Ostsee im Blick: Mecklenburg-Vorpommern

Ein ewiger Zankapfel für Dänen, Schweden und Preußen: Die Ostseeküste zwischen Trave- und Odermündung war in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Ziel unliebsamer Invasoren.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Nicht grundlos zeigt die Kompassnadel nach Norden, denn zwischen Bodden, Haff und Hügelland warten im wenig bekannten Vorpommern zahlreiche Schätze auf ihre Entdecker. Den Anfang macht die Burg Klempenow bei Breest, die einst einen strategisch wichtigen Übergang über die Tollense bewachte. Nur der schlanke Bergfried überdauerte bis heute, an den ringförmigen Wassergraben erinnert nichts mehr. Bereits im zwölften Jahrhundert dehnten christliche Fürsten ihren Besitz unter Waffengewalt aus und vertrieben die heidnischen Slawen im Osten, die der Region ihren Namen schenkten: Der Begriff „Pommern“ stammt vom slawischen po more – „am Meer“ ab. Kaum auf der wie mit einem Lineal gezogenen B 199 unterwegs, folgen wir schon bald dem Hinweis zur Festung Spantekow. Ausgelutschter Asphalt ge­leitet uns bis vor das Tor der wohl ältesten Burg Norddeutschlands, deren mächtige Mauern ein intakter Wassergraben umschließt. Das Gegenteil von intakt lernen wir auf unserem Abstecher zur nahen Müggenburg kennen, als uns das kariöse Kopfsteinpflaster eines ungepflegten Fahrwegs peinigt. Durch­geschüttelt am hübschen Schloss angekommen, lassen uns das Schild „Privat“ und Hundegeknurre schnell den Rückzug antreten. Wieder tadellosen Teer unter den Rädern, erreichen wir Anklam, jene Stadt, in der Otto Lilienthal 1848 das Licht der Welt erblickte. Seit frühester Jugend vom Traum getrieben, fliegen zu können, forschte und tüftelte er, bis ihm im besten Mannesalter erste Flüge über 25 Meter Länge glückten. Im sehenswerten Lilien­thal-Museum sind die Gleiter des Luftfahrtpioniers in Originalgröße zu bestaunen. Die aus der Mecklenbur­gischen Schweiz heranführende und parallel zur Küstenlinie verlaufende Peene quert Anklam, bevor sie in der nahen Ostsee mündet. Das Fließgewässer und eine wehrhafte Ringmauer sollten den Ort über Jahrhunderte vor den Angriffen der Schweden, Dänen und Preußen schützen. Von der mächtigen Umfassung blieb nur das aus roten Ziegeln erbaute Steintor, Wahr­zeichen der einstigen Hansestadt. Das nächste von uns besuchte historische Gebäude wurde nie umkämpft, sondern dem natürlichen Verfall preisgegeben. Während das Wasserschloss Quilow einen traurigen Anblick bietet, sorgen die gepflegten Autos des benachbarten Trabbi-Buggy-Clubs für ein breites Grinsen. Frei nach dem Motto „Weg von der Plaste, hin zu den Plastiken“, streben wir im hohen Gang auf der wenig spannenden B 111 in Richtung Wolgast, biegen aber kurz vorher zum Skulpturenpark Katzow ab. Das 20 Hektar umfassende Areal gilt als größte Ausstellungsfläche Europas und beherbergt mehr als 100 Exponate aus Holz, Metall und Stein.

Hoch hinaus: Im Großskulpturenpark Katzow sind mehr als 100 Exponate aus Holz, Metall und Stein zu bestaunen

Romantische Ruine: Caspar David Friedrich verewigte die Reste des Klosters Eldena

Flugpionier: Otto Lilienthal wurde 1848 in Anklam geboren, seine Gleiter sind in Originalgröße zu bestaunen

