Potzblitz Prignitz!: Brandenburg

Erstaunliche Motorraderfahrungen im Dreiländereck von Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen-Anhalt: Im flachen und stillen Ostelbien unterwegs von gemütlich über glamourös bis gruselig.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Treffpunkt Pentagon! Nein, nicht das US-Verteidigungsministerium in Washington, sondern die fünfeckige Festung in Dömitz ist der Startplatz für unsere Tour in die brandenburgische Prignitz. Im 16. Jahrhundert sicherte die aus Backsteinen errichtete und mit Kanonen gespickte Anlage die Elbübergänge und die südwestliche Landesgrenze Mecklenburgs.
Auf unserem Weg strom­aufwärts passieren wir die Klappbrücke über die Müritz-Elde-Wasserstraße, eine bei Freizeitkapitänen beliebte, bis in die Seenplatte der Müritz reichende Verbindung, und folgen am Ortsausgang dem Abzweig nach Lenzen. Prompt ändert sich die Szenerie: Anfangs brummen wir auf mittelstreifenlosem Teer durch kleine Wälder, dann öffnet sich die flache Lenzer Wische vor uns, eine von unzähligen Entwässerungsgräben durchzogene Wiesenlandschaft.
Die schmale Straße schmiegt sich an die gewundene Löcknitz, Angler und Kraniche hoffen regungslos auf den großen Fang. Nach Lenzen, das uns fast wie eine Weltstadt vorkommt, streben wir am langgestreckten Rudo­wer See entlang zurück in die menschenleere Weite des Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe – Brandenburg, wie wir es lieben.
Das kleine Megalithgrab bei Mellen fungiert als Meilenstein für den Einstieg in die wunder­voll wechselhafte Nebenstrecke nach Perleberg. Im Mittelalter auf einer Stepenitzinsel gegründet, gehörte die Stadt zwischen 1359 und 1447 zur Hanse. Rund 50 Jahre später wurde im Ortskern ein über fünf Meter hoher Roland errichtet. Die steinerne Statue, mit Helm, Schild und Schwert unschwer als Ritter zu erkennen, stand damals für besondere Rechte und Privilegien der hiesigen Stadt und deren Kaufleute. Bis heute schaut der edle Recke dem bunten Treiben auf dem Marktplatz zu.
Der Verlauf der Stepenitz prägt die weitere Route. Nach Schloss Wolfshagen erreichen wir Putlitz, eine der ältesten Städte der Prignitz. Von der ehemaligen Burg überdauerte nur der schlanke Bergfried. Apropos schlank: Wer mit einer Fashion-begeisterten Sozia auf Tour ist, sollte das nächste Zwischenziel weiträumig umfahren, denn das Modemuseum Schloss Meyenburg zeigt Teile der umfangreichsten europäischen Sammlung von Kleidermode des 20. Jahrhunderts von 1900 bis 1970.

Monarchen-Meeting: 1716 verbündeten sich in Havelberg der russische Zar und der preußische König gegen die Schweden

Verrückter Roland: Weil die mittelalterliche Steinstatue in Perleberg den Straßenverlauf störte, wurde sie versetzt

Gruselige Gruft: Der Leichnam des Ritters Kahlbutz will einfach nicht verwesen – bis heute ein Publikumsmagnet

