Ein gutes Jahr begleitete uns die smarte MT-07 durch Urlaub und Alltag. Es ist wie so oft: Was für ein Glück es war, merken wir erst, als es vorbei ist.

von Frank Roedel Fotos Archiv

Zugegeben, sie war nicht meine erste Wahl. Aber die richtige: Als mein ursprünglicher Sparringspart­ner für den großen Familien-Toskana-Trip 2018 kurzfristig ausfiel, war sie das einzige Motorrad im Kolchosen-Fuhrpark, das noch infrage kam. Mit einer Satteltasche und einem Tankrucksack notdürftig aufgerüstet, stand die MT-07 schon tags drauf auf dem Autoreisezug von Düsseldorf nach Verona. Dabei hatte unsere Beziehung schwierig begonnen. Die erste MT-07 war vom Fahr­werk gewöhnungsbedürftig, eine seltsame Mischung aus unterdämpft und zu hart. Jetzt aber, in der aktuellen Version, ist sie verdammt nahe an der Perfektion. Auch wenn sich die ersten Fahrtenbucheinträge des frisch angelandeten Dauertesters anders lesen – verwöhn­tes Pack. Am 25. Mai steht sie bei uns vor der Tür, mit schma­len 500 Kilometer auf der Uhr. Und das ist typisch: Irgendwie fährt sie jeder, aber niemand trägt was ein. Dummerweise stammt die erste Notiz von efö, bezeichnenderweise am 28. Juni, also erst über einen Monat nach der Jungfernfahrt, bei Kilometer 2171 „Ein überraschend kul­tivierter Twin, angenehmes Handling, sehr ausgewogen. Cockpitschriften für mich viel zu klein und die Sprituhr ist unrealistisch“. Klar, als Verfechter der technischen Steinzeit vermisst Erik einen realistischen Benzinhahn. Für seine Verhältnisse euphorisch fällt da­gegen das Lob des wie immer wortkargen, aber präzisen André aus: „Kann beides: Brot & Butter-Bike und echter Spaßmacher“. Unser Moritz wagt dagegen schon einen Blick in die Zukunft: „Ein überaus erstaunli­cher Motor, tolle Bremsen, völlig unaufgeregt arbeitendes Fahrwerk… Bei so vielen positiven Vibes hab’ ich nach meiner kurzen Ausfahrt schon von der neuen Ténéré geträumt. Yamaha, bitte vergeigt es nicht.“

