„One size fits all“ – damit legte Wal-Mart in den Staaten einen kometenhaften Aufstieg hin. Und Harley-Davidson verfolgt mit der Sport Glide ein ähnliches Konzept. NEWS tingelte nach Teneriffa, um zu prüfen ob Milwaukees Neue das Zeug dazu hat, „Everybody’s Darling“ zu sein.

Letzten Sommer krempelte Milwaukee die Modellpalette komplett um. Sie schmolzen die Dyna-Dynastie ein und sortierten die Überbleibsel kurzerhand in die Softail-Familie ein. Das macht insgesamt acht frisch geschmiedete Ami-Eisen. Auf der Eicma zog die Company mit der Sport Glide dann noch eine weitere Softail aus der Esse.

Nummer Neun ist laut Harley das Ergebnis der größten Marktforschungsaktion der 115- jährigen Firmengeschichte. Denn potenzielle Eisenkäufer wünschten sich offenbar eine Legierung. Drin sein sollte ein komfortabler Tourer, der leichter als ein Flusspferd ist. Außerdem ein schicker Cruiser, der auf dem Boulevard einen guten Vortrag hinlegt. Dazu noch ein fahraktives Motorrad, das sich auf Bergstraßen nicht allzu schnell abschabt.

“Ein komfortabler Tourer. Ein schicker Cruiser. Und ein fahraktives Bike.

HD-Kunden wünschen sich eine Legierung.”

Neben dem dynamischen „Sport“ im Namen münzten die Milwaukee- Ingenieure diese Maßgaben in ein Kofferset und einen lenkerfesten Windschild um, das sich an die Form der Batwing-Verkleidungen der Massivtourer anlehnt.

Schick schaut sie aus, wie sie sich da um den LED-Scheinwerfer schmiegt. Außerdem nimmt sie ein wenig Winddruck von den Schultern, lässt dem Fahrer aber die volle Frischluft-Dröh­nung. Wer es noch etwas behüteter mag, kann die flache Spoilerkante durch eine 14 Zentimeter hohe Scheibe aus dem Zubehör ersetzen.

Koffer und Maske lassen sich per Schnellverschluss abnehmen. Die Aufnahmen sind dezent integriert, keine häßlichen Träger blei­ben am Heck zurück. Man kann die Hartscha­len mit einer Hand öff­nen und pro Seite rund 25 Liter Gepäck verstauen. Vorausgesetzt, es ist nicht zu sperrig – ein Integralhelm passt nicht rein. So schick die Anbringung gelöst ist, so schade ist das raue Plastik. Besonders wenn Tank und Kotflügel sich in „Silver For­tune“ oder „Twisted Cherry“ hüllen: In Motorradfarbe lackierte Deckel ließen das Konzept vollends stimmig wirken.

Wenn alles eingepackt ist, kann’s losgehen. Der Hintern ist in der tiefen Sitz­mulde bestens aufgehoben, weder rutschen noch zwicken muss er erdulden. Für Ehrenmitglieder im Stamm der Kurzstelzen-Indianer dürften die Fußras­ten einen Tick weiter hinten sitzen, ab 1,70 Meter passt alles wunderbar.

Der Milwaukee- Eight-Motor be­ginnt sein Tagwerk mit kernigem Grollen. Sein harleytypisch leicht unregelmäßiger Puls strahlt sanft in Griffe und Fußrasten. Der große V2 ist zugunsten der Steifigkeit fest im Rahmen verschraubt, zügelt seine Wackelei aber mit zwei Ausgleichswellen. So lässt das Aggregat auf angenehme Weise spüren, dass es da ist. Aber ohne die Aufdringlichkeit eines Betrunkenen, der immer wieder den gleichen Witz erzählt.

“Beim Hochkesseln auf den Pico del Teide merkt man:

Saft gibt es auf dem fliegenden Presslufthammer jederzeit genug.”

Dass ausgerechnet die Sport Glide mit 84 PS laut Werk drei Pferdchen weniger haben soll als die Softail-Schwestern, mit denen sie sich den 107-Kubikzöller teilt, wirkt befremdlich. In der Praxis ist das völlig bedeutungslos, wie sich beim Aufstieg auf den Teide zeigt – mit 3700 Metern höchster Berg Spaniens.

Bei 3000 Rotationen liefert die Sport Glide schon eine Drehmoment-Eruption von 145 Newtonmetern. Beim Hochkesseln der engen, kurvigen Straße Richtung Caldera reicht der zweite Gang für alles, zu wenig Saft gibt es auf dem fliegenden Presslufthammer einfach nicht.

Erst wenn die Radien wieder etwas weiter werden, kommt der Dritte dazu. Das Getriebe lässt sich sauber schalten, etwas Entschlossenheit im linken Fuß schadet aber nicht. Klaro, Weichspülen steht traditionellerweise nicht im Harley-Lastenheft.

Für ihre über sechs Zentner bollert die Sport Glide überraschend flott durch die Wechselkurven. Dank der kräftigen Motorbremse fällt flüssiges Fahren leicht. Die Fußrasten schrad­deln für Cruiser-Verhältnisse spät über den kanarischen Asphalt und müssen längst nicht in jeder Kurve Späne lassen. Das unter dem Sitz versteckte Federbein wahrt nicht nur den lässigen Starrahmen-Look, sondern macht auch in Sachen Dämpfung einen guten Job und glättet Bodenwellen zuverlässig. Die Vor­span­nung kann man auf Gangart und Leibesfülle anpassen: Ein Handrad lugt hinter dem rech­ten Fahrerbein hervor, so kommt man bequem an die hydraulische Verstellung.

Vorne arbeitet eine 43-Millimeter-USD- Gabel. Sie führt den 130er 18-Zöller zielsicher, solange man es nicht übertreibt. Zu knapp vor dem Einlenken hektisch anzubremsen bringt etwas Unruhe ins Fahrwerk.

Die einzelne 300-Millimeter-Scheibe freut sich durchaus über Hilfe von der Hinterradbremse. Die Verzögerung geht in Ordnung, eine zweite Scheibe hätte aber gut zum dyna­mischen Fahrverhalten gepasst. Womöglich gewannen hier die Designer gegen die Ingenieure, denn der zusätzliche Stopper hätte den Blick auf die neu entwickelten Felgen versperrt: „Mantis“ – die Gottesanbeterin – nennt Harley stolz das Räderwerk. Sie wirken edel und passen zur gehobenen Ausstattung mit Tempomat, schlüsselloser Zündung und der fein funktio­nierenden automatischen Blinkerrückstellung.

Die Sport Glide lässt sich prima in die touristische Richtung biegen, nur um in Richtung Sportlichkeit zurückzuschnalzen. Dabei ist sie komfortabel, trotz allen Nutzwerts kein Lang­weiler und preislich im unteren Drittel der Softail-Familie angesiedelt: Diese neue Harley-Legierung ist wirklich elastisch.

Fazit:

Harley bietet mit der Softail Sport Glide ein gutes Multitool für jeden, der Style mit sattem Nutzwert verbinden möchte. Damit dürfte sie nicht allen, aber doch sehr vielen ins Konzept passen. Im Gegenzug wünschen sich die Amis etwa 18000 Euro, damit eines ihrer Drei-in-Eins-Eisen den Weg in die heimische Garage findet.