Stille Momente: Uckermark

Hoheitliche Haltestelle: Am Bahnhof Joachimsthal stiegen Kaiser und Gäste in die Kutschen, um das Jagdhaus Hubertusstock zu erreichen

Eine Motorradtour durch die verträumte Uckermark entpuppt sich als Brandenburger Bilderbogen: Vorbei an Wiesen und Wäldern, Türmen und Toren, Kirchen und Kanälen, hin zu Seen und Sehenswürdigkeiten.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Echte Perlen werden von widerstandsfähigen Muschelschalen um­schlossen. Templin, die Perle der Uckermark, von einer intakten kreisrunden Stadtmauer. Im Mittelalter wurde die 1,7 Kilo­meter lange und bis zu sieben Meter hohe Wehranlage aus Feldsteinen errichtet, mehrere Türme sicherten die Zugänge in den Ort. Das hoch aufragende Berliner Tor wird im Rückspiegel immer kleiner, als wir auf der B 109 in Richtung Zehdenick beschleunigen und dabei immer tiefer in das angrenzende Bio­sphärenreservat Schorfheide-Chorin vorstoßen. Anders als der Name vermuten lässt, treffen wir hier nicht auf das niedrige Heidekraut, sondern auf einen abwechslungsreichen Mix aus Wiesen, Weiden und Wäldern. Die menschenleeren, von Eichen und Kiefern dominierten Forste sind die Heimat von Reh- und Rotwild, das seit mehr als hundert Jahren von Mäch­tigen aus Adel und Politik bejagt wurde. Das preußische Herrscherhaus ließ am westlichen Ufer des langgestreckten Werbellinsees das Jagdschloss Hubertusstock errichten. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. war von den modernen Fortbewegungsmitteln seiner Zeit begeistert, was ihm im Volksmund den Spitznamen „Reisekaiser“ einbrachte. Um schnell und bequem das Jagdhaus zu erreichen, befahl er, im nur zehn Kilometer entfernten Joachimsthal einen Bahnhof anzulegen und an das Schienennetz nach Berlin anzuschließen. Wer genau hinschaut, entdeckt noch heute den preußischen Adler über dem Portal des Kaiserbahnhofs.
Zwischen Grimnitzsee und Parsteiner See vertrauen wir uns der B 198 an, um wenig später im spitzen Winkel zur ehemaligen Zisterzienserabtei Chorin abzubiegen. Die Askanier, das wohl älteste deutsche Adelsgeschlecht, dehnten ihren Einflussbereich im 13. Jahrhundert weit nach Osten aus und zwangen die hier lebenden Slawen vom Stamm der Ukrani zum Christentum zu konvertieren. Die Mönche des Klosters leisteten Pionierarbeit, weil sie nach ihren Ordensregeln von ihrer eigenen Hände Arbeit leben mussten. Neben Ackerbau und Viehzucht schufen die Zisterzienser eine schlichte, aber äußerst beeindruckende Kirche, die im gotischen Stil aus Backsteinen errichtet wurde und heute einen Rahmen für Sommerkonzerte bildet.
Der Zahn der Zeit nagt auch an unserem nächsten Ziel, dem Schiffshebewerk Niederfinow, Europas größtem Fahrstuhl für Fracht­kähne auf dem Oder-Havel-Kanal von und nach Polen. Das 1934 in Betrieb genommene Hebewerk überwindet in nur wenigen Minuten einen Höhenunterschied von 36 Metern, wird aber nach über achtzig Dienstjahren bald von einem größeren und leistungsfähigeren Nachfolger in den Ruhestand verabschiedet. Auf der folgenden Etappe von Liepe nach Oderberg haben sich schon einige Motorradfahrer verabschiedet, weil sie die übergroßen Warnschilder ignoriert und die gefährliche Kurvenstrecke über den Teufelsberg unterschätzt haben. Mit Erreichen der B 158 können wir jedoch wieder beschwingter am Kabel ziehen. Schnell ist Angermünde, das von den Askaniern als Grenzfestung gegründet wurde, erreicht. Rund um die markante Marien­kirche bestaunen wir viel Fachwerk, bevor wir nach Gerswalde aufbrechen.

