von Frank Sachau (Text & Fotos)

Frei nach Horaz „Carpe diem – genieße den Tag“ auf den Spuren der römischen Legionen im Taunus unterwegs. Mit im Marschgepäck sind Kirchen und Kastelle, Brücken und Burgen.

Hochmut, Geiz, Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Zorn und Trägheit – sieben kunstvoll geschnitzte Köpfe stellen die Untugenden dar und prägen die historische Fassade des Hauses der sieben Laster in der Limburger Brückengasse. Eine Furt in der nur wenige Meter entfernten Lahn und die Lage an dem bedeutenden Handelsweg zwischen Antwerpen und Byzanz ließen die Domstadt im Mittelalter zu Reichtum und Macht gelangen.

Voller Tatendrang machen wir uns auf, den nächsten Flussübergang anzusteuern. Mit der Burg Runkel, die einst eine wichtige Lahnbrücke schützte, erreichen wir den Naturpark Taunus, ein Mittelgebirge, das nach Abzug der Römer 1500 Jahre nur als „die Höhe“ bezeichnet wurde.

Das riesige römische Reich sicherte seine über den Taunuskamm verlaufende Außengrenze mit der Stationierung von Trup­pen und dem Bau des Limes, ein von der Donau bis an den Rhein reichendes, 550 Kilometer langes Verteidigungsbollwerk. Erst im 18. Jahrhundert verlieh der Landgraf von Hessen- Homburg dem üppig bewaldeten Höhenzug den Namen „Taunus“. Der Begriff stammt wahrscheinlich vom römischen Geschichtsschreiber Tacitus, der in seinen Wer­ken von einem „castellum in monte tauno“ berichtet.

Auferstanden aus Ruinen: Die Reste des Römerkastells Saalburg dienten bis zur Restaurierung als Steinbruch.

Parallel zur B 8 schlängelt sich ein landschaft­lich und fahrerisch reizvolles Teerband von Villmar über Haintchen und Dombach bis an die B 275. Blinker rechts, einige Gangwechsel, Blinker links – schon sind wir auf der himmel­wärts gerichteten Zufahrt zum Großen Feldberg unterwegs. Er ist mit 879 Metern nicht nur der höchste anfahrbarer Punkt des Taunus, er wirkt auch wie ein Motorradfahrermagnet. Die kostenlosen Parkplätze unterhalb des mar­kanten und unter Denkmalschutz stehenden Fernmeldeturms sind an Wochenenden prall gefüllt, der benachbarte Aussichtsturm mit seinem tollen Rundumblick gut besucht.

Ganz in der Nähe befand sich einst ein römi­sches Kastell als Teil des Limes. Zur Wasser­versorgung des hoch gelegenen Militärlagers wurde die Quelle der Weil genutzt. Wir folgen ihr talwärts ins sattgrüne Weiltal, wo sie sich auf fast 50 Kilometer Länge zum wasser­reichsten Taunusfluss mausert, bis sie in Weil­burg in die Lahn mündet.

Weil wir noch etwas mehr über die Römer wissen möchten, biegen wir in Weilmünster nach Waldsolms ab und gelangen mal links, mal rechts der Bundesstraße zur Buchfinken­stadt Usingen. Das historische Zentrum des vor 1200 Jahren gegründeten Ortes wird von der schmucken Laurentiuskirche und prächtigen Fachwerkhäusern geprägt.

Romantisches Ensemble: Ruine der Burg Runkel, Bogenbrücke und die schäumende Lahn.

Noch älter ist das an der Straße nach Bad Homburg gelegene Römerkastell Saalburg, das durch seine fast vollständige Rekonstruk­tion als weltweit einzigartig gilt. Fast zwei Jahr­hunderte lang prägten die Römer das Leben im Taunus, durch den mächtigen Grenzwall vor den wilden Barbaren Germaniens geschützt.

Nach einem Rundgang durch die imponierende Garnison preschen wir auf verkehrs­armen Nebenstrecken durch kleine Wälder und an Wiesen und Feldern entlang in Richtung Butzbach am östlichen Rand des Naturparks. Der Asphalt nimmt an Breite ab, die Dörfer werden seltener, bis wir die Fotostadt Wetzlar erreichen, die untrennbar mit der Firma Leitz verbunden ist.

