Der Mensch soll im Leben auf einen Berg klettern, ein Buch lesen und mit dem Sohn auf der 125er zu einem Motorradurlaub nach Südfrankreich starten. So oder ähnlich haben wir das gemacht.

Flirrend. Höllisch. Drückend. Es gibt für Hitze tausend Wörter. Das Bordthermometer der FJR 1300 bringt die Umschreibung auf den Boden der Tatsachen: Es oszilliert irgendwo zwischen 36 und 41 Grad. Es ist diese blutige provençalische Sonne, die einem Vincent van Gogh ein Ohr und beinahe den Verstand kostete. Aber auch diese verrückte Schönheit hervorbringt, die Dörfer, Berge, Flüsse und Wälder.

Gestern noch bin ich mit meinem Sohn Jonathan im leichten Nieselregen auf den Mont Ventoux gefahren. Sein erster Pass, nach vier Wochen Führerschein, auf einer MT-125. Und er macht das gut, sehr gut sogar. Aber heute waren wir morgens etwas zu gemächlich und schwitzen uns beim Hotelwechsel von Vaison-la-Romaine nach Roussillon die Seele aus dem Leib.

Schon die Anreise war ein Wechselspiel aus den Wetterkapriolen des 21. Jahrhunderts. So änderten wir den Plan und verlegten die Fahrt fast komplett auf die Autobahn, um schneller mehr Meter zu machen. Und da hielt sich die Jonathans Achtelliter-Yamaha erstaunlich wacker. Zwischen 100 und 110 km/h schwankte die GPS-Anzeige. Nur bei Steigungen musste ich den Tempomaten der bis zur Neige vollgepackten FJR 1300 etwas runterregeln. Andrea auf ihrer ER-6n bildete die Nachhut und schirmte unseren Junior auf den 1100 Kilometern Anreise aus dem Ruhrgebiet gegen die Gefahren des Fernverkehrs ab.

Bevor die Hitze flirrt: Frühstart in Vaison-la-Romaine 

Trier mit dem römischen Stadttor Porta Nigra und Beaune mit dem bunten Dach des einstigen Krankenhauses Hôtel-Dieu waren die Zwischenziele auf den Weg ins Midi. Andrea und mir machte die Temperatur früh zu schaffen, die irgendwo knapp vor Lyon die Straße zum Flimmern und das Gras zum Welken brachte. Jonathan ist da zäher. Aber jetzt hat stecken wir mittendrin in der Hitzewelle, die ganz Südeuropa grillt, und vor der sogar die abgebrühten Einheimischen ins Klimatisierte flüchten.

Wir versuchen, früh aufzubrechen, was natürlich nicht klappt. Bei den ersten Crêpes in Fontaine-de-Vaucluse finden wir einen Platz direkt an der Sorgue, die von ihrer Quelle ein paar hundert Meter oberhalb fröhlich Richtung über die Felsen gluckert. Das gefällt Anfang August vielen Hundert anderen auch, die wie wir auf die Schulferien genagelt sind, und die jetzt in Scharen Richtung Quelle pilgern. Mit den drei Motorrädern sind wir zum Glück nicht auf die rappelvollen Parkplätze angewiesen, sondern können direkt am Rathaus im Schatten die Ständer ausklappen. Südfrankreich ist halt Motorradland.

Wir machen uns auf den Weg zurück Richtung Gordes, halten an den Mauern des Chateau des Gordes kurz für einen frischgepressten Saft und fahren dann zügig weiter. Schließlich sind wir zum Motorradfahren hier und nicht, um uns durch volle Gassen zu quetschen. Und die Straßen müssen einfach göttlichen Ursprungs sein.

Nicht nur an der Abbaye de Sénanque. Das Bild des Klosters aus dem zwölften Jahrhundert inmitten der blühenden Lavendelfelder ist eine Ikone der Provence. Uns verstellen Autoschlangen die Zufahrt, und der Lavendel ist schon auf den Weg in die Parfümdestillen. Da sparen wir uns den Abzweig in die pittoreske Zisterzienserabtei und wedeln lieber nochmal zwischen den Felsen über die charmante D 177 nordwärts.

 

Kurz darauf holt uns die Glut wieder ein. Seltsam, wie groß der Unterschied zwischen 32 und 39 Grad doch sein kann. Wir wählen den Weg der Vernunft und verkrümmeln uns für den Nachmittag im Schatten am Hotelpool. Abends bummeln wir durch Roussillon, schlendern durch die Ockerbrüche. Seit früheren Besuchen ist viel Zeit vergangen, mittlerweile kostet der Rundgang ein paar Euro Eintritt, dafür führen ein paar schicke Holzbrücken durch das orange schillernde Farbenmeer, das dem roten Dörfchen seinen Namen gab.

Schönheit gibt es hier im Überfluss, weshalb auch das benachbarte Bonnieux mit seinen romanisch-gotischen Kirchen auf den ersten Blick verzaubert. Die steilen Straßen zieht sich ein Wochenmarkt hinauf. Frisch geernteter Lavendel, Käse, Wurst, Gemüse, Obst, Kleidung, Nippes, Paella und Brathühnchen – der Duftcocktail dringt von der Nase direkt ins Stammhirn. Vom schweißtreibenden Aussichtspunkt an der alten Kirche oberhalb der Altstadt reicht der Blick bis Gordes und Lacoste, unserem nächsten Ziel.

Aber die Sonne steht schon wieder hoch im Kurs. Und bis nach drei Anläufen das Fahrfoto vor der Burgkulisse von Lacoste im Kasten ist, sind wir durchgesotten und malträtiert, worüber sich der einstige Schlossherr Marquis de Sade sicherlich ins Fäustchen gelacht hätte.

 

Wir öffnen alle Schleusen und müssen kurz nach Mittag passen, der Pool wartet. Tags drauf heißt es wieder Koffer packen. In rund 100 Kilometern und zwei Fahrstunden wartet unser Ferienhaus in Niolon auf uns, direkt am Hafen dieser bezaubernden Bucht 20 Kilometer nordwestlich von Marseille. Die Strecke nach Lourmarin ist ein fahrerischer Leckerbissen. Tief ins Tal gekerbt, schlängelt sich die D 943 an Felsen und Abhängen entlang. Jonathan und ich lassen MT-125 und FJR fliegen, Andrea schaut sich auf ihrer ER-6n lieber die zauberhafte Landschaft an. Wir passieren geballte provençalische Schönheit, lassen Aix-en-Provence links liegen und verlassen schließlich die Höhenzüge des Luberon.

Mittelmeer-Ikonen: Marseille mit der Kirche Notre-Dame de la Garde 

Mit der 125er muss man sehr sauber fahren, um Anschluss zu halten. Ich bin beeindruckt

Gegen Mittag erreichen wir den winzigen, kreisrunden Hafen von Niolon. Die Zufahrt ist am Wochenende gesperrt, damit in den zweieinhalb Sackgassen des 400-Einwohner-Örtchens nicht noch mehr Chaos ausbricht. Denn die drei Restaurants, der knietiefe, mollig warme Ankerbucht und die westlichen Ausläufer der Kalksteinküste der Calanques sind ein bevorzugtes Ziel der benachbarten Großstädter.

 

Wir richten uns ein, sehen, wie die Dörfler in Badehose, Schlappen und immer mit einem Handtuch über den Schultern morgens an ihren kleinen Außenbordern basteln, ehe die Städter den Pier zur Liegewiese ummünzen. Abends kommen dann die Kids, und immer patrouillieren drei Flics in kugelsicheren Westen zwischen den Felsen, damit die Party keine üble Wendung nimmt.

Wir sitzen im Schatten auf unserer Terrasse mit First-Class-Aussicht, ein kühler Wind weht über den Mediterran, und beobachten das Treiben. Auch so kann man ein Leben zubringen. Aber FJR, MT-125 und ER-6 warten in der Auffahrt. Doch die charmante Lage der bezaubernden Bucht hat auch ihre Tücken: Lohnende Ausflugsziele wie der Wallfahrtsort Saintes-Marie-de-la-Mer oder die Kreuzfahrerfestung Aigues-Mortes sind zwar Luftlinie um die Ecke, auf der Straße muss man aber immer die mühsame Anfahrt über Arles wählen, weil dort die letzte Rhonebrücke vor der Camargue steht. Arles ist mit den vielen römischen Resten und dem sensationellen Collosseum immer eine Reise wert, aber einmal reicht die eher dröge Anreise über die Route National dann auch.

