Meuterei!: Kieler Förde

Der Kieler Matrosenaufstand von 1918 jährt sich zum hundertsten Male. Als Kind dieser Stadt lässt sich der lange Frank auf einen besonderen Förde-Flirt ein – und erlebt vielfältige Marinegeschichte.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Als ich die Probstei erreiche, liegen die sanften Hügel der Holsteinischen Schweiz und die glitzernden Wasserflächen der Lebrader Teiche hinter mir. Aus den weiten Feldern, die sich bis an den Ostseestrand erstrecken, sticht das Laboer Ehrenmal unübersehbar in den norddeutschen Himmel. Es ist den in beiden Weltkriegen gefallenen Marinesoldaten al­ler Nationen gewidmet. Der schlanke Turm erinnert an einen Bootssteven. Oben aus 85 Meter Höhe kann ich nicht nur die Dänischen Inseln am Horizont erspähen, sondern auch den Verlauf der Kieler Förde, die sich wie ein Fjord 17 Kilo­meter bis in die Landeshauptstadt erstreckt. Unter mir mache ich die schnittige Stahlröhre von U 995 aus, das seit 1972 auf dem Trockenen liegt und als besonderes Museumsstück zu besichtigen ist. Mit einem massiven Aufgebot dieser Unterseeboote, den sogenannten Grauen Wölfen, wollte Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg England in die Knie zwingen. Doch auch dieser Schuss ging nach hinten los.

Mahnmal nach einem Bogen durchs Binnenland

Nach einem kleinen Bogen durch das verträumte Binnenland ziehe ich am Möltenorter Hafen den Zündschlüssel und besuche das dortige U-Boot-Ehrenmal. Nicht so groß wie das Gegenstück in Laboe, aber nicht minder beeindruckend: An der engsten Stelle des Ostseearms breitet ein riesiger Bronzeadler seine Schwingen über einen in die Erde eingelassenen Rundgang aus, der unter die Haut geht. Über hundert Tafeln listen die Namen von mehr als 35 000 gefallenen deutschen U-Boot-Fahrern auf. Danach kommt mein Abstecher durch die stillen und dicht von Bäumen beschatteten Villenviertel von Kitzeberg und Mönkeberg gerade recht. Am Kieler Stadtrand angekommen, folge ich dem alten Straßenverlauf hinunter zur betagten und viel zu schmalen Schwentinebrücke im Ortsteil Neumühlen- Dietrichsdorf. Die Schwentine entspringt am Bungsberg, dem höchsten schleswig-holstei­nischen Gipfel, und durchquert zahl­lose Seen, um schließlich in die Förde zu münden. Mit Verlegung des Marinekommandos von Danzig nach Kiel begann der rasante Aufstieg zum Reichskriegshafen. Nach dem Motto: „Kreuzer für den Kaiser“ entstanden moderne Arbeiterquartiere und gigantische Werften in Ellerbek und Gaarden, plötzlich gab es mehr Fabrikschlote und Kräne als Kirchtürme. Ich umrunde die Hörn, die das Ende des Ostseearms markiert, und treibe mein Maschine auf der Kaistraße entlang zu den historischen Hafenspeichern, die von reinen Kornlagern zu begehrten Büroquartieren mutierten. Nach der im Jahre 1910 erbauten Fischauktionshalle, die heute das Kieler Schifffahrtsmuseum beherbergt, biege ich in den Ratsdienergarten ab. Dort steht ein aus rostigem Stahl und massivem Granit geschaffenes Denkmal, das an den Matrosenaufstand im November 1918 erinnern soll. Was war passiert? Während der Krieg zu Lande verloren schien und die halb verhungerte Zivilbevölkerung sich Brot und Frieden wünschte, sollte die Hochseeflotte gegen England auslaufen. Marineoffiziere wollten eine Entscheidungsschlacht erzwingen oder den Heldentod suchen und mit wehenden Fahnen untergehen.