Vor fast genau 100 Jahren schuf der geniale Fein­mechaniker Oskar Barnack die sogenannte Ur-Leica, einen kompakten Fotoapparat, der die großen und schweren Plattenkameras ablöste. Der Kleinbildfilm trat seinen weltweiten Siegeszug an, das bis vor kurzem analoge Negativformat 24 x 36 Millimeter wurde sogar für die Sensoren der digitalen Vollformatkameras übernommen. Das „Leica- Erlebniswelt“ getaufte Mu­seum bietet inte­ressante Einblicke in die Entwick­lung optischer Geräte und zeigt in wech­selnden Ausstellungen die Bilder namhafter Leica-Fotografen.

Wahre Wolkenkratzer: Ein Gipfel-kreuz und drei markante Antennen-träger prägen das 879 Meter hohe Gipfelplateau des Großen Feldbergs.

Augen und Objektive werden gleichermaßen gut bedient, als wir anschließend auf die von weitem sichtbare Burg Braunfels stoßen. Die hoch über der Stadt aufragende Bastion mit ihren Türmen und Erkern wurde im 13. Jahrhundert errichtet, unzählige Male umgestaltet und erweitert, bis sie zum beeindruckenden Prachtbau mutierte.

Ein paar Gasstöße später stoppen wir zu Füßen des nicht minder mondänen Schloss Weilburg, das steil aus der hufeisenförmigen Lahnschleife aufragt. Im Gegensatz zur romantisch anmutenden Burg Braunfeld blieb das im Stil der Renaissance gestaltete Schloss bis heute äußerlich unverändert. Bis in die Gegenwart überdauerte auch die fünfbogige steinerne Lahnbrücke, über die wir hinauf in die sehenswerte Altstadt gelangen.

Ein verträumtes Teilstück der Deutschen Alleenstraße liegt hinter unseren Rücklichtern, als wir später an der Burg Run­kel stoppen. Anders als am Morgen präsentiert sich das Dreigestirn Festung, Brücke und Lahn nun von der fotogeneren Seite. Zusammen mit dem verschlungenen Flusslauf er­reichen wir Limburg, wo unsere tugendhafte Taunus-Tour endet – und wir sind wirklich froh, dass Motorradfahren noch immer nicht zu den Lastern zählt.

Reise-Info: Das waldreiche, aber nur dünn besiedelte Mittelgebirge Taunus erstreckt sich nordwestlich von Frankfurt über eine Länge von 75 und eine Breite von 35 Kilometern. Von Rhein, Main, Lahn und Wetteraus umflossen, ge­hört der Taunus zum Rheinischen Schiefergebirge, das vom Hessischen Bergland bis in die belgischen Ardennen reicht. Als höchste Erhebung gilt der bei Motorradfahrern äußerst beliebte Große Feldberg, der mitten im 1962 gegründeten „Naturpark Taunus“ 879 Meter aufragt. Der Gipfel wird von einem mächtigen Sendeturm gekrönt und bietet neben kosten­losen Bike-Parkplätzen und verschiedenen Lokalen tolle Blicke auf die benach­barten Höhenzüge von Wester­wald und Hunsrück. Das dichte Geflecht gepflegter und kurvenreicher Straßen schenkt Anfängern und Geübten stressfreien Fahrspaß.

 

Literatur: Motorrad-Touren Süddeutschland, Harald Denzel. Ein mit Farbfotos und Kartenskizzen reichillustrierter Reiseführer mit 61 lohnenswerten Rundfahrten im süddeutschen Raum. 350 Seiten, Tankrucksackformat. Denzel-Verlag Innsbruck, 19,90 Euro.

Streckenlänge: 250 Kilometer

Dauer der Tour: Tagestour

Anreise: Im Westen begrenzt die A 3 das Tourengebiet, im Südosten verläuft die A 5 und im Nordosten die A 45.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober

Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. 1:20 0000, im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.

Informationen: Taunus Touristik Service e.V., Hohemark­straße 192, 61440 Oberursel (Taunus), www.taunus.info

Museum: Römerkastell Saalburg, Saalburg 1, 61350 Bad Homburg v. d. Höhe, März bis Oktober täglich neun bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt fünf Euro, www.saalburgmuseum.de

Hoteltipp: Hotel Montana Limburg

Während das historische Zentrum der schmucken Domstadt nur 15 Gehminuten vom verkehrsgünstig an der A 3 gelegenen Haus entfernt ist, beginnen die Tourengebiete von Rheingau, Westerwald und Taunus fast vor der Hoteltür. Komfortable Zimmer, prima Service, tolles Frühstücksbüfett. Garage und WLAN kostenlos. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 89 Euro.

Am Schlag 19, 65549 Limburg an der Lahn, 06431/21920, www.montana-limburg.de