„Sie erweitert die Grenzen urbanen Endeckens“ – verspricht Husqvarna für die Svartpilen 701. Wir nahmen es auf der ersten Testfahrt ernst und flüchteten aus Lissabon – zum Glück!

von Guido Bergmann
Fotos Sebas Romero/Marco Campelli

Mann“, freut sich Sebas, „die ist so cool! So viele coole Formen und Details. Und dauernd wollen Leute wissen, was das für ein cooles Motorrad ist.“ Klar: Sebas ist Fotokünstler. Und als volltätowierter Großbrillenpunker eine Sehenswürdigkeit für sich. Wenn er mit Kollege Marco, Filmcrew und großem Digital-Bahnhof in Lissabons Hipster-Hotspot „LX Factory“ vor einem Motorrad kauert, gerät der Touristenstrom ins Stocken. Doch es stimmt. Auch wenn sie heißt wie ein Ikea-Möbel, die Svartpilen ist ein Hingucker. Ein Designobjekt, das nachts nicht schlafen lässt, beim Gedanken, die Nachbarsblagen könnten es mit ihren Leberwurst­fingern betatschen. Ein Vitrinenstück, um das man Samstagnachmittage lang mit Microfasertuch und Q-Tip robben könnte, um Blütenpollen vom Mattschwarz zu feudeln. Aber wollen wir das? 75 PS, 158 Kilo tro­cken – und wir stehen Caffè Latte schlürfend in der Sonne herum? Natürlich nicht. Höchste Zeit, die Husky von der Leine zu lassen. Ein Knopfdruck, und wir hören – kaum was. Der in Jahren gereifte Rieseneintopf mit zwei Ausgleichswellen klingt kaum wilder als ein Elektro-Tuktuk. Das Püffeln aus dem wunderschön schwarz satinierten Endtopf hat mit dem sagenumwobenen „satten Schlag“ so viel zu tun wie ein Asthma-Inhalator mit einem Ruhrgebietsschlot. Übrigens auch, wenn Akrapovic draufsteht. Freuen wir uns! Motorradlärm-Gelbwesten müssen ihre Munition anderswo auftreiben. Ich liebe leichte Motorräder. Knallharter Sitz, ein mittelhoher, breiter Lenker und sau­gender Knieschluss – hier gefällt es mir auf Anhieb. Nicht ganz so schön ist das hochge­reckte LCD-Instrument, das an eine Küchen­uhr erinnert. „Minimalismus“ nennt Husky das übersichtliche Informationsangebot.

Mit geschlossenen Augen vermutet man eine 690 Duke

Immerhin begrüßt es mit „Pioneering since 1903“ und erfreut mit einem versteckten Taster, der nach längerem Drücken die Traktionskontrolle kappt. Das klappte bei unseren Testmotorrädern nicht immer, ein Soft­ware-Update soll die Abschaltung auf Wunsch jedoch sicherstellen. Das Zweikanal-ABS dagegen bleibt immer auf dem Damm, bei Straßenmotorrädern ist eine Deaktivierung laut Husqvarna nicht mehr legal. Natürlich, mit geschlossenen Augen könnte man die Svartpilen auf den ersten Metern mit einer 690 Duke verwechseln. Auch, wenn der schwedische Kollege gestern beim Bier noch vom nordischen Erbe philosophierte, das Eintopf und Gitterrohrrahmen durchströme: In Schweden baut Husky nur noch Motorsägen und Rasentrimmer. Die Svartpilen ist so schwedisch wie Arnold Schwarzenegger. Und ähnlich kräftig. Trotz des für einen Einzylinder überraschend gut funktionierenden, bidirektionalen Schaltautomaten müssen wir im Stadtgewühl aber erst mal oft zur servounterstützten Antihoppingkupplung greifen. Unter 3000 Touren hämmert der dicke Kolben noch allzu unrhythmisch auf die Kurbelwelle. Dann wird es geschmeidig und dann, irgendwo zwischen 5000 und 6000 Umdrehungen, zündet der LC4 durch. Hui! Und keine Frage: Das hier ist kein Bummelbike für die Flaniermeile. Unter dem anthrazitfarbenen Anzug steckt ein Sportler mit Schalk im Nacken. Die hemmungslose Drehfreude passt dabei ebenso bedingt in städtische Verkehrskonzepte wie die Neigung, das Vorderrad zu heben. Die aufrechte Sitzposition verschafft immerhin guten Überblick, und die gegenüber der Duke um 15 auf 150 Millimeter angewach­senen Federwege lassen Luft, die ulkigen Lissaboner Stahlbrücken zu kleinen Sprung­schanzen umzufunktionieren.

