Mit alpiner Luft die Lungen erfrischen, kurz mediterranes Feeling am
Gardasee schnuppern und wieder Richtung Norden Serpentinen sammeln: Der Plan von André und Marek für eine kurvenreiche Tour zwischen Gipfelkreuzen und Palmen war prima ausgetüftelt.

Gerade lief uns die Suppe noch vor Hitze unter den Klamotten längs und jetzt prasselt es auf das Dach der kleinen Bushaltestelle, als wär bereits das Ende unserer Reise oder gar der Welt eingeläutet: Ein derbes Gewitter entlädt sich, kaum dass wir Yamaha und Kati aus Mittenwald rausgetrieben haben und endlich Richtung Süden vorstoßen wollen. Unser Plan, das Stilfser Joch heute noch zur erreichen, droht im Sommer-Unwetter zu ersaufen. Trotzdem genießen wir aus unserem Unterstand den Blick auf die Berge: wolkenverhangen, nebelig, verschwommen. Seien wir ehrlich, ein bisschen Scheißwetter gehört zu einer Alpentour dazu. Vor allem für meinen Mitstreiter Marek. Erstmals in den Bergen unterwegs, wäre nur eitel Sonnenschein ja schon langweilig.Als die ersten Sonnenstrahlen die Wolken durchbrechen, ignorieren wir die letzten Tropfen und geben Gas. Die kleine Landstraße windet sich zwischen tiefgrünen Wiesen hindurch bis wir hinter Telfs auf die langweilige Hauptstraße treffen. Zwar könnte man ab hier auch die Autobahn nehmen, aber das „Pickerl“ haben wir uns geklatscht, so eilig haben wir es nicht. Doch das angepeilte Ziel erreichen wir heute nicht mehr. Ein, zweimal verfahren und schon fliegt die Zeit nur so dahin.
Das Stilfser Joch empfängt uns tags drauf mit dem passenden Mix aus Sonne und Wolken. Der erste echt hohe Pass für Marek und die betagte XJ 600. Mann und Maschine schlagen sich wacker und während die Yamaha in den Pausen vor sich hin knistert, genießt mein Alpen-Anwärter deutlich das hochalpine Ambiente aus in der Sonne glitzernden Schneeresten, vorbeiwabernden Wolkentürmen und klarer Luft.

Majestäten unter sich: In hochalpiner Landschaft fühlt sich die Österreicherin naturgemäß wohl.

Stille Begrüßung : Trotz freundlicher Avancen wollte diese Kellnerin unsere Bestellung nicht aufnehmen: Das Essen war trotzdem Lecker.

Herrlich: Der erste Kaffee am Morgen bevor der Rest der Menschheit die Augen aufschlägt.

Zwar ist das Stilfser Joch beeindruckend, doch schon der anschließende Gavia-Pass zeigt deutlich, dass es oft die kleineren Übergänge sind, die das gewisse Etwas mit sich bringen. Mal windet sich das schmale Asphaltband malerisch zwischen dunklen Wäldern hindurch, mal öffnen sich die Naturtunnel und der Alpencocktail aus saftigen Wiesen, kleinen Bächen und grasenden Kühen wirkt fast schon zu kitschig. Wenn da nicht das Wetter wäre: Sonne und Regen ringen stängig um die Vorherrschaft, verpassen dem lieblichen Gemälde herbe Züge. Und als wir an einer Almhütte auf einen Kaffee anhalten, wird uns klar, wer hier das Sagen hat.

