Strich-T: BMW R nineT /5 im Fahrbericht

50 Jahre BMW in Berlin und 50 Jahre /5-Baureihe: Zum Doppeljubiläum streiften die Bayern der R nineT einen Geburtstags-Dress über und luden NEWS zur Party ein.

von Tilman Sanhüter Fotos Markus Jahn

Von wegen bayerische Gemütlichkeit. In den späten Sechzigern war bei BMW jede Menge los. 1969 spuckte das frisch gebaute Werk in Berlin- Spandau die ersten Strich-Fünf-Modelle aus. Mit einem neu nach dem Vorbild des Norton- Federbett-Rahmens konstruierten Chassis beendeten sie die Vollschwingen-Ära. Teleskopgabel, gleitgelagerte Kurbelwelle und zumindest im Falle des Spitzenmodells R 75/5 Gleichdruckvergaser von Bing zeugten von kräftiger Aufbruchsstimmung. Zum 50. Geburtstag der Baureihe spitzten die Designer nun ihre Bleistifte und bescherten der Baureihe ein Jubiläumsmodell. Technische Basis ist dabei die R nineT Pure. Doch die /5 ist mächtig aufgehübscht. Das beginnt bei der leicht abgestuften Sitzbank mit Querriemen für den Sozius und weißem Keder. Der Motor verzichtet auf das düstere Schwarz der anderen nineTs und der Auspuff – den wir von Scrambler, Racer und Pure kennen – ist von vorn bis hinten verchromt. Nostalgiker wünschen sich natürlich eine Zwei-in-Zwei-Anlage, am liebsten im Stil der zum Kult geratenen Hoske-Tüten. Doch da müssen sie auf den Zubehörmarkt hoffen. Und vielleicht ersinnt ja eine Customschmiede noch einen Scheinwerfer mit ins Gehäuse eingelassenem Kombiinstrument. Am Tank geht es weiter. Die /5 war das erste BMW-Motorrad, das den Trott aus Schwarz mit weißer Doppellinierung durch­brach. Es gab sie in Rot, in Silbergrau oder in für damalige Zeit fast schon obszönem Hellblau. Da musste auch für die Hommage ein knalliger Lack her. Aber nicht einfach der gleiche wie früher, denn wer will schon den Fummel seiner Oma auftragen? Das Lupinblau schimmert im Sonnenlicht mit der silbernen Jubiläumsplakette um die Wette. Der Smoke-Effekt ist etwas anachronistisch, sieht aber schön aus. Da verzeiht man auch den Lapsus der außerhalb der Zierstreifen angebrachten Tankpads – ein Zugeständnis an die progressive Linienführung der modernen nineT. Die Flanken des alten 24-Liter-Spritkastens hatten dagegen ungefähr so viel Topografie wie ein bayerisches Jausenbrettchen. Ein Satz hübscher Speichenfelgen, Faltenbälge, Retro- Spiegel und ein geschwärzter Kardantunnel machen das Sondermodell komplett.

Form funktioniert: Die Tankpads sind aus weichem Gummi – und bieten tatsächlich Halt

Fusioniert: Die Spiegel verbinden moderne Form mit Chromoptik

Wer will schon den Fummel seiner Oma auftragen?

Im stählernen Gitterrohrrahmen hängt ein alter Kämpe. Der luft-/ölgekühlte Vierventil-Boxer trieb früher schon RT, RS und GS an, bevor er in die Retro-BMW wanderte. Und er macht seine Sache immer noch her­vorragend. Mit der Mischung aus roher Kraft, sportlicher Drehfreunde und über Jahre ausgereifter Technik halten nicht wenige ihn für den besten Boxer aller Zeiten. Wer nicht mit Gas knausert, bekommt wilden Vortrieb. Untermalt von dunkel-bellendem Gebrüll in grenzwertiger Lautstärke. Die etwas dickere Sitzbank fällt kommod aus. Obschon man geringfügig höher thront, ändert sich an der grundsätzlichen Sitzhaltung wenig. Das bedeutet: Spitzer Knie­winkel, den Oberkörper leicht nach vorn gekippt und die Hände weit außen an den Griffen. Das hilft, die nineT gegen den strammen Lenkungsdämpfer um die Ecken zu bugsieren. Für tiefe Schräglagen braucht man Entschlossenheit. Die Bremse lässt die Mandeln Richtung Schneidezähne schnalzen. Kurz gesagt: Wer es gerne handfest mag, findet in dem kleinen Raufbold einen geeigneten Spielgefährten. Von wegen bayerische Gemütlichkeit.

Wappenträger: Auf dem Tankrücken trägt die sechste R nineT stolz ihr 50-Jahre-/5-Abzeichen

Lichtgestalt: Der prächtige Boxer hüllt sich in Silber statt Schwarz, die Krümmer sind verchromt

Technik:

Bauart: Zweizylinder-Viertakt-Boxer, luft-/ölgekühlt, sechs Gänge, Kardanantrieb
Hubraum: 1170 cm3
Leistung: 81 kW (110 PS) bei 7750 min-1
Drehmoment: 116 Nm bei 6000 min-1
Bremse v/h: 320-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 265-mm-Scheibe mit Doppelkolben-Schwingsattel
Reifen v/h: 120/70 ZR17 / 180/55 ZR17
Federweg v/h: 125 / 120 mm
Sitzhöhe: 825 mm
Tankinhalt: 17 l
Leergewicht: 219 kg
Preis zzgl. Nk.: ab 14 600 Euro (Herstellerangaben)

Fazit:

Die sechste R nineT ist nicht als Neuauflage der /5 gedacht, sondern als Hommage. Details und Zitate regen manche Hobby-Historiker zum Schwelgen an, andere dagegen zum Schrauben. Beiden muss der Spaß 14 600 Euro wert sein.

Tilman
Exil-Bayer

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