Im Anthrazit-Anzug steckt ein Sportler mit Schalk im Nacken

Raus aus der Enge! Schön, dass die serienmäßigen Pirelli MT 60 RS zwar grobes Profil zur Schau tragen, sich an der Flanke aber mit einem soliden Gummistreifen an die Straße heften. Die Kombination des 160er Hinterrads mit dem vorderen 18-Zöller erscheint nur in den ersten Aufwärmkurven gewöhnungsbedürftig, dann wirft sich die Svartpilen ebenso selbstverständlich von Radius zu Radius wie eine Duke. Genauer gesagt: Duke R. Denn die 701 rechtfertigt ihren allzu oft überstrapazierten „Premium“-Anspruch unter anderem mit voll einstellbaren Federelementen. Inklusive 43 Millimeter starker Split-Fork, an der ich Druck- und Zugstufe am jeweiligen Holm um fünf Klicks weicher stelle. Dadurch taucht die Gabel auf der Bremse so tief ein, wie ich es bei Sumos mag. Die radiale Vierkolben-Brembo-Anlage hat keine Mühe mit dem Leichtgewicht, nur vor rabiat angebremsten Kurven wünscht man sich noch bissigere Beläge für eine Extradosis Präzision. Beim klaren Feedback helfen die soliden Federelemente und das stabile Chassis ebenso wie der straffe Sitz, der auf der kriminell schnellen Autobahnetappe ein paar hochfrequente Vibrationen entlarvt. Einem Video-Kollegen rappelt die Husky die Kamera aus. Nervig für Youtube-Jünger, aber auf der Landstraße sind die Schwingungen absolut nicht von Bedeutung. Hier schöpft die Husky tief aus dem Zauberkessel namens Kurvenglückseligkeit. Viel zu schnell verheddern wir uns wieder im Feierabendverkehr und können einen Nachteil schwedischen Designs von hinten betrachten: Der mit hartem Schaum­stoff gekrönte Bürzel schwebt zwar elegant über dem Hinterrad, Nummernschild und Blinker zappeln aber so tief am Schwingenausleger, dass sie leicht im Gewühl untergehen. Egal, mit kaum einem Motorrad schlägt man spontane Haken leichter als mit dieser Husky. Und wenn sie dann parkt, sieht sie wirklich interessant aus. Macht sich vor der Szene- Pinte bestimmt ähnlich gut wie vor dem Kunstmuseum. Sebas hat recht: ein cooles Motorrad. Aber viel zu schade zum Rumstehen. Zu schade für die Stadt.

Prachtkerl: Der Hightech-Eintopf liebt Auslauf

Ein Hauch von Flattrack: Bürzel mit schicker Sozia-Rampe

Designer-Küche: Zurückhaltende Eleganz plus Swatch-Uhr

Technik: Husqvarna Svartpilen 701

Bauart: Einzylinder-Viertakt, vier Ventile
Hubraum: 693 cm3
Leistung: 55 kW (75 PS) bei 8500 min-1
Drehmoment: 72 Nm bei 6750 min-1
Reifen: 110/70 R 18 / 160/60 ZR 17
Federweg v/h: 150/150 mm
Sitzhöhe: 835 mm
Tankinhalt: 12 Liter
Gewicht vollgetankt: 169 kg
Preis: 10 195 Euro(Herstellerangaben)

Fazit

Echt speziell: Mit der Svartpilen 701 gestaltete Husqvarna so etwas wie eine Duke im schwarzen Rollkragen­pullover. Ein Design-Objekt, das zum Angeben fast so gut taugt wie zum Herumflegeln auf der Landstraße. Mit einem Preis noch über beispielsweise der mit Kurven-ABS bestückten KTM 790 Duke, richtet sich die Husky aber an eine eingeschränkte Zielgruppe: Single-Fans, denen die Freude am Speziellen ein paar Euro extra wert ist.

Etwas speziell:
Guido

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