Auf einem kontrastreichen Motorradtrip durch das ehemalige Braunkohlerevier Niederlausitz lässt der lange Frank nichts anbrennen und trifft sich mit fünf Damen zwischen schwarzem Gold und schneeweißen Schlössern.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Gut gelaunt schwinge ich mich frühmorgens in den Sattel meiner GS und kehre Torgau samt dem Elbstrom den Rücken zu. Ich habe ein Date mit Louise! Das Navi kennt die Adresse der Dame und auf dem Weg in die westliche Niederlausitz lotst es mich durch das stille Elbe-Elster-Land, das geprägt ist von verschlafenen Dörfern und unzähligen Wasserarmen.

Um den nur mäßigen Heizwert der Lausitzer Braunkohle zu steigern, kam man Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee, das fossile Brennmaterial in ziegelsteingroße Blöcke zu pressen. In der Nähe von Tröbitz wurde mit dem Entfachen der Feuer unter den Kesseln der Dampfmaschinen die Brikettfabrik Louise ins Leben gerufen. Nach über 100 Jahren in Rente geschickt, dient die älteste Brikettfabrik Europas seit 1992 nur noch als technisches Denkmal.

In der Nachbarschaft begegne ich Schloss Doberlug, das mit blendend-weißer Fassade und ziegelrotem Dach aus einem trockenen Burggraben aufragt. Am Wassermangel kann es nicht liegen, fließt hier doch die Kleine Elster und weist mir den Weg in den einsamen Naturpark Niederlausitzer Landrücken.

Tiefe Wälder und weite Felder ziehen vorbei, bis sanfte Steigungen den Lausitzer Grenzwall ankündigen. Der bewaldete Höhenzug bildet eine natürliche Wasserscheide: Nördlich fallende Niederschläge folgen dem Lauf der Spree, während im Süden die Schwarze Elster nicht nur als Regenwassersammler gilt, sondern auch die Niederlausitz von der Oberlausitz trennt.

Begegnungsstätte: Im April 1945 reichten sich in an der Elbe in Torgau amerikanische und sowjetische Soldaten erstmals auf deutschem Boden die Hände

Mit Schmutz und Schweiß hatten die adligen Besitzer des aus dem 16. Jahrhundert stammenden schneeweißen Wasserschlosses in Fürstlich Drehna scheinbar nie etwas zu tun, wohl aber die meist unfreiwilligen Gäste zu DDR-Zeiten: Nicht in das sozialistische Menschenbild passende Mädchen und Jungen wurden als schwer erziehbar abgestempelt und in dem zum Jugendwerkhof umfunktionierten Gebäude untergebracht. Hier sollten sie bei harter körperlicher Arbeit zum linientreuen Bürger umerzogen und ähnlich der Briketts in Form gepresst werden. Nach der Wende hat man das Gebäude komplett restauriert, es erstrahlt heute wieder wunderbar im alten Glanz.

Nicht nur für Leichtmatrosen und Badewannenkapitäne: Auch Landratten gehen gerne am Leuchtturm Geierswalder See vor Anker

Zu neuem Glanz soll die Flutung früherer Braunkohletagebaue verhelfen: Zwanzig künstliche Gewässer, durch Kanäle verbunden, bilden jenseits der B 156 das aufstrebende Naherholungsgebiet Lausitzer Seenland. Heimatliche Gefühle stellen sich bei mir als Küstenbewohner ein, als sich am Geierswalder See ein Leuchtturm in den Weg stellt. Obwohl ohne Funktion und nur zu Werbezwecken errichtet, ziehe ich trotzdem gerne den Zünd­schlüssel und lasse die maritime Stimmung auf mich wirken.

Einen Pott Kaffee später scheuche ich meinen Flat-Twin zurück in den Lausitzer Grenzwall und stoppe im kleinen Örtchen Dörrwalde an einer schmucken Holländermühle, die ihre hölzernen Flügel dem ruppigen Wind entgegenstreckt. Das über 150 Jahre alte Bauwerk ist zugleich Wahrzeichen der Region, technisches Denkmal – und ein Gourmettempel. An der Rennstrecke Lausitzring entlang beschleunige ich zu meinem Date mit gleich drei Damen. Wie so oft nimmt eine der zahllosen brandenburgischen Alleen meine Maschine und mich auf und eskortiert uns zum flotten Dreier mit Anna, Henriette und Luise. Das sehenswerte Trio allerkleinster Ortschaften Annahütte, Henriette und Luisesiedlung bildet das Vorzimmer zum Giganten der Lausitz, der F 60.