Für immer aufgetaucht: Die U 995 steht seit 1972 auf dem Laboer Strand und kann von innen besichtigt werden

Maritimer Methusalem: Die Einfahrt zum Kaiser-Wilhelm-Kanal, wie der heutige Nord-Ostsee-Kanal einst hieß, bewacht der Holtenauer Leuchtturm

Da schlug die Stunde der Matrosen: Kriegsmüde Mannschaften verweigerten den Angriffsbefehl. Von Wilhelmshafen nach Kiel zurückbeordert, landeten die festgenommenen Meuterer im Gefängnis. Erste Soldaten- und Arbeiterräte riefen zu Demonstrationen auf, Schüsse fielen, die öffentliche Ordnung brach zusammen. Der Revolutionsgedanke war nicht mehr aufzuhalten und erfasste das gesamte Kaiser­reich, der Monarch musste abdanken, die Republik wurde ausgerufen. Und der einstige Sitz des komman­dierenden Admirals ist heute Sitz der Landesregierung. Kurz darauf schwappt unmittelbar am rechten Zylinderkopf meines Bayern-Boxers dunkles Ost­seenass, dann zieht der Olympiahafen von 1936 vorbei und gibt den Blick auf imposante Werftkräne und riesige Ostseefähren frei. Weit draußen kann ich das Möltenorter und sogar das Laboer Ehrenmal erkennen. Es folgen der Tirpitzhafen, Liegeplatz der Bundesmarine, und der zu Kaisers Zeiten erschaffene Garnisonsstadtteil Wik mit seinen strengen Zweckbauten, bevor mich eine kühn geschwungene, moderne Brückenkonstruktion hoch über den stark befahrenen Nordostseekanal schweben lässt, der auf 100 Kilometer Länge quer durch Schleswig-Holstein führt. Nach dem obligatorischen Pott Kaffee im Schiffer-Café am Tiessenkai beschleunige ich hinaus nach Schilksee, dem Hafen der olympischen Segelwettbewerbe von 1972, denn im benachbarten Strande habe ich eine Verabredung mit Hein Bülk, wie der Leuchtturm an der äußersten westlichen Landspitze der Kieler Förde genannt wird. Seine Aussichtsplattform bietet ein unvergleichliches Rundumpanorama über die Ostsee, die Förde und das Binnenland. Für den Rückweg habe ich den Besuch der Rathmannsdorfer Schleuse am historischen Eiderkanal, sowie einen Stopp am Freilichtmuseum Molfsee eingeplant. Zu guter Letzt wird die mit Schräglagen aller Art dekorierte Feldwaldundwiesen-Etappe zurück in die Holsteinische Schweiz für ein leckeres Dessert sorgen.

Hoteltipp

Landgasthof Kasch

Inmitten der Holsteinischen Schweiz gelegen, von romantischen Seen eingerahmt, von frischer Luft umgeben und mit regionaler Küche gesegnet – so präsentiert sich der Landgasthof Kasch dem Nordlandfahrer. Tourentipps, Schrauberecke und Unterstellmöglichkeiten. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 92 Euro.

Dorfstraße 60
23714 Timmdorf
Fon 04523 / 3383
www.landgasthof-kasch.de

Reise Info

Streckenlänge: 180 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Schleswig-Holstein, das nördlichste Bundesland, wird umrahmt von Dänemark, der Nord- und Ostsee, sowie dem mächtigen Strom der Elbe. Das Land zwischen den Meeren ist fast 16 000 Quadratkilometer groß und besteht im Westen aus dem Marschland, in der Mitte aus der sandigen Geest und im Osten aus dem Hügelland. Die geschichtsträchtige Landeshauptstadt Kiel schmiegt sich um die tief ins Land ragende Förde. So vielfältig wie die Region und das Straßennetz, sind auch die kulinarischen Genüsse.

Anreise: Aus dem Süden oder Westen über die A1 oder A7 nach Hamburg. Aus dem Osten führen die A24 und die A20 heran. Als Anfahrt zum Hotel empfiehlt sich die A1 Richtung Puttgarden, Abfahrt Eutin.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 154 „Ostseeküste Schleswig-Holstein“. Über 100 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro. Informationen: Kiel-Marketing e.V., Andreas-Gayk-Straße 31B – Neues Rathaus, 24103 Kiel, www.kiel-sailing-city.de
Museum: Schifffahrtsmuseum Kiel, Wall 65, 24103 Kiel, 0431/9013428, täglich von zehn bis 18 Uhr geöffnet, montags geschlossen, Eintritt vier Euro, www.schifffahrtsmuseum-kiel.de

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