Coole Bikes und Easy-Rider-Stil: The BossHoss spielen gern mit Klischees. NEWS wollte wissen, wie viel Motorradfahrer in den Großstadt-Cowboys steckt und besuchte die Combo im Berliner Hauptquartier.
von Sophie Leistner, Fotos Sophie Leistner

Als wir uns im Herbst 2018 zwischen Tonstudio und Gitarren-Arsenal treffen, wirken die Herren BossHoss abgekämpft. „Wir hatten gestern Master-Abgabe für die neue Platte“, sagt Frontmann Sascha Vollmer entschuldigend. Ihr achtes Album und der Dreh zu „The Voice Senior“, einem Ableger der Castingshow „The Voice of Germany“, haben das siebenköpfige Ensemble und besonders die beiden Bandleader Sascha und Alec auf Trab gehalten.
Im Winter verschnaufen sie, ehe es im März auf Tour geht. Aber das Siebengestirn kennt noch ganz andere Belastungen. „In den ersten Jahren haben wir im ganzen Land an jeder Steckdose gespielt. Das war eine super Zeit, das Nonstop-Touring hat uns geprägt“, erinnert sich Gitarrist und Sänger Sascha.
Wie auch seine Kumpel hat der heute 46-Jährige schon als Teenie Musik gemacht. 2004 siedelte der Werbegrafiker von Baden-Württemberg nach Berlin um. Auf der Arbeit lernte er Alec Völkel kennen, gebürtiger Ostberliner, ebenfalls Werbegrafiker und Musiker. Beim Feierabendbier merkten die beiden schnell, dass sie dieselben Flausen im Kopf haben.

„Alles fing an mit Aufnahmen auf meinem Dachboden. Wir haben einfach die Sorte Musik gespielt, die wir selbst geil fanden. Ohne Ambitionen.“ Inspiration für den Bandnamen lieferte der kratzig-kantige Song „The real Boss Hoss“, mit dem „The Sonics“ Mitte der Sechziger die US- Musikwelt aufmischten.

“Unser Stil ist nicht konstruiert, das sind wir“, sagt Sascha, als ich ihn auf das Image als Großstadt-Cowboy anspreche, das The BossHoss seit Jahren ausreizen. Alec, der für Texte, Gesang und die Gestaltung der Alben zuständig ist, legt nach: „Wir haben immer mit den Klischees gespielt. Dicke Karren, Country und Western bieten ohne Ende Ausdrucksmöglichkeiten. Da ist uns viel Schwachsinn eingefallen.“

Mehr als Klischee: Auch  privat haben die Musiker eine Schwäche für Motorräder und amerikanisches Kulturgut
Aus Bierlaune und Leidenschaft wurde etwas Großes. Der Stilmix aus Country, Rock und Elementen aus Blues, Pop und HipHop kam an, wenige Monate nach der Gründung folgte der Plattenvertrag. Den weiteren Weg pflastern Platzierungen an der Chart-Spitze, Gold- und Platinauszeichnungen, 2014 gab’s einen Echo. Mit ihrem neuen Album „Black Is Beautyful“ (www.thebosshoss.com) halten The BossHoss die Rock’n’ Roll-Flagge höher denn je. Jenseits von „Karren, Babes und Bikes“ schlagen die Sieben diesmal aber auch gesellschaftskritische Töne an.
Dass hinter der rauen Schale mit Feinripp und Cowboy-Hüten mehr steckt als „dicke Hose“, wurde vielen bewusst, als Sascha und Alec in den ersten drei Staffeln der Casting- Show „The Voice of Germany“ in der Jury saßen. Ab Dezember 2018 saßen die Berliner Gauchos wieder im roten Drehsessel, als Pro7 und Sat.1 „The Voice Senior“ für Stimmtalente über 60 ausstrahlten. Wie viel Zeit bleibt dabei für Privates? „Heute haben wir den Luxus, dass wir uns aussuchen können, in welchen Hallen wir auftreten. Das ist super für Familie und Hobbys“, sagt Alec, der wie Sascha zweifacher Vater ist. Vier der sieben Band-Amigos haben eine Schwäche für Motorräder.
Heute mal mit Bandkollege: Percusser Tobi „Ernesto Escobar de Tijuana“  bestreitet mit seiner GPZ 305 den Alltag
Für Sascha alias „Hoss Power“ und Percusser Tobias „Ernesto Escobar de Tijuana“ Fischer ist das Fahren Alltag und Leidenschaft. „Das Motorrad ist für mich ein Mittel für Zweck und gute Laune“, sagt der Sänger.

