Märchenonkel: Grimmheimat Nordhessen

Sinneswandel: Einst als Grenzbefestigung erbaut, stehen die Tore der Jugendburg Ludwigstein nun Pfadfindern und Wandervögeln offen

Motorradwandern zwischen Kassel und Knüllwald, Fulda und Werra: Trutzige Burgen und romantische Schlösser prägen jenen Landstrich, in dem einst die Brüder Grimm Märchen sammelten.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Vorsicht Schusswaffengebrauch! Gottseidank sind es nur wärmende Sonnenstrahlen, die auf uns abgeschossen werden, als wir frühmorgens am Rande des Truppenübungsplatzes Schwarzenborn durchs menschen­leere Knüllgebirge huschen. Während der angenagte Straßenbelag Vibrationen bis in die Lenkerenden schickt, fordert das Kurvenspektrum erhöhte Aufmerksamkeit. Kaum sind wir in Oberaula auf die B 454 abgebogen, setzen wir nach nur wenigen Schaltvorgängen vor Gersdorf erneut den Blinker, um auf der geschmeidig fahrbaren Eisenbergstraße dem Himmel ein großes Stückchen näher zu kommen. Auf dem 635 Meter hohen Gipfelplateau des wald- und wasserreichen Mittelgebirges bietet der nach einem verdienten Forstmeister benannte Borgmannturm tolle Ausblicke auf Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg. Wieder im Sattel, genießen wir die steil abfallende Eisenbergstraße in voller Länge bis vor die Pforte von Schloss Neuenstein, das auf den Grundmauern einer mittelalter­lichen Burg entstanden ist, und deren mäch­tiger Bergfried bis heute überdauerte. Wir queren kurz darauf die A 7, gelangen in Regionen, in denen sich Fuchs und Hase noch persönlich gute Nacht sagen, umrunden den fast 500 Meter hohen Geiskopf und nehmen Kurs auf Ludwigsau an der B 27. Dort begegnen wir der aus der Rhön stam­menden Fulda und begleiten sie ein klitzekleines Stück auf ihrem Weg nach Hannoversch Münden, bis wir am südlichen Rand des Verkehrsknotenpunkts Bebra dem Abzweig nach Nentershausen folgen. Außerhalb des Ortes wurde im 14. Jahrhundert die Tannenburg erbaut, um die hier verlaufenden Handelsrouten zu schützen. Ein Rundgang durch die gut erhaltene Festung schenkt uns Einblicke in das Leben der einfachen Knechte und edlen Ritter. Helm auf, Visier zu! Über die Dörfer gelangen wir wieder an die B 27, der wir viele Kilometer treu folgen werden. Links der Hohe Meißner, rechts der Schlierbachswald – beide Gebirgszüge sorgen mit den Läufen von Sontra, Netra und Wehre für reichlich Wasser, das sich östlich von Eschwege in die aus dem Thüringer Wald heranströmende Werra ergießt. Die Bundesstraße schmiegt sich an die weiten Schleifen des Flusses, über dem das neogotische Schloss Rothestein steht. Bald darauf erreichen wir die Fachwerk- und Kurstadt Bad Sooden-Allendorf, die von der Werra durchflossen wird. Das Gewässer bildete bis zur Wiedervereinigung die nasse Grenze zur ehemaligen DDR. Wie der Eiserne Vorhang gesichert war und mit welchen Fahrzeugen die Bewacher unterwegs waren, erkunden wir im nahen Grenzmuseum Schifflersgrund. Wachsamkeit war auch auf der Burg Ludwigstein gefordert, als sie 1415 bei Werleshausen erbaut wurde, um sich gegen die aufdringlichen Nachbarn aus dem Eichs­feld zu wehren. 500 Jahre später dem allmählichen Verfall preisgegeben, sorgten erste Jugendgruppen für den Wiederaufbau und die friedliche Nutzung. Heute stehen die Tore der sogenannten Jugendburg allen Pfadfindern und Wandervögeln offen.