Hier geht was: „Liegender Eifelturm“ am Besucherbergwerk

Mitten im stillgelegten Braunkohletagebau Lich­terfeld wartet die größte Abraumförderbrücke der Welt auf ihre Besucher, aufgrund ähnlicher Maße liebevoll der „Liegende Eiffelturm der Lausitz“ genannt. Kaum wurde das Schürfen nach dem schwarzen Gold eingestellt, begannen Flora und Fauna ihren erfolgreichen Eroberungsfeldzug. Wie schön die Niederlausitzer Heidelandschaft sein kann, erfahre ich im wahrsten Sinne des Wortes, als mich eine verträumte Chaussee an den Tschischerascher Bergen entlang bis in den Moorkurort Bad Liebenwerda entführt.

Hier, im äußersten Zipfel der Niederlausitz, treffe ich auf die Schwarze Elster, die einen ähnlichen Weg aus dem Seenland hinter sich hat. Nun brauche ich nur noch der B 183 bis nach Torgau zu folgen, zum letzten Rendezvous des heutigen Tages.

Katharina von Bora, die Witwe des Theologen Martin Luther, flüchtete im Spätmittelalter vor der in Wittenberg wütenden Pest nach Torgau, wo die Bemühungen des Reformators schon seit Jahren große Unterstützung fanden. Auf dem Weg dorthin verunglückte sie vor den Toren des Ortes und erlag nur wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Ihr Leichnam wurde im Dezember 1552 in der Stadtkirche St. Marien beigesetzt.

Seitdem ist viel Wasser die Elbe hinab geströmt. Doch oberhalb des Westufers erhebt sich immer noch das prächtige Renaissanceschloss Hartenfels, das 1970 als Kulisse für den Defa-Film „Dornröschen“ diente. Und das kleidet sich, aller Braunkohle zum Trotz, in strahlendem Weiß. Katharina von Bora, die Witwe des Theologen Martin Luther, flüchtete im Spätmittelalter vor der in Wittenberg wütenden Pest nach Torgau, wo die Bemühungen des Reformators schon seit Jahren große Unterstützung fanden. Auf dem Weg dorthin verunglückte sie vor den Toren des Ortes und erlag nur wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Ihr Leichnam wurde im Dezember 1552 in der Stadtkirche St. Marien beigesetzt.

Seitdem ist viel Wasser die Elbe hinab geströmt. Doch oberhalb des Westufers erhebt sich immer noch das prächtige Renaissanceschloss Hartenfels, das 1970 als Kulisse für den Defa-Film „Dornröschen“ diente. Und das kleidet sich, aller Braunkohle zum Trotz, in strahlendem Weiß.

Reise-Info:

Streckenlänge: 260 Kilometer

Dauer der Tour: Tagestour

Allgemeines: Zwischen Elbe und Neiße erstreckt sich die Niederlausitz, eine flache, waldreiche Landschaft, die ihren Ursprung dem Ende der Saaleeiszeit vor rund 180 000 Jahren verdankt. Der Abbau der dicht unter der Erdoberfläche verborgenen Braunkohlelager begann vor etwa 150 Jahren, der Einsatz von Großmaschinen, den sogenannten Förderbrücken, revolutionierte den Tagebau in den 1920er Jahren. Exzessive Ausbeutung vor und während des Zweiten Weltkriegs und zu Zeiten der

DDR schuf Mondlandschaften mit riesigen Gruben und mächtigen Halden, hinterließ verseuchte Gewässer und verschmutzte Luft. Die Braunkohlegewinnung wird bald Geschichte sein, denn ein gestiegenes Umweltschutzbewusstsein und neue Technologien sorgen dafür, dass zahlreiche Tage­baubetriebe stillgelegt und geflutet werden. Seltene Pflanzen und Tierarten kehren zurück, Nah­erholungsgebiete und Industriedenkmäler entstehen und mit ihnen die zur Wende versprochenen „blühenden Landschaften“.

Anreise: Während die A 13 zwischen Berlin und Dresden das Tourengebiet durchmisst, verläuft etwas entfernt im Westen die A 9 von Leipzig in Richtung Bundeshauptstadt.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober

Literatur: Dumont Bildatlanten 121 „Brandenburg“ und 80 „Sachsen“. Je 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten, je 8,50 Euro.

Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.

Informationen: Förderverein Lausitz e.V., Grenzstraße 33, 03238 Finsterwalde, 03531/7168096, www.lausitz.de

Museum: Abraumförderbrücke F 60, Geöffnet Mitte März bis Ende Oktober: täglich von zehn bis 18 Uhr, nur Eintritt 2,50 Euro, www.f60.de

Hotel-Tipp: Hotel-Pension zum Markt

Was will man mehr: Zentral in Torgaus schöner Altstadt und dennoch ruhig gelegen. Grundsolide eingerichtete Zimmer, freundliches Personal, üppiges Frühstücksbuffet, kostenloses W-Lan, zahlreiche Ausflugstipps und das Bike steht nachts sicher im Innenhof. Das Doppelzimmer kostet ab 78 Euro.

Kontakt: Kerstin Wegener, Bäckerstraße 12, 04860 Torgau, 03421/711379, www.hotel-torgau.de

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