Tourentipp: Sommerfrischler – Mecklenburger Ostseeküste

Ausflugtipps für Motorrad-Wanderer: Zwischen den Hansestädten Rostock und Stralsund warten die endlosen Ostseestrände der Halbinselkette Fischland, Darß und Zingst sowie wenig bekannte Perlen im Hinterland.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Es muss nicht immer Marmor sein! Das norddeutsche Tiefland zählt zu den natursteinarmen Regionen, weil es hier keine Steinbrüche gibt. Dafür aber jede Menge Lehm. So machte man aus der Not eine Tugend, formte Lehmklumpen zu Ziegeln und brannte sie – fertig waren die Backsteine, aus denen einst bedeutende Bauwerke entstanden. Ein besonders schönes Beispiel für die „Backsteingotik“ ist das aus dem 13. Jahrhundert stammende Doberaner Münster. Die ehemalige Zisterzienserkirche hat die Wirren der Reformation und die Schrecken vieler Kriege gut überstanden. Durch die Abgeschiedenheit des Landstrichs blieb nicht nur ihr Äußeres von baulichen Modeerscheinungen vergangener Epochen verschont, auch das prachtvolle Innere konnte bis heute überdauern. Alles andere als ab­geschieden präsentiert sich uns kurz darauf das bei Sommerfrischlern beliebte Seebad Warnemünde.

Die tief im Binnenland entspringende Warnow fließt durch die altehrwürdige Hansestadt Rostock und mündet hier, von einem grünen und einem roten Leuchtturm flankiert, in die offene See. Wir setzen in Windeseile mit einer Fähre zum östlichen Ufer über, passieren imposante Dünen, streifen durch weite Heideflächen und biegen nicht grundlos auf die stinklangweilige B 105 ab. Uns reizt ein Abstecher zum Jagdschloss Gelbensande, das sich nahe in einem dunklen Waldstück versteckt. Das Ende des 19. Jahrhunderts für den Adel errichtete Gebäude präsentiert sich noch heute schick in Schale.

Macht noch immer was her: Das Jagdschloss Gelbensande versteckt sich in einem Wäldchen

Benzin-Hotel: Die Gespräche am Ostsee-Gutshaus müssen nicht immer um Münch oder Horex kreisen

Wir passieren das Tor zum Fischland

Wie die einfachen Leute damals zurecht­kommen mussten, erleben wir im nahen Freilichtmuseum Klockenhagen, wo zwischen uralten Katen und Scheunen Federvieh laut schnattert. Doch unser Interesse gilt der vorpommerschen Boddenlandschaft, die wir mit Dierhagen erreichen. Der Ort trägt den Beinamen „Tor zum Fischland“, dem südlichsten Teil der faszinierenden Halbinsel Fischland, Darß, Zingst. 

Bodden sind flache Brackwassergebiete mit Anbindung an die Ostsee, wichtige Lebensräume für Fische und Vögel. Wus­trow ist der älteste Ort der Halbinsel, die an ihrer schmalsten Stelle nur wenige Hundert Meter breit ist. Mit dem Bau der Navigations­schule Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt der Kirchturm eine Aussichtsplattform, damit die angehenden Marineoffiziere fleißig den Umgang mit Karte, Kompass und Sextanten üben konnten. Von dort oben aus lassen sich die Halbinsel, das Meer und die Boden­landschaft prima überblicken. Im Wustrower Hafen treffen wir auf die typischen Zeesenboote, die bis in die Fünf­ziger Jahre hinein Schleppnetzfischerei in den Bodden betrieben. Heute dienen die Kähne mit den rostbraunen Segeln nur noch dem Touristenvergnügen. Wir sind ja auch zum Vergnügen hier. Gerade mal den dritten Gang eingelegt, rollen wir auch schon in die ehemalige Künstlerkolonie Ahrenshoop, in deren Mitte die imaginäre Grenze zwischen Fischland und Darß ver­läuft. Schmucke Häuser aller Preis- und Altersklassen säumen die Straße, bevor wir in den Darßer Urwald eintauchen. 