Mit Meyenburg haben wir nicht nur die Kinderstube der Stepenitz erreicht, sondern auch die nördlichste Ecke der Prignitz. Kurz vor dem Verkehrsknotenpunkt Wittstock schlagen wir uns bei Wernikow wieder in die Büsche, diesmal reizt uns ein Halt am Klosterstift zum Heiligengrabe. Das im 13. Jahrhundert von Zisterzienserinnen gegrün­dete Kloster gehört zu den besterhaltenen Brandenburgs. Nichts mit innerem Frieden, sondern mit Mord und Totschlag hat das gleichnamige Bier der ehemaligen Hansestadt Kyritz zu tun. Das herbe Schwarzbier mit stolzen 7,2 Prozent Alkohol war neben hochwertigen Stoffen der Exportartikel schlechthin und überdauerte bis heute. Am südlichen Ende der Kyritzer Seenkette stoppen wir an der unscheinbaren Dorfkirche von Kampehl, wo in einer bescheidenen Gruft die sterblichen Überreste des Ritters Kahlbutz zu bestaunen sind. Glaubt man der Sage, soll der potente Gutsherr im 17. Jahrhundert allzu gern auf das „Recht der ersten Nacht“ bestanden haben. Als wieder eine Magd heiratete, kam es zu einem Streit mit dem Bräutigam, der mit eingeschlagenem Schädel am Morgen nach der Hochzeitsnacht tot aufgefunden wurde. Der angeklagte Ritter beteuerte seine Unschuld und schwor vor Gericht: „Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nicht verwesen.“ Mehr als hundert Jahre später wurde bei Bau­arbeiten die Gruft geöffnet und dabei zufällig der mumifizierte Ritter entdeckt. Immer wieder versuchten bedeutende Mediziner das biologische Rätsel zu ergründen – immer wieder erfolglos.
Völlig ohne Gruseleffekt präsentiert sich uns wenig später der im romanischen Stil erbaute Dom St. Marien in Havelberg. Vom Hügel, auf dem das Gotteshaus oberhalb des Ortes thront, lassen wir unsere Blicke über die Havelmündung und den Elbstrom bis in die Altmark schweifen. Etwas abseits erinnern am Rande des Domplateaus zwei lebensgroße Bronzefiguren an den November 1716, als sich Zar Peter I. von Russland und der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hier vertraglich gegen die angreifenden Schweden verbündeten: Es sind metallene Majestäten, schweigend ins Gespräch vertieft.
Ohne Stimme, aber nicht stumm, das trifft auf die unzähligen Störche zu, denen wir, wieder zurück im Biosphärenreservat, im Storchendorf Rühstädt begegnen. Klappern gehört zum Handwerk meint Adebar und macht so lautstark auf sich aufmerksam. In der dünn besiedelten Auenlandschaft entlang der Elbe säumen windschiefe Bäume und hohe Deiche unseren kurvengespickten Rück­weg, der anfangs aus rauen Betonplatten und ab Wittenberge aus passablem Teer besteht. Potzblitz steht übrigens für einen Ausruf des Erstaunens. Und Staunen ließ uns die vielfältige Prignitz häufig.

Hoteltipp

Radlerpension Dömitz

Die liebevoll geführte Pension liegt in unmittelbarer Elbnähe und dient als ideales Basislager auch für Touren ins Wendland, in die Altmark, an die Müritz oder ins Havelland. Das Motorrad parkt sicher im abgeschlossenen Innenhof. Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer ab 30 Euro pro Person.

Veronika Steffen
Elbestraße 1
19303 Dömitz
Fon 038758 24484
www.radlerpension- doemitz-elberadweg.de

 

Reise Info

Streckenlänge:  300 Kilometer
Dauer der Tour: Ausgedehnte Tagestour
Allgemeines: In der äußersten Ecke des nordwestlichen Brandenburgs schlummert die Prignitz. Eine weite, stille Landschaft, eingerahmt von der mecklenburgischen Grenze und den Wasserarmen von Elbe, Havel und Dosse. Die dünn besiedelte Region liegt abseits der Touristenströme, obwohl es hier viel zu entdecken gibt. Sattgrüne Wiesen sind das bevorzugte Jagdrevier unzähliger Störche, beschauliche Kleinstädte beherbergen historische Ortskerne. Das dichte Straßennetz ist gut in Schuss und führt frei von Stress häufig durch schattige Alleen und weite Agrarflächen.

Anreise: Die A 24 Hamburg – Berlin verläuft über weite Teile durch das Tourengebiet, von Norden führt die A 19 heran, von Süden die A 9.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont-Bildatlas Band 121 „Brandenburg“. Über 120 Seiten reich bebilderte, geballte Infor­mationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten, 8,50 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Prignitz e.V., Großer Markt 4, 19348 Perleberg, 03876/30741920, www.dieprignitz.de
Museum: Museum Festung Dömitz, Auf der Festung 3, 19303 Dömitz, Mai bis Anfang Oktober täglich zehn bis 17 Uhr geöffnet, montags geschlossen, Eintritt 5,50 Euro, www.festung-doemitz-museum.de

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