Starker, kalter Wind pfeift uns um die helmbefreiten Köpfe. Genau der richtige Zeitpunkt für eine heiße Stärkung.
Während der kalte Wind weiter an uns zerrt, reiten wir gen Tal. Die Straße bleibt klein, mit Schlaglöchern übersät und mit genialen Ausblicken gesegnet. Nur wenig Verkehr verirrt sich an diesem Tag auf den Gavia-Pass und wir genießen die Fahrt Richtung Edolo.
„90 Euro für die Nacht war die Hütte aber nicht wert“ raunze ich Marek beim Frühstück zu. Wirklich sauber war das Zimmer nicht, schön schon gar nicht. Doch trieb uns gestern noch der Regen in das „Euro-Hotel“, zeigt sich der Himmel heute etwas freundlicher. Wir folgen der SS 242 durch das Camonica-Tal. Der Einstieg, um zum Passo Vivione zu gelangen, ist gar nicht mal so einfach zu finden. Mehr als einmal stochern wir durch enge, steile Gassen in den Dörfern, um den richtigen Wegweiser zu finden. Teilweise sind die Straßen so steil, dass für das Wenden mit den fett beladenen Maschinen der Platz wohlüberlegt sein muss – schnell könnte einem sonst „die Straße ausgehen“.
Aber wir geben nicht auf und irgendwann bin ich mir sicher, auf der richtigen Fährte zu sein. Und wenn nicht, auch egal, denn die kleine Straße windet sich verführerisch durch dichten Wald. Immer hart an der Felswand entlang, die wohl nur selten wirklich Licht bekommt. Viel Moos und tapfere Pflänzchen, die sich auch in den kleinsten Spalten festkrallen, bringen Grün ins Grau. Wir sind allein unterwegs auf dem versteckten Asphaltband. Nur selten lässt das Blätterwerk einen Blick auf die Bergwelt zu, eine Zeitlang windet sich die Straße parallel zu einem Bach. Erster, zweiter, kurz mal den dritten Gang einlegen, mehr geht nicht, mehr muss auch nicht, wer schnell fahren will ist hier fehl am Platz. Langsam krauchen wir höher und kurz vor der Passhöhe öffnet sich die Landschaft, saftige Almwiesen bestimmen das Bild.

In Cividate Camuno hat der Kurvenspaß vorerst ein Ende. Obwohl die Gemeinde am Fluss Oglio nur knapp 2700 Einwohner hat, kommen wir uns nach der Einsamkeit der Berge vor, als wären wir gerade in eine Metropole eingefahren. Der Verkehr nervt und erst nachdem Marek durch eine längere Fragestunde mit einem Einheimischen eine Idee mit auf den Weg bekommt, wie wir denn in Richtung Passo di Croce Domini kommen, geht es weiter. Marek übernimmt die Führung, nimmt hier eine Abzweigung, biegt dort ab und schon tauchen die ersten Hinweisschilder zum Pass auf. Bin beeindruckt, hat der Kerl heimlich Italienisch gelernt?

Nachdem wir wieder auf sicherem Kurs sind, halten wir auch schon wieder an: Es ist Cappuccino-Zeit und die tägliche Kaffee-
Pause lassen wir nicht aus, egal wieviel Kilometer vor oder hinter uns liegen.
Zeigt sich der Croce Domini noch felsig eng und teilweise von Bäumen überspannt, öffnet sich ab der Passhöhe die Landschaft. Vor uns liegt ein tiefgrünes Hügelmeer, in die man freundlicherweise eine schmale Straße gelegt hat. Das Asphaltsurfen bergab ist die reine Motorradfahrer-Lust. Am Lago di Idro schlagen wir geschafft vom Tag unsere Zelte auf. Während Reise-Novize Marek noch mit seinem Zelt kämpft, mit der Iso-Matte hadert und den Schlafsack verflucht, genieße ich das Zischen des Gaskochers, das mir einen leckeren Kaffee verspricht – mit Blick auf die Berge und den Füßen im See.
Wir beschließen, die Zelte einen
Tag länger am Ufer stehen zu lassen und den Croce Domini nochmals von der anderen Seite in Angriff zu nehmen. Schließlich gab es auf der Passhöhe noch eine Abzweigung, die nach Erkundung schreit. Doch es ist eine Schotterpiste: „Willst du die olle XJ da lang bügeln?“ frage ich Marek. „Für die Kati ist das kein Problem.“ Wir überlegen noch, als sich ein paar Einheimische auf XSR 900 auf den Weg machen. Die Entscheidung ist gefallen, wir setzen nach. Mit der KTM fühle ich mich auf dem losen Untergrund sofort pudelwohl und fast könnte man meinen, auf dem Insektengesicht der 1290 wäre ein Grinsen zu erkennen. Marek schlägt sich tapfer, die XJ auch und nach ein paar Kilometern geht der Schotter in Asphalt über – alles richtig gemacht. Die Augen werden größer, als wir auf einmal auf einem Gipfel Gebäude und riesige Parabol-Spiegel erblicken. Es handelt sich um eine Station, die zum Troposcatter-Kommunikationssystem der NATO im Kalten Krieg gehörte. Mit diesem europaweiten Netz wurde bis 1996 kommuniziert und überwacht. Auf dem Dosso dei Galli sind die Gebäude dem Verfall Preis gegeben. Die Schüsseln ragen allerdings, als wäre nichts gewesen, in den blauen Himmel.
Als wir wieder am See sind ist es bereits später Nachmittag. Heute abend bleibt der Gaskocher aus und wir gönnen uns ein Essen mit Pizza, Pasta und lecker Eis in der Trattoria gleich um die Ecke. Als wir mit vollen Bäuchen wieder an den Zelten ankommen, hören wir die Schlafsäcke schon rufen.
Am nächsten Tag peilen wir den Gardasee an. Den Plan, auf dem Weg zum Lago di Valvestino ein zweites Frühstück einzunehmen, wird von der Straße gehörig vereitelt. So eng verschnörkelt, exakt platziert zwischen Felsen und Abgrund sah die Route auf der Karte nicht aus. Kaum eine Gerade stört die Kurvenorgie, bis wir zwischen den Schräglagen irgendwann den ersten Blick auf das große Blau des Lago di Garda erhaschen. Wir nähern uns der Hauptsaison und der Verkehr ist nervig. Doch bis Toscolano-Maderno müssen wir dadurch.