Sanft geschwungene Kurven geleiten uns durch 6000 Hek­tar dunklen Mischwald. In Pre­row eskortieren uns aufwendig bemalte Haustüren und liebe­voll gestaltete Wegweiser zum kleinen, aber feinen Darß-Museum. Die uralte Seemanns­kirche am anderen Ende des Ortes stammt aus der Zeit, als der Prerowstrom die Meeres­anbindung bildete und eine ansehnliche Flotte im Hafen lag. Schon bald erreichen wir das mondäne Zingst und damit das gleichnamige, nördliche Drittel der Halbinsel. Ein Muss ist der Besuch der Seebrücke: Der Duft von Sonnen­öl und Seetang schwängert die Luft, das Strandleben tobt und am Horizont werden Wasser und Himmel eins. Unweit sorgt die fast hundertjährige Meiningenbrücke für eine trockene Verbindung zum Festland. Sie wird gelegentlich zur Seite geschwenkt, um dem Schiffsverkehr die Passage durch die Bodden zu ermöglichen. 

Auf einem schmalen, von Schilf und Windflüchtern gesäumten Fahrdamm pre­schen wir durch Salzwiesen gen Süden. Weil sich bisher knackige Kurven und flottes Tempo zwischen den Badeorten zurückhielten, verspüren wir Nachholbedarf und tauchen tief ins Binnenland ein, wo es einst hochherrschaftlich zuging. Nach einem Stopp am vergessen wirkenden Schloss Schlemmin schauen wir am benachbarten Schloss Semlow vorbei, von dessen Pracht nicht viel übrig blieb. Aus dem von Mooren umgebenen Bad Sülze eilen wir auf den unterschiedlichsten Asphalt­adern durchs Tal der Recknitz bis nach Laage. In Schwaan queren wir die schon bekannte Warnow, halten uns west­lich der Hansestadt Rostock und gelangen über Neubukow zurück ans Salzhaff. Großes Hallo, als wir am Ostsee-Gutshaus vorfahren: Im Münch-Mekka-Mecklenburg laufen die Vorbereitungen für ein besonderes Wochenende auf Hochtouren. Das alljährliche Treffen der Giganten kann beginnen!

Hoteltipp

Ostsee-Gutshaus

Das unweit des Salzhaffs gelegene Gutshaus bewahrt unter seinem Dach die Erinnerungen an den verstorbenen Münch-Macher Thomas Petsch, im Erdgeschoss verschiedene Münch-Motorräder und im Keller die Mammut-Bar, in der unzählige Exponate an den Werdegang dieser Zweirad-Giganten erinnern. Das familiär geführte Hotel umfasst fünf Suiten und drei Appartements, im angrenzenden Park können sechs Bungalows angemietet werden. Das Doppelzimmer mit Frühstück gibt es ab 85 Euro.

Marita Gronau
Hauptstraße 1
18233 Klein-Strömkendorf
Fon: 038294/15949
www.ostseegutshaus.de

Reise-Info

Streckenlänge: 270 km
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Mecklenburg-Vorpommern liegt im Norden Deutschlands und erstreckt sich von Schleswig-Holstein bis an die polnische Grenze, die Landeshauptstadt ist Schwerin. Die hakenförmige, über 55 Kilometer lange Halbinselkette Fischland, Darß und Zingst wird auf der einen Seite von der Ostsee, auf der anderen von den Bodden begrenzt. An der schmalsten Stelle nicht mal Tausend Meter breit, ist sie ein Spielball der Naturgewalten. Die Hauptstraßen sind gut in Schuss, die Qualität der Nebenstrecken ist sehr unterschiedlich. Wie Rügen und Usedom platzt die Region in den Sommerferien aus allen Nähten.

Anreise: Von Süden führen die Autobahnen A 1, A 7 und A 24 heran. Zwischen Lübeck und Stralsund verläuft die Ostseeautobahn A 20 parallel zur Küste, als Abfahrt empfiehlt sich das Kreuz Wismar.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nr. 164 „Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern“, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Fischland-Darß-Zingst e.V., Barther Straße 16, 18314 Löbnitz, www.fischland-darss-zingst.de.
Museum: Darß-Museum, Waldstraße 48, 18375 Ostseebad Prerow, Mai bis Oktober Dienstag bis Sonntag von zehn bis 18 Uhr geöffnet, www.ostseebad-prerow.de.
Termin: Das nächste „Treffen der Giganten“ findet vom 26. bis zum 28. Juni 2020 statt.

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