Tourentipp: Retroperspektive – Altes Land

Der lange Frank wirft neue Blicke aufs Alte Land und gelegentlich auch über den Elbdeich. Mit dem Motorrad unterwegs in Deutschlands größtem Obstgarten, ohne dabei einen Apfel auf die Birne zu bekommen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Kein Handy, kein Navi und keine Assistenzsysteme – wie konnte das nur gutgehen? Vor mehr als zehn Jahren war ich letztmalig im Alten Land unter­wegs, auf meiner betagten R 100 GS mit einer zerknitterten Straßenkarte im Tankrucksack und einem 36er Diafilm im Fotoapparat. Höchste Zeit, Erinnerungen aufzufrischen und gleichzeitig Neues zu entdecken. Mein Basislager habe ich in Bremervörde aufgeschlagen, das tief im Binnenland zwischen Weser und Elbe liegt. Parallel zum Schienenstrang des historischen Moor-Express beschleunige ich in die stille Stader Geest – einer idyllischen Naturlandschaft mit seichten Hügeln, bewaldeten Höhen, weiten Äckern und stillen Mooren. Holländische Siedler, erfahren im Deichbau und der Landentwässerung, begannen vor rund 800 Jahren mit der Urbarmachung des immer wieder von Überflutungen heimgesuchten Gebietes. Bei einem Bummel durch Buxtehude werden die niederländischen Ein­flüsse sichtbar: Schmale Wege und weiße Brückengeländer säumen das Fleeth, eine grachtenartige Anlage, die zusammen mit dem rund zehn Kilometer langen Lauf der Este Nordeuropas ältesten, künstlich angelegten Stadthafen mit der Elbe verbindet. Die im 14. Jahrhundert vorherrschende Armut führte wohl zu den ersten Versuchen, im Alten Land zwischen Stade und Hamburg Obst anzubauen. Durch Deiche vor der Unterelbe geschützt, gedeihen seitdem hier nicht nur Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen und Zwetschgen, sondern auch Sträucher mit Stachel- und Johannisbeeren. Doch die müssen noch warten, denn ich will hoch hinaus.
Griffiger Teer entführt mich links der B 3 in die ausgedehnten Buchenwälder der Schwarzen Berge. Die abwechslungs­reiche Strecke verwöhnt mit Kurven aller Güteklassen und findet ihren Scheitelpunkt am 155 Meter hohen Hülsenberg. Nicht weit entfernt statte ich dem sehenswerten Freilicht­museum Kiekeberg einen Besuch ab. In historischen Bauernhäusern und Scheunen werden das einfache Leben und die harte Arbeit im 19. Jahrhundert in der Region zwischen Elbe und Lüneburger Heide anschaulich dargestellt. Wieder im Jetzt angekommen, starte ich die Maschine und taste mich am Hamburger Stadtrand entlang in Richtung Elbe. Am Obstmarschenweg, der parallel zum Strom führt, liegt auch Jork mit seinen ursprünglichen Häusern. Typisch für den Altländer Baustil sind Fachwerk und Reetdach, sowie prunkvoll geschnitzte Türen und Toreinfahrten. Aber die hölzernen Flügel der Borsteler Windmühle Aurora drehen sich schon lange nicht mehr.

Heiße Mopeds und große Pötte: Am Bikertreff Lühe-Anleger sind auch alltags viele der über 100 ausgewiesenen Motorradparkplätze belegt

Verrückte Mühle: Henriette stand einst in Hamburg und kam vor über 100 Jahren auf Flößen nach Elm

Dicke Wälle: Die Kanonen der preußischen Festung Grauerort sollten den Hamburger Hafen vor der französischen Flotte schützen