Hessisches Hollywood: Das märchenhafte Schloss Berlepsch diente schon oft als perfekte Kulisse für Filmproduktionen

Knüllwald-Knüller: Auf dem Gipfel des 635 Meter hohen Eisenbergs sticht der Borgmannturm in den Hessenhimmel

Flucht-Verhinderer: Das Grenzmuseum Schifflersgrund zeigt den Fahr- und Flugzeugpark jenseits des Eisernen Vorhangs

Ein 1000 Jahre altes Kloster und reichlich Fachwerk

Ähnlich und doch ganz anders sieht es am etwas abseits gelegenen Schloss Berlepsch aus, das sich in der nordöstlichsten Ecke Hessens verbirgt: Ebenfalls belagert, erstürmt, niedergebrannt und wiederaufgebaut, wird der Familienbesitz aber seit 500 Jahren stets vom Vater an den Sohn ver­erbt. Und Schlafsäle sucht man vergebens. Wir queren die Werra ein letztes Mal und verschwinden auf allerkleinsten Straßen im Höhenzug Kaufunger Wald. In den aus­gedehnten Forsten zwischen Kleinalmerode und Nieste präsentiert sich uns eine umfangreiche Sammlung unterschiedlichster Kurven und mit dem 446 Meter hohen Umschwang sogar ein waschechter Pass. Immer um das Seelenheil der Untertanen besorgt, ohne aber das eigene aus den Augen zu verlieren, sorgte der mittelalterliche Adel für die Errichtung zahlreicher Klöster. In Oberkaufungen wurde um 1000 durch kaiserliche Schenkung eine Benediktinerinnen-Abtei gegründet, aber im Zuge der Reformation wieder aufgelöst. Bis heute ragt die mächtige Stiftskirche zum Heiligen Kreuz über dem alten Ortskern auf, um sie herum die mit reichlich Fachwerk versehenen Klosterbauten. Genauso wechselvoll war die Geschichte des Schlosses Spangenberg, das wir nach einem kurzen Sprint über die Bundestraßen 7 und 487 erreichen. Im 13. Jahrhundert auf einem Bergkegel zur Sicherung bedeutender Transportwege erbaut, wurde die Burg später zum Schloss umgestaltet und diente zeitweise sogar als Gefängnis. Wir bleiben auf freiem Fuß und tauchen in den Knüllwald ab, dessen verschlungene Straßen uns äußerst kurzweilig durch Täler und über Kuppen nach Wallenstein bringen. Am Ende der dortigen Burgstraße klappen wir die Seitenständer raus, schlüpfen aus den verschwitzten Klamotten und genießen unterhalb der Ruine Wallenstein eine kühle Erfrischung im Schwimmteich des Strandbads No. 1 der Familie Zinn.

Hoteltipp

Landhotel Zinn 

GS-Pilot Udo Assmann-Zinn, Wirt des bodenständigen Gasthauses, kennt nicht nur die Grimmheimat wie seine Westentasche, sondern auch entferntere Ziele wie den Vogelsberg, die Rhön und den Thüringer Wald. Motorradwanderer finden zum Ausklang einer Tagestour Erfrischung im Strandbad No. 1 und Gaumenfreuden im Bistro. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 80 Euro.

Campingplatz Burg Wallenstein
Burgstraße 6
34593 Knüllwald
Telefon 05686 / 395
www.landhotel-zinn.de

Reise Info

Streckenlänge: 250 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die Grimm-Heimat Nordhessen erstreckt von Bad Karlshafen im Norden über Eschwege im Osten, Bad Hersfeld im Süden bis nach Willingen im Westen und bietet wenig bekannte Mittelgebirge, ver­schlungene Wasserläufe und malerische Fachwerkorte. Durch verkehrsarme Nebenstrecken verbun­dene Schlösser, Burgen und Klöster war­ten auf Entdecker, jedes Bauwerk erzählt seine eigene Geschichte. Die Ende des 18. Jahrhunderts lange Zeit in Kassel lebenden Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sammelten zahlrei­che Märchen und siedelten sie in der Region an.    

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www.motorrad.net/aktuelles/touren

 

Anreise: Das Tourengebiet liegt im Herzen Deutschlands und wird in voller Länge von der A 7 durchzogen. Das Hotel lässt sich bequem über die Abfahrt Homberg/Efze erreichen.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Über den Internetauftritt der Grimm-Heimat Nordhessen (www.grimmheimat.de) lassen sich mehrere Broschüren downloaden oder bestellen. Darunter auch das 56-seitige und tankrucksackfreundliche Booklet „Burgen & Schlösser“, in dem viele der besuchten Stätten mit allen Details vorgestellt werden.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, www.adac.de, 14,99 Euro.
Infos: GrimmHeimat NordHessen, Ständeplatz 13, 34117 Kassel, www.grimmheimat.de
Museum: Grenzmuseum Schifflersgrund, Platz der Wiedervereinigung 1, 37318 Asbach-Sickenberg, www.grenzmuseum.de. Ganzjährig täglich von zehn bi 17 Uhr geöffnet, Eintritt fünf Euro.

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