Der Ort liegt fast in der Mitte des Westufers und wir können mit der Fähre zum Ostufer übersetzen. So lassen wir den Gardasee flott hinter uns, krabbeln auf der anderen Seite auf die Gebirgskette empor. Und dort geht es richtig rund. Wir hangeln uns von Kurve zu Kurve, von Dorf zu Dorf immer weiter über den Gebirgszug. Schnelle Stücke mit satten Kurven wechseln sich mit Serpentinen ab, schlechter Straßenbelag mit Gutem. Es ist ein stetiger Wechsel zwischen sanften Wiesen, markanten Felswänden und alpinen Gipfeln. Manchmal ist es so eng, dass ich vor jeder Kurve hupe, um die KTM nicht zur Kühlerfigur eines flotten Fiats zu degradieren.

Die anschließenden Autobahn-Kilometer, um Rovereto zu umkreisen, helfen beim Durchatmen und als wir die Autostrada verlassen peilen wir ein weiteres Kleinod an Die alte Kaiserjägerstraße, die uns zum Lago di Caldonazzo führen soll. Die Straße wurde 1911 aus einem Pfad aufgebaut, den bereits in den 1870er und 1880er Jahren österreichische Kaiserjäger anlegten. So konnte man Material zum Bau der Befestigungswerke im südlich der Straße liegenden Grenzgebiet zwischen Österreich-Ungarn und Italien, der späteren Italienfront, transportieren.
Die enge Straße wirkt wie an den Fels geklebt, schlängelt sich durch roh in das Gestein gesprengte Tunnel nach unten. Die Serpentinen erfordern Körpereinsatz. Das Schönste ist aber die Aussicht über den See und die weiß gezuckerten Alpengipfel. Ob die Erbauer sich allerdings in den Wirren des ersten Weltkrieges daran erfreuen konnten, wagen wir zu bezweifeln. Nun gut, wenigsten für uns hat die Kriegsmaschinerie ein atemberaubendes Stück Straße geschaffen.
Für heute reichts, wir schlagen unsere Zelte auf, denn der Caldonazzo-See mit seiner bezaubernder Lage lockt auf ein Feierabendbier am Seeufer. Aus dem Bier werden in der lustigen Strandbar ein paar Caipirinha und der Abend ist mein Freund – gut, dass wir beschlossen haben, morgen einen bikefreien Tag einzulegen.
Gut ausgeruht geht’s weiter über den Manghen-Pass Richtung Bozen. Eine weitere wunderbare Straße abseits vom Sella-Runden-Gewimmel. Liebliche Alpenlandschaft, enge Fahrbahn gespickt mit Herausforderungen, machen den Pass zum echten Highlight. Auf der Passhöhe öffnet sich die Landschaft und gibt einen weiten Blick über die umliegenden Gipfel frei. Wir sind nicht alleine und es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Motorrädern. Trotzdem wirkt alles sehr ruhig, Krawall-Tüten sind hier Fehlanzeige. Wir ziehen uns erst einen Kaffee, hängen dann noch eine Weile ab und genießen den Blick ins Tal, wo der Straßenverlauf schon Vorfreude aufkommen lässt.
Wir lassen Bozen links liegen und fahren über Ritten weiter Richtung Penser Joch. Auf der Passhöhe lassen wir uns nochmal besonders viel Zeit, um die Lungen mit frischer Höhenluft zu füllen, denn nun ist Heimfahrt angesagt, zurück auf den Boden der Tatsachen, Richtung Normalnull.