Um das Motorrad dreht sich dagegen alles am nahen Bikertreff Lühe-Anleger: Auch in der Woche sind viele der über 100 ausgewiesenen Motorradparkplätze belegt. Ob Curry­wurst mit Pommes oder Bismarckhering im Brötchen, hier werden alle hungrigen Mägen gefüllt. Den tollen Ausblick auf die vorbeifahrenden Ozeanriesen gibt’s gratis. Nicht weit entfernt ragt die letzte noch funktionierende Mühle in Hollern-Twielenfleth in den makellosen Himmel. Wenn der bleigrau war, der Wind brüllte und das Wasser unaufhörlich stieg, wurden in Stade die drei altertümlich wirkenden Alarmkanonen zur Warnung der Bevölkerung vor der nahenden Sturmflut abgefeuert, denn der Hafen der ehemaligen Hansestadt ist über einen Wasser­arm mit der Elbe verbunden. Enge Kopfsteinpflastergassen führen mich in die sehenswerte Altstadt von Stade, wo sich rund um den beeindruckenden Kirchturm St. Cosmae schmucke Bürger­häuser aus dem 17. Jahrhundert aneinander reihen. Völlig schmucklos präsentiert sich mir wenig später die stromabwärts gelegene Festung Grauerort. Das stark befestigte Bollwerk wurde vor rund 150 Jahren erbaut und ist ein Paradebeispiel preußischer Architektur des 19. Jahrhunderts. Die Hamburger, am freien Handel und sicheren Seewegen interessiert, wollten so ihren Hafen vor der feindlichen französischen Flotte schützen. Nach einem letzten Blick über den mächtigen Deich wende ich der Elbe den Rücken zu und presche durch das flache Kehdinger Land. Kaum habe ich die B 73 im Christkinddorf Himmelpforten verlassen, stoße ich bei Brobergen auf die mäandernde Oste, die von Bremervörde kommend ihren Weg zur Nord­see sucht. Zu guter Letzt begegne ich Henriette, einer Windmühle mit Migrationshintergrund: Sie stand einst in Hamburg-Övelgönne und wurde vor über 100 Jahren zerlegt und mit Flößen nach Elm transportiert. Die Zeiten haben sich geändert: Eine mir bestens vertraute Frauenstimme weist mir den Weg zum Hotel, der Bordcomputer fordert blinkend nach einer Zapfsäule und das aus den Tiefen des Tankrucksacks hervorgekramte Smartphone meldet gleich mehrere Anrufe in Abwesenheit. Tschüss, Altes Land – ich bin zurück in der digitalen Welt!

Hoteltipp

Ostehotel Bremervörde

Das gastliche Haus liegt mitten im Elbe-Weser-Dreieck auf einer Halbinsel an der Oste. Ruhige, komfortabel ausgestattete Zimmer, ein einladendes Restaurant, ein großer Biergarten und die Garage fürs Bike bilden eine gute Grundlage auch für Fahrten an die Nordseeküste oder ins Teufelsmoor. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet 93 Euro.

Neue Straße 125
27432 Bremervörde
Fon 04761 8760
www.oste-hotel.de

Reise Info

Streckenlänge: 170 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Mitten im südlichen Elbstromland zwischen Hamburg und Nordseeküste liegt das Alte Land, mit 17 Millionen Obstbäumen auf einer Fläche von 10 000 Hektar. Eine Region, in der das Wort „Hektik“ unbekannt ist. Kilometerfresser kommen nicht auf ihre Kosten, eher Spürnasen für die kleinen Dinge am Rande. Ernährungsbewusste freuen sich über das knackige Obst und die fangfrischen Fische. Die Straßen sind gut in Schuss und stellen auch Anfänger nicht vor Probleme.

Anreise: Im Süden tangiert die A 1 das Tourengebiet, von der Abfahrt Bockel führt die B 71 direkt nach Bremervörde bis vor das Hotel. Die A 7 reicht von Süden, die A 24 von Osten ans nahe Hamburg heran.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober. Besonders lohnend ist ein Besuch zur Obstbaumblüte im Frühjahr oder zur Obsternte im Herbst.
Literatur: DuMont Bildatlas „Elbe und Weser“. 120 Seiten reich bebilderte Informationen über die niedersächsische Region zwischen den Strömen. Das preiswerte und mit zahlreichen Straßenkarten gespickte Werk eignet sich hervorragend für die erste Planung, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverein Altes Land e.V., Osterjork 10, 21635 Jork, www.tourismus-altesland.de
Museum: Festung Grauerort, Schanzenstraße 52, 21683 Stade, www.grauerort.com, Mitte April bis Mitte Oktober an Sonn- und Feiertagen von 10.30 bis 17.30 Uhr geöffnet, Eintritt drei Euro.

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