Harleys sind gemütlich, eben was für‘s Herz und nichts zum Ballern. Weit gefehlt, wie NEWS-Nachwuchsheld Tilman beim Flat-Track in Kroatien lernt.

Meine Augen werden im kalten Licht des Laptops immer größer. Über den Bildschirm flimmern wilde Typen auf Harleys. Quer. Auf einer Sandbahn. Hin und wieder legt sich eines der Männlein saftig auf die Nase. „Uff, worauf hab ich mich da eingelassen“, frage ich mich, während ich schlaflos im Hotelzimmer liege und Flat-Track-Videos anschaue.

Am Folgetag räumt mir Harley-Davidson die Chance ein, den Volkssport der USA im Kreise der Kollegen mal anzutesten. Eine Gelegenheit, um die mich meine Kumpels zuhause beneiden. Im Moment wäre ich aber wirklich lieber einer von ihnen.

Als ich mich am nächsten Morgen ins Leder bugsiere, keimt zum ersten Mal Rennpferdlaune auf. Der nächste Dämpfer lässt aber nicht lange auf sich warten: Am Track sehen wir zwei Fahrer, die schon mächtig um das Oval ballern. Hinter der Strecke steht ein Kranken­wagen bereit. Na gut, dann ist wenigstens für alles gesorgt. Einer der Rabauken auf dem Shorttrack ist Ruben Xaus, der ehemalige Superbike-WM- und MotoGP-Fahrer. Der andere Grant Martin, er fährt an der Spitze der DTRA- Hooligan-Championship mit.

Grip lass nach: Am Kurvenausgang ist erst Gefühl gefragt, dann Gewalt am Gas

Zum Glück ist ihre Vorstellung nicht die Messlatte für uns, die beiden sind Profis und heute unsere Lehrer. Ruben gibt eine kurze Einführung in die Theorie, hält sich aber nicht mit langen Reden auf. Der beste Lehrmeister soll ja angeblich die Praxis sein.

Kurz darauf sitze ich auf meiner Maschine. Die Street Rod 750 hat gegenüber der Serie etwas abgespeckt. Die Lichter sind ab, die Stereo-Federbeine durch Öhlins-Teile ersetzt, Heck und Tank verschlankt. Ein Schaumstoffluftfilter hält den Staub aus dem Motor, der Endschalldämpfer ist ersatzlos gestrichen. Und das Wichtigste: Tracker haben keine Vorderradbremse. Dem stehen knapp 200 Kilo und 90 PS entgegen. Das klingt spannend.

Ruben rät mir, im Zweiten anzufahren. Ein guter Hinweis, denn die Street vertikutiert den Boden an der Startlinie auch in diesem Gang noch gründlich. Die kurze Gerade fliegt im Nu vorbei und die erste Kurve taucht auf. „Guck doch nicht die Heuballen an, da willst du nicht hin“, kommandiert meine innere Stimme. Scheinbar hat sie Angst um ihren Wirt.

Wie so oft im Leben: Der Zweite muss Staub schlucken

Grobschlächtig trete ich das Getriebe nach unten durch, um die Motorbremse auszunutzen. Mit der Stahlplatte am linken Fuß ist jedes Gefühl weg. Macht aber nichts, den Schalthebel trifft man irgendwie immer. Beim Einkuppeln schlingert das Heck. Noch etwas zögerlich strecke ich das Bein aus und bugsiere die Harley um die Ecke. Die Furcht, dass es den Fuß nach hinten wegziehen könnte, erweist sich als unbegründet. Die Stahlsohle gleitet sanft durch den Staub.

Nach ein paar Runden sickert Rubens vorherige Erklärung, wie unser enges Oval zu fahren ist, zu mir durch. In der Kurve schließt man das Gas und verlagert sein Gewicht nach vorne, um Traktion aufs Vorderrad zu bringen. Dabei presst man den linken Stiefel auf den Boden. Das Hinterrad wandert dann automa­tisch nach außen. Je fester man drückt, desto enger. In etwa wie ein Boot wenden würde – erst wenn der Bug wieder geradeaus zeigt, setzt man den Kessel unter Dampf.

Ein paar Trainingsrunden später verabreden Kollege Matthias und ich uns zu einem kleinen Stechen. Ich erwische einen guten Start und gehe vorneweg in die erste Kurve. Eine Runde lang kann ich die Position verteidigen, dann kauft Matthias mir am Kurvenausgang den Schneid ab. „Verflixt und zugenäht, lass das nicht auf dir sitzen“, motzt das Teufelchen auf meiner Schulter. Tu ich auch nicht. Doch scheinbar haben wir beide den gleichen Dreizack im Rücken. Runde um Runde wechselt die Führung. Wir biegen fast gleichauf in die letzte Kurve vor der Zielgeraden. Ich habe die Innenbahn, gute Voraussetzungen. Jetzt nur keinen Fehler mehr machen, dann ist das Ding im Sack.

Wenn die Maschine zu sehr auskeilt, verliere ich die entscheidenden Meter. Also bleibe ich im zweiten Gang. Im Ersten setzt die Kraft zu abrupt ein. Kurz nach dem Scheitel ziehe ich die Street Rod gerade und will das Gas anlegen. Doch nichts passiert. Mir ist der Motor abgestorben, einfach verhungert. Matthias prescht uneinholbar davon und lässt mich in einer Staubwolke zurück.

Als auch ich im Ziel ankomme, überflügeln Freude und Erleichterung die kurz aufgestiegene Enttäuschung. Der Handschlag mit dem Gewinner fällt leicht. Mir wird klar, was wichtig ist: Und zwar, dass alles heile geblieben ist und wir einen Riesenspaß hatten. Und dass ich viel lieber auf dem Bock sitze als vor dem Laptop.

Lehrstunde: Ex-MotoGP-Fahrer Ruben Xaus erklärt den Trick mit dem Treter

Ölt: Tilman gerät auf dem Tracker mächtig ins Schwitzen

Teilen: