 5020 min-1
Drehmoment: 155 Nm bei 3000 min-1
Bremse v/h: 300-Millimeter-Doppelscheibe mit Vierkolbenfestsätteln / 298-Millimeter-Scheibe mit Zweikolben-Schwimmsattel
Reifen v/h: 110/90 B19 / 180/70 B16
Federweg v/h: 130 mm / 113 mm
Sitzhöhe: 690 mm
Tankinhalt: 18,9 l
Leergewicht: 308 kg
Preis zzgl. Nk.: ab 19 795 Euro
(Herstellerangaben)

Fazit

Ein Hot Rod auf zwei Rädern: Die Harley-Davidson Low Rider S wird ihrem Anspruch als Powercruiser gerecht. Die aggressive Sitzposition verleitet zu Schabernack mit dem dicken 114-Kubikzoll-V-Twin. Ist aber gleichzeitig auch die Achillesferse der S, denn bequem geht anders. Solisten mit Sonne im Herzen sehen darüber hinweg und genießen das Westküsten-Flair.

Tilman

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