Steinbrüche suchte man in Vorpommern vergebens, Findlinge waren nicht schick genug: Aus dem reichlich vorhandenen Lehm formte man im Mittelalter Ziegel und brannte sie zu Backsteinen – Baumaterial für zahlreiche Gebäude. Nicht umsonst führt die Route der Europäischen Backsteingotik durch die Region. In dem markanten Ziegelrot leuchten auch die Reste des Zisterzienserklosters Eldena, das im zwölften Jahrhundert von dänischen Mönchen gegründet, im Dreißigjährigen Krieg zerstört und später von Caspar David Friedrich roman­tisch auf Leinwand verewigt wurde. Zum Klos­ter gehörte auch die Eldenaer Mühle, eine der ältesten Bockwindmühlen im Ostseeraum. An ihr vorbei gelangen wir an das Flüss­chen Ryck, das schon bald in den Greifswalder Bodden mündet. Der ins Land ragende Ostseearm bietet von alters her einen idealen Hafenplatz, eine gebaute Klappbrücke nach hollän­dischem Vorbild verbindet beide Ortsteile. Noch mehr bekommen wir in der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald vor die Linse: Der historische Ortskern rund um den Markt­platz bietet eine große Auswahl verschiedenster Giebelhäuser, die nicht nur Naturgewalten und Bombennächten trotzten, sondern auch den angedachten Plattenbauvorhaben der ehemaligen DDR-Regierung. Unser basisdemokratisch gefasster Plan sieht vor, die Reifenflanken auf dem abwechslungs­reichen Weg vom Ostseestrand ins Dreistromland zur verstärkten Mitarbeit aufzufordern. In Demmin münden Trebel und Tollense in die Peene, die von hier aus eine schiffbare Verbindung über das Stettiner Haff in die Ostsee darstellt. Kein Wunder, dass die geschäftstüchtigen Kaufleute der Stadt im 13. Jahrhundert auf eine erfolgversprechende Mitgliedschaft in der Hanse pochten. Unter dem weiten Himmel Vorpommerns breitet sich ein bunter Feldwaldundwiesenmix vor unseren Rädern aus, ursprüngliche Dorfstraßen geleiten uns zurück nach Altentreptow. Da sage mal jemand, der Norden kann nur Schietwetter!

Hoteltipp

Hotel am Markt

Das gastliche Haus bietet sich für viele ausgedehnte Touren zwischen der Uckermark und der Ostseeinsel Usedom an. Ruhige, komfortabel ausgestattete Zimmer, ein einladendes Restaurant und ein zünftiger Tresen bilden eine gute Grundlage für unbeschwerte Fahrtage. Überdachte Stellplätze und WLAN. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 78 Euro.

Am Markt 1
17087 Altentreptow
Fon 03961/25820
www.ferienhotel-vorpommern.de

Reise Info

Streckenlänge: 200 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Zwischen den weißen Sandstränden der Ostseeinseln Rügen und Usedom im Norden und der mecklenburgischen Seenplatte im Süden erstreckt sich das dünn besiedelte Vorpommern. Die Wasserläufe von Tollense, Peene und Trebel durch­ziehen kleinere Mischwälder sowie ausgedehnte Moore, Wiesen und Heideflächen. Zahlreiche Alleen und charaktervolle Landstraßen verbinden verträumte Dörfer und einstige Hansestädte. Deren mittelalterliche Befestigungen, von denen viele Reste überdauerten, konnten weder die Eroberung durch dänische oder schwedische Truppen verhindern noch den Einzug der Pest. Die Tour ist auch für Anfänger geeignet, die Qualität der Fahrbahnen stark unterschiedlich.

Anreise: Während sich die Ostseeautobahn A 20 von Norden nähert, führt von Berlin aus die A 11 heran. Von Hamburg kommend, tangiert die A 24 das Tourengebiet im Süden bei Röbel an der Müritz.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 38 „Mecklenburg-Vor­pommern“, 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten. Preis 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Vorpommern e.V., Fischstraße 11, 17489 Greifswald, www.vorpommern.de
Museum: Otto-Lilienthal-Museum, Ellbogenstraße 1, 17389 Anklam, www.lilienthal-museum.de. Von Juni bis September täglich von zehn bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt 4,50 Euro.

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