 

Also schalten wir in Sachen Besichtigung einen Gang runter und düsen entlang des Etang de Berre und Martigues in Richtung Naturpark Marais du Vigueirat und zur Rhonemündung bei Port-Saint-Louis-du-Rhône.

 

Fahrvergnüglich ist da Luft nach oben, in dem Mündungsdelta geht es meist nur geradeaus. Dafür bekommen wir das volle Camargue-Programm: weiße Pferde in den Salzmarschen, die leckeren Stiere auf den Weiden und Flamingos in den Tümpeln.

Motorradtechnisch geht natürlich viel mehr, und deshalb machen wir uns nach einem Ausflug per Zug nach Marseille auf in Richtung La Ciotat. Schon die Landstraße von Aubagne Richtung Mittelmeer verzückt die Reifenflanken. Höhepunkt ist natürlich die rund 15 Kilometer lange Route des Crêtes nach Cassis.

1969 eröffnet, gehört das knapp geschneiderte Asphaltband zu den schönsten Küstenstraßen Frankreichs, wenn nicht sogar Europas. Im ständigen Schräglagenwechsel geht es entlang der Steilküste bis aufs Cap Canaille, die mit 362 Meter höchste Klippe Frankreichs, und weiter zum 399 Meter hohen Grand Tête.

 

Jonathan schlägt sich auch auf diesem anspruchsvollen Kurs mit seiner MT-125 mehr als prächtig. Er bleibt auf Kurs, auch wenn uns der Mistral in manchen Passagen mächtig beutelt. Die mächtige FJR zeigt, dass sie das Tourenthema auch nach über 16 Jahren immer noch sportlich interpretieren kann. Hinter dem 150-PS-Boliden muss mein Filius sehr sauber fahren, um den Drehzahlanschluss zu halten und nicht plötzlich an den Anstiegen nach der einen oder anderen Kehre leistungsmäßig zu verhungern. Ich bin beeindruckt.

Ab Cassis geht es spektakulär, aber auf breiteren Straßen weiter. Die D 559 windet sich im Hinterland der Calanques wie ein Lindwurm. Immer wieder öffnet sich von der kurvenreichen, zügig zu fahrenden Straße ein herzzerreißender Ausblick auf die Küstenlinie und Marseille im Hintergrund.

Die Sonne wirft lange Schatten, als wir gemäß unserer Keine-Autobahn-Maxime den Stadtrand der 850000-Einwohner-Metropole erreichen. Das TomTom führt uns mittenmang hindurch. Aber nur die eigenwilligen Ampelphasen sind anstrengend, der Verkehr selbst auch mit einem Führerscheinneuling kein Problem.

Wir müssen wieder die Koffer packen. Auf dem Rücksturz stehen noch die Ardéche und die einzigartige Caverne du Pont d’Arc auf der Route. In diesem 2015 eröffneten, detailverliebten Nachbau der Grotte Chauvet-Pont-d’Arc bestaunen Besucher die originalgetreu reproduzierten, 34000 Jahre alten Höhlenmalereien der gesperrten Originalhöhle. Eine Weltsensation, und selbst als Replica ein Platz für offene Münder.

Von jetzt an ruft die Autobahn, Dijon und Luxemburg sind die letzten Stationen unserer Reise. Bald heißt es auch Abschied nehmen von unseren Kumpels FJR 1300 und MT-125. Schade, sie sind uns ans Herz gewachsen und gehöre ein bisschen zur Familie. Das Reiseschiff ist ein wenig wie der gutmütige Onkel, der immer Spielsachen und Süßes mitbringt, wenn er zu Besuch kommt, und immer so nett mit dem Bauch wackelt, wenn er lacht. Die MT-125 ist sein schlanker Neffe, ein lebenslustiger Kumpel, der mit einem auf Berge klettert, Küsten umkurvt und immer für eine Spaß zu haben ist.

Was aber immer haften bleibt, ist der Mont Ventoux. Junior hinter mir im Rückspiegel fährt mit seinen vier Wochen Führerschein konzentriert, sicher und selbstbewusst. Oben auf  1912 Meter machen wir noch ein Selfie, als wäre es der Everest gewesen. Ich bin stolz. Mein kleiner Sohn, der vor mir zum ersten Mal in diese Welt blinzelte, ist ein Mann geworden. Und es hat nur einen Wimpernschlag gedauert.