Prachterhalt: KTM 1290 Super Duke R im Fahrbericht

Knapp 180 PS, an die 190 Kilo trocken und kurvengieriger als je zuvor. Mit der 1290 Super Duke R in der Hauptrolle zeigt KTM den dritten Teil von „The Beast“. Nach der Premiere auf dem Autodrom von Portimao sind sich die Kritiker einig: Ganz großes Kino.

von Guido Bergmann Fotos Marco Campelli, Sebas Romero

Fast hätte ich drauf geparkt: Der junge Kollege vom Konkurrenz­blatt liegt neben der Super Duke und rührt sich nicht. „Ich bin einfach müde“, sagt er, „jetzt nur noch duschen, und dann reicht es vor dem Abendessen vielleicht noch für ein Nickerchen“. Super Idee. Müsste ich nicht heute noch diesen Text in die Tasten hauen, wäre ich längst in der Wanne. Das „Beast 3.0“ zwei Stunden volle Pulle auf der Renne und einen Nachmittag kaum weniger flott über die Landstraße zu fahren, lässt nicht nur alle Glückshormone sprudeln. Es macht auch ganz schön fertig.

„Motor, Fahrwerk und zwei Räder“ sagt Super-Duke-Papa Hermann Sporn, „viel mehr sollte ein Naked Bike nicht sein.“ Klar, dazu noch was zum Draufsetzen und Festhalten. Und ein paar hundert Detailverbesserungen, damit das Modell 2020 Landstraßensurfer und Racer gleicher­maßen wuschig macht. Anders gesagt: Um den prächtigen 1301- Kubik-Vau hat KTM praktisch ein neues Motorrad gebaut. Drei PS mehr? Geschenkt! Schließlich hat schon die letzte SuDu mit 180 PS am NEWS-Prüfstand gerüttelt. Haupt­ursache für die Portion Extra-Schmalz dürfte neben veränderten Einspritzventilen und engeren Fertigungstoleranzen der Ram- Air- Effekt sein. Durch die Nasenscharte zwischen den LED-Leuchten presst die Luft in eine größere Airbox. Um dafür Platz zu schaffen, musste der Tank um zwei Liter schrumpfen.

Der Nasenschnorchel spielt auf der Landstraße keine Rolle

Da sich der Nasenschnorchel erst bei Highspeed auszahlt, spielt er auf der Landstraße keine Rolle. Er hilft aber mit, dass auf der buckeligen Zielgeraden von Portimao eine 270 auf dem TFT-Display aufblitzt, ehe die erste Rechts ranfliegt und die Brembos den Schwung einstampfen. Feinstes Zeug, diese Stylema-Sättel. Dabei knautscht und ächzt nichts, vom Fahrer in Einzelfällen ab­gesehen. In der schnellen Biegung zuckt die KTM mit keiner Wimper. Wäre auch enttäuschend, denn in Sachen Fahrwerk hat Mattighofen mächtig aufgerüstet. Der Hauptrahmen hat viele seiner hübschen Gitterrohre verloren. Das neue Gerüst setzt auf größere Durchmesser bei kleineren Wandstärken und spannt den LC8 als mittragendes Element ein. Schon erstaunlich: Während Ducati Riesenlöcher in den Panigale-Rahmen fräst, damit das Ganze flexibler wird, verspricht KTM für das Super-Duke-Paket eine dreifach höhere Verwindungssteifigkeit.
Aber was sich auf der Buckelgeraden noch leicht knochig anfühlt, wirkt in Schräglage Wunder. Das Feedback von Vorder- und Hinterrad ist eindeutig wie beim Barfußlaufen. Die 48er Split-Fork gibt sich unerschütterlich, hinten hat KTM auf ein über Hebelei angelenktes Federbein gewechselt, das mit größerem Federbeinhub bei auf 140 Millimeter verkürztem Federweg die Feinabstimmung erleichtert. Der Motor wanderte für einen ausbalancierten Schwerpunkt 38 Millimeter nach oben. Nebenbei machte er Platz für eine um fünf Millimeter nach oben gerückte Schwingenachse, damit das Federbein beim Herausbeschleunigen nicht in die Knie geht. Logisch, eine Super Duke soll ja nicht gemütlich ums Eck rollen, sondern sich mit Gebrüll auf die nächste Zwischengerade stürzen. Damit das Hinterrad dabei nicht nur schwarze Streifen malt, hat Bridgestone extra einen S22 in 200/55 vulkanisiert, der nicht nur voll alltags- und nässetauglich sein soll, sondern selbst in optimistischer Schräg­lage noch reichlich Gummi auf den Boden bringt.
Der überarbeitete Quickshifter hilft gegen Extra-Honorar beim nterbrechungsfreien Durchziehen, die Gänge flutschen wie bei einer Tiptronic. Ärgerlich für wilde Ledermänner, die sich die Kampfspuren an ihrer Rennkombi in ruhmreichen Schlachten gegen den Highsider verdient haben: Auch, wenn die 1290 Super Duke anreißt wie eine allesfressende Bestie, hält eine Sechsachsen-IMU doch jedes Manöver unter Kontrolle – und damit auch Gelegenheitsraser im Sattel. Die Traktions­kon­trolle dosiert den Schlupf genauso passend zum Fahrzustand wie das Kurven-ABS. Den Testmotorrädern hat KTM selbstredend den „Track“-Modus aufgespielt, der nicht nur die Option auf ein Supermoto- ABS serviert, sondern die Tempomat-Tasten in Schnellzugriffe für die Traktionskontrolle verwandelt. Nach dem ersten fiesen Rutscher des dahinschmelzenden Bridgestone reicht ein Daumendruck, um aufs nächste Betreuungs-Level zu wechseln.

