Nachgedunkelt: Yamaha MT-125 im Fahrbericht

Einmal neu, bitte: Motor, Rahmen, Fahrwerk, Design – Yamaha lässt bei der Neuauflage des Jugend-Streetfighters MT-125 keinen Stein auf dem anderen. NEWS trat zur Reifeprüfung an.

von Tilman Sanhüter Fotos Yamaha

Was spuckt der Google-Übersetzer aus, wenn man nach der japanischen Übersetzung von „Dunkelheit“ fragt? Die Suchmaschine spuckt zuerst „Yami“ aus. Bingo, liebe Yamaha- Marketingleute. Denn so oder so ähnlich dürften etliche MT-125-Fahrer ihren Achtelliter-Streetfighter des Öfteren betiteln. Seit 2014 markiert die kleine Yamaha den Einstieg in die Welt der „Dark Side of Japan“ – also der sportlichen Naked-Modelle – und ist enorm beliebt.

Die Hyper Nakeds stellen bei Yamaha stolze 42 Prozent der abgesetzten Motorräder, fast jede sechste davon ist eine MT-125. Damit liegt die Latte für das neue Modell ziemlich hoch. Doch man kann die schönsten Ideenwelten mit dunklen Samurai, Blutmonden und anderem Japan-Kitsch inszenieren und in hollywoodreife Werbespots gießen: Wenn die Technik nichts taugt, kommt kein Hit raus.

Markantestes Element der neuen Designsprache ist die Frontmaske. Sie ist der wilden MT-09 nachempfunden und blickt stechend aus scharf gezeichneten LED-Äuglein in die Nacht. Sieht grimmig aus und dient als Positionsleuchte. Der eigentliche Scheinwerfer sitzt knapp darunter und leuchtet wie das Rücklicht mit LED-Technik. In den Blinkern sitzen herkömmliche Leuchtmittel.

Vorwärts, ihr Massen: Yamaha konzentriert die Kilos vorn

Die Achtelliter wirkt im Stand bullig, die Pseudo-Lufteinlässe seitlich machen zusammen mit dem kürzer gestalteten Tankcover dicke Backen. Drunter steckt nach wie vor die Zehn-Liter-Blase. Nach hinten wird’s luftig: Der Hilfsrahmen fällt etwas kürzer aus und trägt eine durchgehende Sitzbank sowie knackige Kunststoffflügelchen, die ans reizende Achterdeck der YZF-R1 erinnern. „Mass forward“ nennt sich das Designkonzept. Wenn man die Lupe auspackt, fallen auch die hochwertige Ausstattung sowie das tadellose Finish auf.

Fußrastenanlage und Lenker sind aus Edelstahl gefertigt, an der Seitenverkleidung prangt eine feine Intarsie mit MT-Logo und das LC-Display gibt alle nötigen Infos aus. Die Spaltmaße passen so präzise, als würde Yamaha die Maschinen im Werk von Samurai zusammenstecken lassen. Nichts knarrt, klappert oder wirkt drangefrickelt. Überlackierte Aufkleber wären nett, aber wir wollen nicht gierig sein. Als hübsche Kleinigkeit sind die Kupplungs- und Bremshebel serienmäßig schwarz. Zwar nicht neu. aber schön: die filigranen Zehnspeichenfelgen. In bewährter Weise basiert die Technik der MT auf der vollverkleideten YZF-R 125. Im Deltabox-Rahmen sitzt der 15-PS-Single mit variabler Ventilsteuerung. Das Ziel des schizophrenen Zylinderkopfs besteht darin, in der Mitte mehr Drehmoment zu generieren, ohne die Spitzenleistung bei höheren Drehzahlen zu beeinträchtigen.

Auf der Einlass-Nockenwelle sitzen dazu zwei Nocken, einer mit schärferer Kontur und ein etwas zahmerer. Jeder Nocken bearbeitet seinen eigenen Kipphebel, allerdings ist bei niedrigen und mittleren Drehzahlen nur der Hebel dem zahmen Nocken mit den Ventilen verbunden. Bei 7400 Touren rückt ein Stift in beide Kipphebel ein und verbindet sie. Von nun an führt der scharfe Nocken. Was merkt man in der Praxis von diesem Wachwechsel? Dreht man den Motor im Stand hoch, hört man nur ein leises Klicken, wenn der Ventiltrieb umschaltet. In Fahrt bekommt man davon nichts mit – außer einem kleinen VVA (Variable Valve Actuation)-Symbol im Display.