Das Gegenteil einer feuerspeienden Diva

Unser emsiger Tilman räumt erstmal hinter seinen Kolchosenfreunden auf – und übt sich in Motorrad-Dialektik: „Habe heute die Yamaha übernommen und die Kette gefettet. Jetzt baue ich auf den MT-07- Effekt: Je länger ich sie nicht fahre, desto weniger mag ich sie. Sobald ich aber ein paar Minuten drauf saß wird mir völlig klar, weshalb sie so erfolgreich ist. Kann viel, verlangt wenig, eine zum Pferde stehlen.“ Was den Kern der Sache wiedergibt: Der brillante Crossplane-Reihentwin ist ein guter Kumpel, der sich nicht aufdrängt. Aber immer da ist, wenn man ihn braucht. Mit 76 PS aus 689 Kubik steht sie auch auf dem Prüfstand mit einem PS im Plus, mit gewogenen 184 Kilo ist ihr Handling leicht­füßig, die Bremsen sind gut – die MT-07 ist das Gegenteil einer feuerspeienden Diva, die beim ersten Blick das Herz in Flammen setzt, aber dann die Keule aus dem Dolce & Gabbana-Täschchen zieht. Doch irgend­wie macht das Maximum- Torque-Paket aus Leistung, Gewicht und Fahrvergnügen jeden an. Und das ist eine grundsolide Basis für eine lang andauernde Beziehung. So erklärt sich auch mein Fazit nach der Toskana-Tour: „2913 Kilometer bin ich mit der Kleinen durch Italien und zurück gefahren, habe sie als Muli Transporti missbraucht – und war trotzdem begeistert. Zwar kommt mit mir und Familiengepäck das Fahrwerk an seine Grenzen. Aber für den Preis kann man kaum mehr erwarten. Unterm Strich würde ich die Tour jederzeit wieder mit der MT-07 fahren, vom Ballast befreit ist das Ding auf den kleinen Italo-Straßen perfekt. Allerdings würde ich ein Gepäcksystem montieren. Denn zwei feste Gepäckhaken fehlen definitiv, die Bändsel unter dem Beifahrersitz taugen nix. Das macht das Aufzurren nervig.“ Es geht also, die große Tour, trotz Familiengepäck und einem genussfähigen Kraftsportler in der 90-Kilo-Klasse am Lenker. Aber das Kunststückchen der MT-07 ist ja der Multiple-Choice-Ansatz: Das Ding ist ja gar nicht für die weite Sommerreise gedacht. Dennoch geht das mit einem lockeren Schulterzucken. Mitte Oktober gibt sich auch Till die Ehre, ein paar warme Worte im Fahrtenbuch zu hinterlassen. „Ein paar Tage im Pendelverkehr zwischen Dortmund, Düsseldorf und Köln haben mir gezeigt, wie cool das Moped wirklich ist. Durchwuseln ist so einfach und der schmale Lenker, über den ich mich anfangs geärgert habe, ist im Stau ein Segen. Alles perfekt dosierbar und abgesehen von der untenrum etwas harschen Gasannahme ist das Motorrad sehr sauber abgestimmt. Aber: Wenn ich ganz feste am Kabel ziehe, ist das Fahrwerk immer noch zu matschig. Vor allem am Heck dürfte es etwas straffer sein, so verschenkt das Motorrad doch sportliches Potenzial. Denn Motor und Bremsen sind ein Gedicht, das Ding wheelt auch noch im dritten Gang.“ Da hat unser vollgasfester Kumpel aber vielleicht auch etwas in den falschen Hals gekriegt: Was auf dem Rundkurs funktioniert, muss auf der Hausstrecke noch lange keine Laune machen. Wenn man ausnahms­weise nicht auf den Straßen des Paradieses cruist, nervt mich im Alltag kaum etwas mehr als ein zu trocken abgestimmtes Fahrwerk. Da ist man schon froh, dass die kurzen Stöße zumindest weitgehend in den Federn versacken. Der Winter kommt. Und schon schlägt die Stunde von efö, der den Schock mit der ungenauen Tankanzeige verdaut hat. Unser Erik, der mit rotem Kopf wie ein Rohrspatz meckert, wenn es über 18 Grad wird, ist erst glücklich auf dem Motorrad, wenn ihm alle anderen einen Vogel zeigen. Folgerichtig heißt der nächste Eintrag Anfang November: „Erik wollte sich um die INSPEKTION kümmern.“ Dafür schneien jetzt die Kommentare unseres Winterbarts öfters rein. „Lenkt irgendwie indifferent ein, ich checke mal den Luftdruck.“ Zwischendurch passiert wieder viele Tage gar nichts – ein klares Zeichen, wie sorgen­los die Emty ihr Pensum abspult. Aber wir haben natürlich noch weitere Kandidaten. Moritz notiert am 30. November: „Hurra, ich durfte MT-07 fahren! Sonst immer irgendwo anders, habe ich mich Donnerstag­abend freudig auf meinen liebsten Reihentwin geschwungen. Auf der Autobahn wurden dann fix aus zwei Tankuhr-Balken nur noch einer – irgendeine Nase hat mir den Schlüssel gegeben, ohne was zu sagen… Beim morgendlichen Nachfüllen kam dann der Fabelwert von 2,8 l auf 100 Kilo­metern raus. Ich glaube, da hat jemand den Kilometerzähler mal vergessen zu nullen.“ Zwischen vier und fünf Liter genehmigte sich die MT-07 im Schnitt, dabei war aber auch Vollgas auf der Autobahn.