Steinreiche Uckermark: Aus den Hinter­lassenschaften der letzten Eiszeit wurde die Wasserburg Gerswalde errichtet

Der Ostsee entgegen: Am nördlichen Ufer des Unteruckersees verlässt die namensgebende Ucker das größte Gewässer der Region

Farbenfrohe Verwaltung: Das Templiner Rathaus wird bis heute von einem preußischen Adler gekrönt

Nach der langweiligen Bundesstraße genießen wir die von mächtigen Kastanien gesäumte Chaussee, die sich schwungvoll über manchen Hügel zieht und dabei weite Blicke über die Uckermark zulässt. Beim Bau der Wasserburg Gerswalde hatten die Askanier auch ihre Finger im Spiel, galt es doch, die Besitzungen wirkungsvoll vor den neidischen Nachbarn zu schützen.
Mein Interesse an mittelalterlichen Rolandfiguren macht einen Halt im nahen Weiler Potzlow zur Pflicht. Die zwei Meter hohe Holzskulptur ist von einfacher Gestalt, das ihm in die rechte Hand gedrückte Schwert schmucklos. Von allen bisher besuchten Rittern besonderer Rechte ist er der ärmlichste. Während Potzlow unbedeutend blieb, wurde Prenzlau am nördlichen Ende des Unteruckersees reich und mächtig. Von den Askaniern und einer mächtigen Stadtmauer beschützt, schwang es sich zu einem bedeutenden Han­delszentrum auf und wurde Mitglied der Hanse. Den fast fünf Meter hohen steinernen Roland können wir getrost als Youngster bezeichnen, die Aufstellung des schönen Schwert­trägers erfolgte erst im Jahr 2000.
Vom größten uckermärkischen See eilen wir hinaus in den nördlichsten Zipfel Brandenburgs, dort versteckt sich mit Wolfshagen ein weiteres Unikat. Die Grafen von Schwerin wollten Anfang des 19. Jahrhunderts das damalige Gutsdorf aufhübschen und errichteten neben dem Schloss mehr als dreißig weitere, nicht zu übersehende Baudenkmäler. Im benachbarten Woldegk schlagen wir einen Haken, halten uns südwärts und cruisen durch das Feldberger Seenland nach Boitzenburg inmitten des Naturparks Uckermärkische Seen. Nach schier endlosem Dahin­gleiten erreichen wir Templin, die Perle der Uckermark – nach unseren heutigen Erfahrungen nicht die einzige.

Hoteltipp

Hotel Zum Eichwerder

Wer die schönsten Flecken im nördlichen Brandenburg bereisen möchte, trifft mit dem gastlichen Haus eine gute Wahl. Im historischen Ortskern gelegen, nur einen Steinwurf vom Templiner See entfernt, bieten sich von hier aus auch Touren ins Ruppiner Land und das Feldberger Seenland an. Tiefgarage, Sauna, WLAN. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab Euro 75

Werderstraße 38, 17268 Templin
Fon 03987 / 4941410, www.hoteleichwerder.de

 

Reise Info

Streckenlänge: 280 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die Uckermark liegt in der nordöstlichsten Ecke Brandenburgs und zählt zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Motorradfahrer können auf verkehrsarmen Straßen zwischen Müritz und Oder eine einzigartige Landschaft erleben, deren Entstehungsgeschichte während der letzten Eiszeit vor rund 15 000 Jahren begann. Die Tour durch den Naturpark Uckermärkische Seen und das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin führt über sanfte Hügel und durch alte Wälder, an weiten Äckern und stillen Seen vorbei. Schier endlose Alleen säumen Wege, deren Beläge von tadellosem Teer bis zu kariösem Kopfsteinpflaster reichen. Achtung: Permanente Wildwechselgefahr!

Anreise: Das Tourengebiet liegt zwischen den Auto­bahnen A 24 Hamburg – Berlin, A 11 Stettin – Berlin und der Ostseeautobahn A 20.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Reise-Taschenbuch „Brandenburg“. Prima Format mit 300 Seiten Umfang, zahlreichen Bildern und ausführlichen Informationen zu Land und Leuten. Plus extra Straßenkarte, 17,99 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de. 14,99 Euro.
Informationen: Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, Hoher Steinweg 5-6,16278 Angermünde, www.schorfheide-chorin-biosphaerenreservat.de. Naturpark Uckermärkische Seen, Zehdenicker Straße 1, 17279 Lychen, www.uckermaerkische-seen-naturpark.de
Museum: Schiffshebewerk Niederfinow, Hebewerkstraße 52, 16248 Niederfinow. Von April bis Oktober täglich von 9.30 bis 17.30 Uhr geöffnet. Eintritt zwei Euro, www.schiffshebewerk-niederfinow.info

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