Ende des schönen Fachwerk-Zeitalters: Ein Verbundrahmen aus Alu und Kohlefaser trägt jetzt das Heck

Geschenkt: Auch ohne die drei Extra-PS des neuen Jahrgangs pulverisiert der 1301-Kubik-Twin klassische Vorstellungen von Zeit und Raum

Bei dahinschmelzenden Reifen reicht ein Tastendruck

Man muss die elektronischen Heinzelmännchen einfach liebhaben. Ohne sie wäre ich vermutlich längst ins Kiesbett gerauscht oder hätte mich von den Kollegen aufschnupfen lassen, was ähnlich doof ist. Dabei regelt die Assistenzabteilung so dezent, dass sich selbst alte Rundkurs-Raubeine nicht bevormundet fühlen. Selbst ist der Mann auch bei der Wheelie-Control: Obwohl die Messtechnik es hergäbe, gibt es keine Hinterradfahrten aus der Dose. Wer abschaltet, muss selbst drauf achten, dass ihn die Super Duke nicht auf den Rücken wirft. Doch dafür ist sie viel zu gutmütig.
Die bierdeckelgroßen Kolben schnappen zwar zu wie ein Mastiff nach der Fleischwurst, doch bei aller Urgewalt ist die lammfromme Dosierbarkeit geblieben. Damit könnte man auch freundlich durchs Naherholungsgebiet bummeln. Es wäre sogar bequem. Trotz des leicht nach vorne gerückten, vierfach verstellbaren Lenkers bleibt das Ganze relaxt und rückenfreundlich. Mit der Nebenwirkung, dass der Fahrtwind wie eine Straßenbahn am Oberkörper zerrt. Und weil der sich irgendwo festhalten muss, hat der Lenkungsdämpfer beim Durchbeschleunigen alle Hände voll zu tun. Ob KTM mal über einen elektronischen Lenkungsdämpfer nachgedacht hat? „Den wünsche ich mir seit Jahren“, sagt Hermann.
Die Race-Version der Super Duke R hat immerhin ein einstellbares Exemplar. Ansonsten brüllt und tobt sie noch wilder um den Kurs als das Standard-Modell. Schneller, präziser und – Überraschung – einfacher zu fahren. Klar, mit dem fetten Mapping und der infernalischen Titan-Anlage hat die Race-Version keine Chance, dem Gehege abgesperrter Strecken zu entkommen. Aber sie lässt ahnen, dass selbst die formidable Super Duke R noch besser sein könnte. Hermann arbeitet längst daran. Natürlich verrät er nichts. Vermutlich wird es nicht viel mehr als Motor, Fahrwerk, Räder. Und ein paar hundert Änderungen im Detail.

Das ist neu:

  • sechs Kilo leichter
  • drei PS stärkerer Zweizylinder
  • 2,8-Liter-Airbox mit Ram-Air-Einlass
  • effizientere Einspritzventile
  • kupferbeschichtete Schaltgabeln
  • Abgasführung durch 60-Millimeter-Krümmer und zwei Kats
  • Gitterrohrrahmen, Motor mittragend, dreifache Torsionssteifigkeit
  • Heckrahmen aus Aluguss und Kohlefaser
  • 16- statt 18-Liter-Stahltank
  • Schwinge mit nach oben gerücktem Drehpunkt
  • über Hebelei angelenktes Federbein
  • leichtere Fünfspeichenfelgen
  • 200er Hinterreifen (Bridgestone S22)
  • renoviertes TFT-Display mit neuen Schaltereinheiten
  • überarbeitete Assistenzsysteme
  • Transponder-Schlüssel
  • optionaler Performance-Modus für volle Konfigurierbarkeit im Alltag

Technik:

Fertigungsland: Österreich
Motor: Zweizylinder-Viertakt-V, vier Ventile/Zyl., flüssigkeitsgekühlt, sechs Gänge, Kette
Hubraum: 1301 cm³
Leistung: 132 kW (180 PS) bei 9500 min-1
A2-Variante:
Drehmoment: 140 Nm bei 8000 min-1
Umweltnorm: Euro 4
Bremse v./h.: 320-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Radialsätteln / 240-mm-Scheibe mit Zweikolben-Festsattel
Reifen v/h: 120/70 ZR 17 / 200/55 ZR 17
Radstand: 1497 mm
Federweg v/h.: 125/140 mm
Einstellmöglichkeiten Fahrwerk:
komplett Assistenzsysteme: ABS, Traktionskontrolle (jeweils schräglagenabhängig),
Wheelie-  und Launch-Control, bidirektionaler Quickshifter optional
Konnektivität: KTM my Ride-App
Sitzhöhe: 835 mm
Tankinhalt: 16 l
Trockengewicht: 189 kg
Preis zzgl. Nk.: ab 18 295 Euro

Fazit:

Ich sollte warten, bis das Adrenalin aus meiner Blutbahn verschwunden ist und die Vernunft Oberwasser bekommt. Nach einem Tag, an dem ich im Windschatten von Alex Hofmann über die Rennstrecke ballern durfte und größere Distanzen auf dem Hinterrad zurücklegte, wird mir die 1290 Super Duke R wahrscheinlich noch im Traum begegnen. Und Traumbike passt: Auch in der dritten Generation bleibt die KTM eine Naturgewalt mit atemberaubender Bandbreite. Dank neuem Fahrwerk und verbesserter Elektronik fährt sie schneller, einfacher und sicherer. Und das ist ja irgendwie auch vernünftig.

Guido
Bestienzähmer

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