Der Übergang ist absolut sanft und nicht zu spüren. Trotzdem ist die Übung nicht umsonst, denn der Motor ist eine echte Zierde seiner Art und ein wirklich kräftiges Kerlchen. Ab 4500 Touren kann man jederzeit auf ihn zählen. Neben dem Ventiltrieb tragen viel Feinarbeit und eine durch neue Beschichtung von Kurbelwelle, Pleuel und Kolben reduzierte innere Reibung ihr Scherflein bei. Für den Kraftschluss zwischen Motor und Sechsganggetriebe zeichnet eine Ölbadkupplung mit Anti-Hopping-Funktion verantwortlich. Sie löst die Kupplung bei plötzlich einsetzendem, starkem Motorbremsmoment, damit das Hinterrad bei harschem Runterschalten nicht blockieren kann. Nicht nur für Anfänger ein Sicherheitsgewinn.

Alleinstellungsmerkmal: Einen variablen Ventiltrieb hat kein anderer 125er-Motor

Radikal radial: Der Festsattel sieht professionell aus und funktioniert famos

Die neue Geometrie verändert die Sitzposition

Die 41er USD-Gabel stammt wie das Federbein aus dem Hause Kayaba. Durch die neue Geometrie mit kürzerem Tank wandern Fahrer und Schwerpunkt nach vorne. Daher konnten die Ingenieure das Federbein mit einer etwas weicheren Feder bestücken, was dem Fahrkomfort zugute kommt. Auf der Landstraße zieht die MT stabil ihre Spur. Insgesamt liegt das Motorrad straff, aber nicht zu hart. Fein, denn Einstellmöglichkeiten gibt es keine.

Die vorderradorientiere Sitzposition macht zusammen mit dem breiten Lenker und den sportlich positionierten Fußrasten aus der MT einen formidablen Kurvenräuber. Wie von alleine wandern die Ellbogen nach außen und der Kopf runter, wenn die Straße mit knapperen Kurvenradien kokettiert. Dazu passt der Radialsattel vorne: Die Bremse packt glasklar und auf Wunsch saftig zu. Wegen des kurzen Hecks wanderten die Soziusrasten etwas nach unten, um einen angenehmeren Kniewinkel für den Hinter­sassen zu schaffen.

Parkt der Fahrer die Fußballen auf den Rasten, stoßen seine Fersen allerdings an den hinteren Haltern an. Am Chassis gibt es also wenig zu kritteln. An der Ausstattung auch nicht. Aber wer mehr möchte, findet eine Menge Optionen. In der MyGarage-App kann man seine Traum- MT vir­tuell zusammenstellen. Da finden sich zum Beispiel ein Sportpaket mit Fly Screen, Kennzeichenhalter, Motorprotektoren, Tank- Pad und LED-Blinkern für knapp 500 Euro oder ein Akrapovic-Enschalldämpfer. Und wenn man schon am Handy ist, kann man sich direkt die My Ride-App ansehen, mit der man die Fahrten samt Telemetrie-Daten aufzeichnen und teilen kann.

Außerdem paart sich Yamaha mit den Spiele-Spezis von Milestone. Im neuen Video­spiel „Ride4“ sind diverse Yamahas vertreten. Virtuell und auch ganz altmodisch auf der Straße sieht die Zukunft der kleinen Yami also alles andere als düster aus.

Das ist neu:

  • Motor mit variabler Ventilsteuerung
  • Rahmen und Fahrwerk der YZF-R 125
  • Vierkolbenbremszange vorne
  • aggressivere Sitzposition
  • durchgehende Sitzbank
  • neue Verkleidungsteile
  • frisches LC-Display
  • längerer Auspuff

Technik:

Bauart: Einzylinder-Viertakt, flüssigkeitsgekühlt, OHC, vier Ventile
Hubraum: 125 cm³
Leistung: 11 kW (15 PS) bei 10 000 min-1
Drehmoment: 11,5 Nm bei 8000 min-1
Bremse v/h: 292-mm-Scheibe mit Vierkolben-Festsattel / 220-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Reifen v/h: 100/80-17 / 140/70-17
Federweg v/h: 130 mm / 114 mm
Sitzhöhe: 810 mm
Tankinhalt: 10 l
Leergewicht: 140 kg
Preis zzgl. Nk.: 4799 Euro (Herstellerangaben)

Fazit:

Sportlichere Sitzposition, aggressiveres Styling, technisch auf dem neusten Stand: Erstaunlich, was Yamaha da in der Achtelliter-Klasse auffährt. Der Auftritt ist erwachsen und die Verarbeitung stünde manchem Big Bike gut zu Gesicht. Aber all das hat seinen Preis: Inklusive Nebenkosten muss man gut fünf große Scheine locker machen können. Die Playstation mit Ride4 dazu exklusive.

Tilman
NEWS-Düsterling

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