2913 Kilometer durch dick und dünn. Die MT-07 macht sich auch prima als Multi Transporti

Mit dem richtigen Reifen ein Ganzjahresmotorrad

„War sonst noch was?“, grübelt Moritz weiter. „Ach ja: „Ich find die Gasannahme beim Losfahren sehr harsch, den Reifen beim Anwinkeln (wir hatten heute morgen wieder zweistellige Temperaturen) erstaunlich schmierig. Im Anschluss mit André noch fix die Kette geschmiert, Öl ist schwarz, aber bis knapp über Max gefüllt (Kaltzustand).“ Ansonsten blüht, für uns eigentlich sehr unüblich, im Winter der Wartungsnotstand. Aber wir kümmern uns natürlich: Ein neuer Reifen muss drauf. Und zwar einer, der nicht nur Schönwetter kann, sondern auch einen Ausflug zum Elefantentreffen verträgt. Tilman vermerkt dazu am 4. Dezember 2018 in gewohnter Gründlichkeit: „12 427 Kilometer. Die alten Reifen Bridgestone BT 023 F/M haben ausgedient. Restprofil vorne: 2,9 Millimeter, hinten: 4,1 Millimeter. Für den Winter hat der liebe Efö Avon Trailrider bestellt. Profil im Neuzustand vorne sechs Millimeter, hinten: neun Millimeter. Und ein „til“ vermerkt ein paar Tage später: „Abgesehen davon, dass die Inspektion seit 2000 Kilometern überfällig ist: Der Avon fährt wirklich gut. Etwas kippelig, aber gripmäßig gefällt er mir richtig. Ich hatte gottlob die Gelegenheit, den Reifen noch im Trockenen bei zehn Grad ordentlich anzufahren, bevor das Scheißwetter anfing. Auf dem Ding ist nämlich wirklich viel Trennmittel drauf, die ersten Kilometer waren kriminell. Wer ruft bei Yamaha an? Efoe hatte es vor zwei Monaten versprochen“. Die weiteren Scharmützel in Sachen Ins­pektion erspare ich mir. Es ist schließlich eine Yamaha, und die rollen in der Regel ein paar Mal um die Welt. Deshalb verraten die restlichen Notizen mehr über die Fahrer als über dieses herzensgute Motorrad: „Springt auch nach Frostnächten im Freien sofort an“, notiert efö bei Kilometer 13 365 Anfang Februar. „Sollte mal jemand waschen“ und „funktioniert blendend“, sind die weitere Einträge, bevor unsere gemein­same Zeit schon wieder endet. Ein knappes Jahr ist rum, bei Kilometer 14 857 enden die Einträge. Sicher ist efö noch ein bisschen durch den Winter gerockt, auch wenn es ihm für das Elefantentreffen in diesem Jahr zu warm war. Irgendwann im März ruft dann Yamaha an, dass sie die MT-07 dringend brauchen. Und wir sehen auf den letzten Fotos einen schwitzenden Erik, wie er die Reste des Winters wegpoliert. Nun ist sie weg. War das was? Ja. Eine stille, aber gute Zeit. Einige große und ganz viele kleine Momente, die nur eins unterstreichen: Die MT-07 ist eine großartige Kameradin. Sie kann mit dir laufen gehen, dich in die Welt begleiten, ist ein Pferdedieb. Sie ist Mutter Courage. Und das große Glück mit ihr liegt nicht nur in den kleinen Dingen, sondern auch im großen Ganzen. Im Urlaub hatten wir es nicht immer leicht. Zwei Fahrer einer Boxer-GS schauten uns in der Schweiz mitleidig an, als ich die Kette schmierte und mühsam das Gepäck verzurrte. Ja, zwei vernünftige Gepäckhaken statt der beiden Bändsel unter der Sitzbank würden das Leben erleichtern. Aber sonst? Zu zweit ist wenig drin. Aber meine Kumpel Jörg und Volker haben es damals sogar auf einer XS 400 im Schneegestöber über die Alpen geschafft. Also, Mutter Courage: Du musst nur beherzter von deinen Qualitäten erzählen. Dann gehört dir die Welt.

Minimalist: Neben der Federbasis lässt sich auch die Zugstufe anpassen

Zugeschraubt: Auch auf Langstrecken knausert die Yamaha mit Rohstoffen

 

Wirkungsvoll: Das schlichte Brett macht einfach, was es soll

 

Fazit

Brillant, weil unspektakulär: Nur selten standen nach einem Dauertest weniger Ein träge im Fahrtenbuch als bei der MT-07. Sie macht einfach das, was sie soll. Und das mit einer Geschmei­digkeit und Perfektion, die man für diesen Preis von einem der renommiertesten Hersteller nicht erwartet. Ein echtes Allwettermotorrad zum Pferdestehlen.

Mag Alltagshelden: Frank

Technik

Bauart:                                 Zweizylinder Viertakt Reihe, flüssigkeitsgekühlt, Sechsganggetriebe, E-Starter, Kette
Hubraum:                           689 cm³
Bohrung x Hub:               80,0 x 68,6 mm
Ventile pro Zylinder:    4
Leistung:                             55 kW (75 PS) bei 9000 min-1
max. Drehmoment:       68 Nm bei 6500 min-1
Umweltstandard:            Euro 4
Rahmen:                              Zentralrohrrahmen aus Stahl
Nachlauf:                             90 mm
Lenkkopfwinkel:              24,8°
Radstand:                            1400 mm
Federung vorn:                 Telegabel, 130 mm Federweg
Federung hinten:             Stahl-Profilschwinge, Zentralfederbein, 130 mm Federweg
Reifen v./h.:                       120/70 ZR 17 / 180/55 ZR 17
Bremse vorn:                     282-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln
Bremse hinten:                 245-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Tankinhalt:                         14 l
Werkstattintervalle:       10 000 km
Preis zzgl. Nk.:                   6795 Euro

Motorrad News-Messwerte

Gewicht fahrfertig vollgetankt:     184 kg
Gewicht fahrfertig o. Kraftstoff:   173 kg
max. Zuladung:                                     171 kg
Verbrauch:                                              4,6 l /100 km
Reichweite:                                             304 km
Wendekreis:                                          4,66 m
vmax / Tacho:                                        198 / 215 km/h
Beschleunigung:
0 – 100 km/h:                                           4,3 sek
0 – 140 km/h:                                           8,1 sek
400 m bei stehendem Start:                 13,0 sek
Durchzug im 6. Gang:
60 – 100 km/h:                                        4,0 sek
100 – 140 km/h:                                      6,0 sek
Drehzahl im letzten Gang
bei 130 km/h:                                           5650 min-1
ABS-Bremsung
aus 100 km/h (trocken):                        42,3 m

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