Das franko-chinesische Mash-Projekt überschreitet den 500-Kubik-Äquator und erklimmt neue Leistungs- und Drehmomentgipfel: Mit der nagelneuen Dirt Track 650 enterten wir den höchs­ten Berg Hollands. Und waren überrascht.

von Wulf Weis Fotos Mash

Was ist eigentlich Mash? Grob verkürzt handelt es sich um die französische Design- Schmiede Sima, gelegen im Zentrum Burgunds, in Beaune. Dort zeichnet und entwickelt man die Mash-Bikes bis zur Fertigungsreife. Vom Band laufen sie dann aber beim Kooperationspartner in China. Und dort werden auch die Motoren gefertigt, meist als Lizenz-Nachbauten vergangener Honda-Aggregate. Der entsprechende Vorfahr des neuen 644-Kubik-Singles befeuerte einst die Honda NX 650 Dominator. Unter der Last strengerer Abgashürden musste der Single nominell fünf PS und acht Nm abtreten, was ihn nicht daran hindert, spritzig und halbwegs durchzugsstark anzutreten. Wobei der China-Motor in Sachen Schwingungen und mechanisch-akustische Lebensäußerungen sehr gediegen aufspielt, selbst die Schaltung funktioniert geschmeidig. Allenfalls die strammen Kräfte am Kupplungshebel wirken etwas übertrieben – zumindest bei zarten Fingern in XS-Handschuhen.Das Design orientiert sich konsequent an den Flat-Track-Rennern der US-Rennszene. Das ist ein kluger Schachzug der Franzosen, die so die direkte Vergleichbarkeit mit den Retro-Scramblern der größeren Hersteller umgehen und obendrein ein stilistisches Alleinstellungsmerkmal präsentieren.Die Konsequenz der Umsetzung gipfelt im flachen Startnummern-Tableu, wo andere Bikes gemeinhin den Scheinwerfer präsentieren. Weil man die Funzel natürlich trotzdem braucht, ist ein kleiner Projektionsscheinwerfer ins Startnummernfeld zentriert. Ähnlich minimalistisch passte Sima das Mini-Cockpit ein – die US-Racer kommen schließlich ganz ohne Tacho aus.Beide Lösungen wirken nur auf den ersten Blick befremdlich. Eine Mash Dirt Track 650 kauft man sich, weil man aus der Menge herausstechen will. Da sind eigenwillige Details durchaus zielführend. Und es stört nicht, dass der integrierte Drehzahlmesser modernste Stealth-Technik nutzt – Einzylinder dieses Kalibers teilen ihren Wohlfühlbereich ohnehin viel direkter mit. Dafür ist die keineswegs selbstverständliche Tankuhr bei 13 Litern Volumen durchaus nützlich.

Alte Hasen wissen, wie lustig 40 PS sein können
Die Sitzposition ist entspannt, der Rücken gerade, Handgelenke und Unterarme weitgehend lastfrei. Die Bank ist ausreichend bequem, die großzügige Lenkerbreite ver­mittelt beste Maschinenkontrolle. Das Handling der trocken 163 Kilo leichten Dirt Track 650 sollte nun wirklich niemanden überfordern. Eine ausgiebige Probefahrt führt uns durch die südlichen Zipfel unseres niederländischen Nachbarstaates vorbei am spektakulären Vaalserberg (322,4 m), flinke Kurven gibt es auch. Was auf den ersten Metern auffällt: Die chinesische Kendo-Erstbereifung will ausgiebig warmgeknetet werden, bis sich vertrauenswürdiger Grip aufbaut. Das sollten Kaufinteressenten bei der Händlerprobefahrt beachten: Wenn sie sich am Start nicht wohlfühlen, einfach 15 Kilometer durchhalten, dann wird es besser. Die Bremsanlage zeigt sich der gebotenen Dynamik absolut gewachsen, das sauber taktende ABS lässt sich für Geländeeinlagen sogar abschalten. Nicht ganz überzeugen können die Federelemente. An den hinteren Federbeinen gehen die engen Windungen sofort auf Block, womit frühzeitig die Progression einsetzt und Fahrbahnverwerfungen trocken durchgereicht werden. Im Gegensatz dazu ist die solide anmutende Upside-Down-Gabel eher komfortlastig ausgelegt. Wie ist das Fahrgefühl? Dem direkten Perfektionsduell mit BMW, Honda & Co. kann die Mash Dirt Track 650 naturgemäß nicht standhalten. Und wer für rund 6000 Euro einfach nur möglichst gut Motorrad fahren will, ist mit einer jungen Gebrauchten oder einer neuen Honda CMX 500 Rebel vielleicht besser bedient. Dennoch gibt es gute Gründe, sich für das franko-chinesische Retrobike zu entscheiden. Zum einen das wirklich gelungene Design, ein echter Hingucker eben. Aber vor allem das ziemlich authentisch aufbereitete 80er-Jahre-Fahrgefühl adressiert seine Kund­schaft. Klar, aus heutiger Sicht wirken 40 PS eher halbstark, aber die alten Hasen wissen halt noch, wie viel Spaß man damit haben kann. Und der Sound aus dem konischen Endschalldämpfer untermalt noch mal, warum ein Motorrad gar nicht einzylindrig genug sein kann. Nebenbei entkoppelt Mashfahren von allen Konkurrenzzwängen auf der Landstraße und ist in der City extrem cool. Letzter angenehmer Nebeneffekt: Dieses Bike ist wirklich simpel und begreifbar auf­gebaut. Man muss kein Schraubergott sein, um hier Service- und Umbauarbeiten erfolgreich zu meistern.

Thronfolger: Der Motor ist ein Lizenznachbau aus der Honda NX 650 Dominator der 80er Jahre

So klein und schon ein Cockpit: Tacho und Benzinuhr sind groß genug, der Drehzahlmesser nicht

Technik: Mash Dirt Track 650

Bauart: Einzylinder-Viertakt, luft-/ölgekühlt, vier Ventile/Zylinder
Hubraum: 644 cm³
Leistung: 29 kW (40 PS) bei 6000 min-1
Drehmoment: 45 Nm bei 4500 min-1
Bremse v./h.: 320-mm-Scheibe mit Vierkolben-Festsattel / 240-mm-Scheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel
Reifen v/h: 120/80 – 18 / 130/80 – 18
Federweg v/h.: 120/130 mm
Sitzhöhe: 780 mm
Tankinhalt: 13 l
Trockengewicht: 163 kg
Preis zzgl. Nk.: 5895 Euro
(Herstellerangaben)

Fazit

Die Mash Dirt Track 650 besticht durch das konsequent umgesetzte Designkonzept und den authentisch aufspielenden 80er-Jahre-Single. Und die Devise „Viel Spaß mit wenig Technik“ spricht jugend­liche Puristen genau so an wie alte Herren, die vergangene SR/XT/XL-Herrlichkeit wiederentdecken wollen.

Wulf
Alter Hase

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