Panamericana Teil 21: Texas Lightning und Außerirdisches

Von Clides Corner führen zwei Routen nach Mexico. Über El Paso entlang des alten Camino Real erreicht man die Hauptstadt Mexico City. Der Motorradspaßin der Metropole mit ihren 20 Millionen Einwohnern ist allerdings überschaubar. Und der mexikanische Bundesstaat Chihuahua, den man dabei durchqueren muss, gehört wegen der dort besonders berüchtigten Drogenbanden nicht zu den besonders empfohlenen Reisegegenden.

Auf dem Weg nach Süden liegt Roswell. Ich wollte schon immer mal wissen, was die Außerirdischen in dieser Gegend gesucht haben könnten. Als frisch gebackener Realschüler bekam ich Anfang der Siebzigerjahre von einem bildungsbeflissenen Nachbarn mal zwei Pappkartons mit alten Readers Digest-Heften geschenkt. Lange vor Wikipedia standen darin Geschichten aus aller Welt, die zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr in der Tagesschau vorkamen. Politik, spektakuläre Kriminalfälle aus den USA, vergessene Kapitel der jüngeren Weltgeschichte, Kultur. Ereignisse, die mindestens zehn Jahre zurück lagen,

Fortan nervte ich die Erdkundelehrer beim Thema China mit Hinweisen auf den vergeblichen Guerillakampf der Tibetaner gegen die chinesischen Eroberer und ergänzte den Unterricht zum Bau der ersten Eisenbahn quer durch Australien um die Story von der alten Route von Karawanen mit aus Afghanistan importierten Kamelen, deswegen Old Afghan Trail genannt.

Eine dieser nicht mehr ganz aktuellen Geschichten spielte in Roswell. Angeblich ging dort im Frühsommer 1947 eine fliegende Untertasse nieder, in der das amerikanische Militär einige zierliche Gestalten fand. Pixelige Schwarzweißbilder sind seitdem die Grundlage ausufernder Verschwörungstheorien, verbunden mit der Unterstellung, die Fundstücke aus dem Weltall lägen noch irgendwo bei Uncle Sam im Tiefkühlfach. Die Geschichte wurde Grundlage für Filme, Bücher und Fernsehserien.

Später im Geographiestudium suchte ich einmal während einer Vorlesung nach Anhaltspunkten, was genau die Männchen aus den Tiefen des Weltalls nach Roswell ins kakteenübersäte Nirgendwo zwischen New Mexico und Texas geführt haben könnte. Ohne Erfolg. Warum also nicht selbst mal nachsehen, wenn man schon mal in der Gegend ist.

Eine Ansammlung von Autoservice- und Fastfoodläden entlang der Hauptstraße, ein aufgegebener Militärstützpunkt, zur Freude der Tourismusbranche ein Museum mit Belegen für die Landung der Außerirdischen im Ort.

Beruhigt fahre ich weiter Richtung Fort Stockton. Wolken ziehen auf, Blitze leuchten. Ein paar Farmen liegen abseits der Straße. Auf den 80 Kilometern zwischen Pecos und Fort Stockton bietet nur eine einzige Brücke Schutz bei Gewitter. Kurz und heftig donnert und regnet es, dann türmen sich die Wolken abseits der Route.

Etwas entspannter fahre ich durch die trostlose Gegend weiter. Immer mehr Ölpumpen und Kompressoranlagen stehen in der Halbwüste. Fracking sorgt auch hier im Westen von Texas für einen neuen Boom. Die Trucks der Ölfirmen donnern mit 130 Stundenkilometern über die zweispurige Landstraße. Überall liegen die Reste geplatzter LKW-Reifen, gefährliche Drahtgeflechte, wie ich bald merken werde. Und bis Panama dauert es noch, bevor ich zum ersten Mal auf dem Motorrad tatsächlich etwas von einem Blitzschlag abbekomme.

von Hans-Jürgen Weigt

Die Reiseroute I: bis zur Winterpause

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