Die Motorrad-Karrieren begannen früh: Als Teenie machte er verrottete Mopeds flott, um sie wieder zu verkaufen. Auf seine 50er- Sammlung folgten eine Maico MB 250, eine BMW R 45 und Hondas CB 900 F Bol d‘Or. Heute fährt er lieber, als dass er schraubt. Am liebsten auf seiner Harley Crossbones oder der 69er Shovelhead.

Tobi begann mit 13 auf kleinen Crossern, Vespas und Yamaha FS1, heute bestreitet er seine Alltagswege mit einer alten GPZ 305, die er für eine Handvoll Dollar gekauft hat. Schlagzeuger Ansgar „Sir Frank Doe“ Freyberg war früher auf Stollen unterwegs. Vor Kurzem hat sich der 43-Jährige dreifache Familienvater eine alte AWO gekauft. „Ein cooles Lastendreirad, mit dem die DDR- Bauern aufs Feld gegurkt sind. Wenn es fertig ist, knatter ich mit den Kids hinten drin durch die Gartenkolonie.“

Alec alias „Boss Burns“ hat den Führerschein vor Jahren gemacht, um für die Musikvideos fit zu sein. „Beim Song „Do it“ hatte ich den ganzen Tag Muffensausen“, erinnert sich der 46-Jährige. „Wir hatten extrem gestrippte Bikes, meine Karre klang, als würden gleich die Zahnräder rauskommen und die Bremsen waren gleich null.“ Unvergessen auch der Dreh zu „Last Day“ in der Mojave- Wüste. „Wir sind den ganzen Tag in der Staubwolke eines Mustangs durch die Wüste geheizt. Nur kriminell“, erinnert sich Sascha. „Mein Sturz im Video war übrigens echt.“
Die Gringos kommen in Fahrt, als wir in ihren Memoiren kramen. Ansgar erinnert sich an eine Reise mit Kollege Tobi durch dessen Heimatland Madagaskar. Völlig planlos bolzten sie damals in der Regenzeit mit kleinen Bikes durch den Busch – bis ihnen im hüfttiefen Schlamm eine Karre verreckte. Ende der Story: Die Seilschaft mietete sich Einbaum-Boote mit Ausleger und Segel und schipperte den lädierten Fuhrpark entlang der Küste bis zur nächsten Stadt.

Von echtem Schrot und Korn: Die Musiker kennen verknaxte Rippen,
ölige Finger und Busch-Abenteuer

Sascha erinnert sich an den Tag, als ihm auf dem Weg zur Probe ein Auto beim Wenden vor den Bock zog. „Ich bin Colt- Seavers-mäßig übers Auto geflogen und auf der anderen Seite mit der Gitarre auf dem Rücken auf den Asphalt geklatscht – Rippenbruch.“ Tobi ist in Madagaskar von den schmalen Planken einer Fähre samt Motorrad ins Wasser gestürzt und musste mit ausgekugelter Schulter 80 Kilometer einhändig zum nächsten Buschdoktor fahren, wo man ihm mit einem Beißholz im Mund die Gräten wieder gerade rückte.
Greenhorn Alec fährt sich durch die Frisur: „Na Mahlzeit. Das sind ja Geschichten, die noch mehr Bock auf ein Bike machen!“ Dabei hätte er Lust auf einen richtig fetten Easy-Rider-Chopper. Und Ansgar ergänzt: „Wie so eine Kiste fährt, ist fast zweitrangig. Das ist wie beim Schlagzeug: Scheiß drauf, wie es klingt. Es muss nur geil aussehen!“
Tobi lauscht mit glasigen Augen. „Im Ernst: Die Leute wissen ja gar nicht, was sie verpassen. Ich liebe Motorradfahren. Abenteuer hin oder her: Das Fahren an sich ist das Geilste.“ Stille, dann zustimmendes Raunen. Alec prostet in die Runde: „Was für ein Schlusswort!“

Das Porträt ist in MOTORRAD NEWS-Ausgabe 12/2018 erschienen.

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