In der Region Lechtal in Österreich bewegt seit einiger Zeit die Diskussion um Streckensperrungen die Gemüter. Als Reaktion auf die oftmals eingebrachten gefühlten Wahrheiten formierte sich in bei unseren Nachbarn die „IG Moto“ als Pendant zum deutschen Bundesverband der Motorradfahrer BVDM. Haben Fakten mehr Gewicht?

„Wir haben die IG Moto gegründet, um mit am Tisch zu sitzen und den Motorradfahrern eine Stimme geben zu können“, erklärt Robert Heel ihre Beweggründe. Wir, das sind neben dem 59-jährigen, überzeugtem Ducati-Piloten Robert, sein Kumpel Kai Uwe Bürskens, beide Hoteliers im Lechtal, sowie weitere begeisterte Motorradfahrer. „Momentan läuft die Sache allgemein gegen Lärm“, erklärt Heel. Und konsequent an diesem Punkt setzt die „IG Moto“ den Hebel an.
In Schlanders führte die IG Moto im Frühjahr 2018 eigene Schallmessungen durch. Vier Betriebszustände, zwei bei konstanter Vorbeifahrt, zwei mit Vorbeifahrt unter starker Beschleunigung, jeweils mit 50 und 80 Stundenkilometern als Ausgangstempo, führte sie durch. Probanden waren neun Motorradtypen, alle im Serienzustand. Im Portfolio versammelt, vom Einzylinder bis zum Sechszylinder, Euro 2-, 3- und 4- Norm sowie Elektrofahrzeuge. Gemessen wurde von einem anerkannten Lärmexperten mit geeichten Geräten unter praxisorientierten Alltagsbedingungen, bewusst nicht unter Euro-3 oder -4-Testlabor-Bedingungen. Die genauen Werte kann sich jeder über die IG Moto besorgen.

Interessant ist das Ergebnis. Die konstante Fahrt mit 50 oder 80 Stundenkilometern unterscheidet sich in der Lärmemission nur gering, Vierzylinder sind etwas lauter als Zweizylindermotoren. Entscheidend jedoch ist, das Geräuschverhalten bei starker Beschleunigung. Bis zu 28-fach höhere Werte wurden gemessen.
Christoph Lechner, Fachbereichsleiter Maschinenwesen und Umwelttechnik des Landes Tirol, bestätigt das von der IG Moto gezogene Fazit. Praktisch bedeutet es: Wenn der Motorradfahrer direkt bei den letzten Häusern einer Ortschaft stark beschleunigt, steigt für die Anwohner die Lärmbelästigung deutlich stärker, als bei konstanter Vorbeifahrt. Durch Erweiterung der in geschlossenen Ortschaften geltenden 50 Kilometer-Regelungen auf den Außenbereich wurde dem in einigen Gemeinden bereits Rechnung getragen. Das trifft den gesamten Verkehr.
„Abhängig von der Gesamtsituation, Topographie, Gebäudeabstand zur Straße, Dichte der Bebauung, erhöht der durch Motorradfahrer verursachte Lärm den sonstigen Verkehrslärm, rein physikalisch betrachtet, lediglich um maximal drei Dezibel an Wochenenden“, macht Lechner auf einen weiteren Umstand aufmerksam. Bei Messungen wurden gerade auch an von Motorradfahren stark frequentierten Wochenenden von offiziellen Stellen keine über den Normen liegenden Belästigungen gemessen. Es dürfte Motorradgegnern so schwerfallen, allein mit der Lärmargumentation ausreichende Begründungen für Streckensperrungen zu finden.

Die wirkliche Lösung? Die IG macht darauf aufmerksam, dass das der Knackpunkt bei der Lärm-Diskussion ist.

Bei vielen Musikveranstaltungen ist die Geräuschkulisse, in Dezibel gemessen, deutlich höher ist als bei der Vorbeifahrt eines Motorrades. Trotzdem würde niemand die „Paukenschläge“ eines klassischen Konzertes als „Lärm“ bezeichnen. Also alles Roger, zurücklehnen und gemütlich in den Sonnenuntergang cruisen?

Sonthofen, Allgäu, Bayern, Deutschland. „Von Hindelang bis Oberjoch wird der komplette Joch-Pass auf 60 Stundenkilometer beschränkt. Bisher gilt 100 km/h, Experten haben uns von einer Begrenzung auf 80 Kilometer abgeraten, weil es keine wesentlichen Verbesserungen bringen würde“, erklärt Felix Fleischhauer. Der 36-jährige ist Sachgebietsleiter Verkehrswesen beim Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen. Auch in Sonthofen, dem Firmensitz von Held-Motorradbekleidung, beschweren sich Anwohner über Motorradlärm, fordern Streckensperrungen, stehen Schilder am Straßenrand, welche ausschließlich Motorradfahrer als Lärmverursacher diskriminieren. Ursprünglich lag die Forderung auf dem Tisch, den Joch-Pass für Motorradfahrer zu sperren. Jetzt sind alle Verkehrsteilnehmer betroffen. Im Sonthofener Landratsamt fand Ende November 2018 die grenzüberschreitende „Regionalkonferenz Motorradlärm“ statt.

Daten sammeln: Der Versuchsaufbau der IG Moto zur Messung von Motorrad-Lärm.

Neben Verwaltung, Politik und Vertretern der Interessengruppen nahm auch die Landeshauptmann-Stellvertreterin (vergleichbar einer stellvertretenden Ministerpräsidentin) des Landes Tirol Ingrid Felipe teil. Der Grünen Felipe waren die oben beschriebenen Umstände zur Lärmentwicklung bei Motorrädern bekannt. Trotzdem heißt es in der abschließenden Presseerklärung, dass Frau Felipe ein Motorradverbot für bestimmte Strecken in Tirol künftig nicht ausschließen wolle. In selber Presseerklärung von deutschen Behörden wird formuliert: Der Krach der Motorräder strapaziert die Nerven von Anwohnern und Erholungssuchenden. Um diesen einzudämmen, ziehen die Tourismusregionen Bayern und Tirol an einem Strang.

„Jeder wurschtelt da so vor sich hin, ist eine undurchsichtige Sache“, meint nachdenklich Robert Heel. Hier irrt Robert: Die Stoßrichtung, die Brisanz solcher Sätze, ist eindeutig. Nicht nur in Tirol, nicht nur im Allgäu, auch in Eichstätt, im Schwarzwald und sonst wo in Deutschland.

Text: Stephan Käufer Fotos: IG Moto

Wir fragten Michael Wilczynski, Referent gegen Streckensperrungen beim Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM), was in Deutschland letzter Stand sei:

„Derzeit laufen einige Veranstaltungen zum Thema Motorradlärm oder Streckensperrungen. Im Schwarzwald und im Allgäu/Tirol wird das Thema sehr stark diskutiert und aktuell ist gerade bekannt geworden, dass Strecken am Großen Feldberg im Hochtaunus also im Einzugsbereich von Frankfurt, Mainz und Wiesbaden im Mai und September versuchsweise gesperrt werden sollen. Wir (der BVDM) veranstalten selbst das „Bergische Anlassen gegen Streckensperrungen“ am 7.04. Treffpunkt ist in Lindlar und Ziel soll die gesperrte Strecke bei Wermelskirchen sein. Sollte das Oberverwaltungsgericht Münster jedoch die Sperrung der Nordhelle erneut verfügen, geht es dorthin.“

Teilen: