Was schützt besser: Naturfaser, Hightech-Gewebe oder Tierhaut? Am Treff kursieren dazu ebenso viele Meinungen wie es Materialien gibt. NEWS wollte es genau wissen und schickte acht der üblichen Verdächtigen zur Sturzsimulation ins Labor der TU Darmstadt.

von Jennifer Dörnen (Text & Fotos)

Was ziehe ich als Motorradfahrer am besten an – Leder oder Textil? Aus der einen Ecke rufen die Sportler „Leder allein bietet optimalen Schutz“, während Tourer sagen, Textil sei der Tierpelle seit Jahren in der Schutz­wirkung ebenbürtig und beim Tragekomfort sogar klar überlegen.

Um dem alten Stammtischthema nachzugehen, ließen wir acht Materialproben im Sturzsimulator der Technischen Universität Darmstadt antreten. Fleißige NEWS-Leser ken­nen das Testverfahren aus unseren Abriebtests für Handschuhe (NEWS 4/14) und Protektorenjeans (NEWS 5/12).

Um das breite Angebot des Markts widerzuspiegeln, schickten wir acht unterschiedliche Prüflinge auf die Labor-Bahn. Als Freizeit-Outfit ließen wir Denim und einen Jeans- Kevlar-Mix antreten. Ins Rennen der Hightech- Fasern gingen ein dünnes 400D-No-Name- Polyamid, wie es oft noch in günstigen Kombis vernäht ist, und ein 500D-Cordura-Gewebe aus dem mittleren Preissegment. 1000D Cor­dura und Superfabric werden unter anderem für die Sturzzonen verwendet.

Für das Leder traten ein Millimeter starke Rind- und Ziegen­häute an, wobei in der Praxis auch dickeres Leder bis 1,5 Millimeter zum Einsatz kommt. Bei der Auswahl einigten wir uns darauf, unsere Probanden aus Stoffbahnen zu schnei­den, wie sie in Deutschland in jeder Näherei angekommen sein könnten. Warum? Weil wir verhindern wollten, dass eingenähte Mem­brane und Futter Einfluss ausüben. Möglicher­weise bringen sie zusätzlichen Schutz – ihr Job ist das natürlich nicht.

Wenig überraschend: Weder Rind noch Ziege geben sich auf dem Prüfstand eine Blöße. Erstaunt hat uns aber, dass im Labortest sowohl das 400D- als auch das 500D-Gewebe schon bei innerstädtischen Geschwindigkei­ten komplett weggefetzt ist – ein Bereich, in dem der einfache Denim einer Jeans immerhin in einer von drei Proben bestehen konnte.

„Das war aber einfach Glück, dass sie mit der Faserrichtung geschliffen ist“, bewertet Raphael Pleß, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fachgebiets Fahrzeugtechnik an der TU, das Ergebnis. Eine weitere Überraschung boten uns die textilen Sturzzonenverstärkungen. Sie kapitulierten einhellig bei 100 Sachen.

Wenn es am Stammtisch um die Frage geht, welches Material „sicherer“ ist, zeigt unser Abriebtest, dass Synthetikfasern nicht an das Niveau von Leder heranreichen – zumindest keine der von uns getesteten. In der Praxis setzten Hersteller zudem auf den Ver­bund. So liegt etwa unter der 1000D-Verstärkung der Schultern noch ein 500D- Basisschutz – und darunter wartet der Protektor.

Bei den Verkaufszahlen liegen Kunstfaser- Kombis klar vorn. Louis-Sprecher Kay Blanke schätzt, dass 70 Prozent der Kunden zu Textil greifen. Verständlich: Während der Trage­kom­fort moderner Faserstoffe oft schon bei der Anprobe begeistert, bleiben Abriebwerte im besten Fall abstrakte Zahlen.

Und luftiges Textil kann sogar dazu beitragen, das aktive Unfallrisiko zu senken. Denn im eigenen Saft zu köcheln, kostet Kraft und Konzentration. Sicherheit bleibt eben immer relativ.

So testet NEWS

Pro Material haben wir sechs kreisrunde Materialproben ausgeschnitten, es gab jeweils zwei Testläufe. Dazu haben wir jeweils drei Proben am Ende der Metallarme eines sternförmigen Probenträgers eingespannt. Die Ausrichtung des Gewebes erfolgte wie bei einem Sturz rein zufällig. Zum Schutz der Apparatur befand sich unter unseren Proben eine weitere Lage aus robustem Kevlar.

Den Probeträger ließen wir im ersten Test auf 60 km/h ohne Kontakt zwischen unserem Material und der Betonfläche beschleunigen. Dies entspricht in etwa der Alltagsgeschwindig­keit in der City. So­bald die Prüfgeschwindigkeit erreicht war, schaltete der Strom ab, der Probeträger fiel auf den Beton und rutschte bis zum Stillstand.

Der Anpressdruck ist vergleichbar mit einem rund 75 Kilo schweren und etwa 1,75 Meter großen Motorradfahrer, der in Rückenlage über die Bahn schliddert. Alle Gewebe, die diesen Test erfolgreich bestanden hatten, schickten wir in Runde zwei mit 100 km/h, also Land­straßen­geschwindig­keit, erneut auf die Bahn. Für das No-Name-Polyamid 400D und das Cordura 500 D, die 60 km/h nicht gewachsen waren, ging es statt­dessen in eine Tempo-30-Zone.

Der Prüfstand der TU Darmstadt misst dabei Anfangsgeschwindigkeit, Rutschzeit, Rutschweg bis zum Still­stand und den Reibwert. Ein hoher Reibwert zeigt, dass das Mate­rial gut verzögert und schnell zum Stillstand kommt. Ein zu stark bremsendes Material kann bei einem Unfall aber dazu beitragen, dass der Fahrer nicht rutscht, sondern schleudert und purzelt. Als empfehlenswert sieht das TU-Team daher einen Verzöge­rungswert, der zwischen 0,7 und 1,0 liegt.

Bei durchgerissenen Proben misst die Maschine allerdings auch das darunter liegende Kevlar, sodass eine Aussage über das Reibverhalten des Materials alleine nicht möglich ist. Zur Orientierung haben wir alle gemessenen Werte notiert.

Denim

Einsatzgebiet: Freizeit-Jenas

Rutschweg: 20,48 m
Rutschzeit: 2,52 sek
Reibwert: 0,68
Rutschweg: 59,62 m
Rutschzeit: 4,63 sek
Reibwert: 0,63

Fazit: Unser Test zeigt: Bei 60 Sachen hält nur eine von drei Proben, wenn auch leicht durchscheinend. Bei den beiden übrigen prangen Zwei-Euro-Münzen große Löcher. Tempo 100 hat das Jeans­gewebe nichts entgegenzusetzen.

Denim-Kevlar-Mix

Einsatzgebiet: Motorrad-Jeans

Rutschweg: 19,42 m
Rutschzeit: 2,49 sek
Reibwert: 0,72
Rutschweg: 57,70 m
Rutschzeit: 4,54 sek
Reibwert: 0,65

Fazit: Der Kevlar-Jeans-Mix hält einem Sturz bei Stadttempo stand. Bei 100 km/h aber streicht auch der Kevlarfaden die Segel – alle  drei Proben waren löchrig. Ein Vergleich der Materialien zeigt zudem, dass auch der Rutschweg mit dem Gewebe länger ist.

400D Polyamid

Einsatzgebiet: Basis-Schutzschicht Textilkombi

Rutschweg: 6,10 m

Rutschzeit: 1,34 sek

Reibwert: 0,78

Rutschweg: 16,46 m
Rutschzeit: 2,30 sek
Reibwert: 0,76

Fazit: Das dünnste Polyamid unseres Tests zeigte sich lediglich einer Tempo-30-Zone gewachsen. Aber auch hier ist das Kunstfasergewebe deutlich aufgeraut. Innerstädtischen Geschwindigkeiten lassen vom Stoff nur einzelne am Rand aufgerollte Fasern übrig. 

500D Cordura

Einsatzgebiet: Basis-Schutzschicht gehobene Textilkombi

Rutschweg: 7,58 m
Rutschzeit: 1,54 sek
Reibwert: 0,63
Rutschweg: 16,82 m
Rutschzeit: 2,07 sek
Reibwert: 0,82

Fazit: Ein Sturz aus Tempo 60 lässt vom 500D-Cordura nur noch zusammen­gerollte Fasern neben einem Krater übrig. Wie auch das No-Name-Polyamid ist das dünne Cordura nur in einer 30er- Zone standhaft, fühlte sich aber schon aufgeraut fusselig an.

1000D Cordura

Einsatzgebiet: Sturzzonenverstärkung an Textilkombis

Rutschweg: 17,43 m
Rutschzeit: 2,10 sek
Reibwert: 0,80
Rutschweg: 50,0 m
Rutschzeit: 4,0 sek
Reibwert: 0,75

Fazit: Das 1000D-Cordura ist einem Sturz mit Stadttempo gewachsen. Unsere Testmuster zeigten sich aufgeraut, gegen das Licht waren sie aber schon leicht durchscheinend. Der Tempo-100-Sturz ließ nur verbrannte Faserreste am Rand zurück.

Superfabric

Einsatzgebiet: Sturzzonenverstärkung an Textilkombis

Rutschweg: 23,47 m
Rutschzeit: 2,8 sek
Reibwert: 0,60
Rutschweg: 55,34 m
Rutschzeit: 3,86 sek
Reibwert: 0,68

Fazit: Das Superfabric lässt bei urbanen Geschwindigkeiten ersten Harz­abrieb auf dem Asphalt, rubbelt aber nicht durch. Bei Stürzen aus höheren Geschwindigkeiten löst es sich in müffelnden Harzabrieb, Qualm und abgewetzte Polyesterfasern auf. 

Rindsleder

Einsatzgebiet: Basis-Schutzschicht Lederbekleidung

Rutschweg: 16,53 m
Rutschzeit: 2,04 sek
Reibwert: 0,85
Rutschweg: 46,1 m
Rutschzeit: 3,54 sek
Reibwert: 0,82

 

Fazit: Unsere Rinderpelle steckte beide Geschwindigkeitsanforderungen weg, hat bei 100 Sachen aber deutlich Abrieb auf der Fahrbahn gelassen. Allerdings stoppt sie beide Male vergleichsweise flott.

Ziegenleder

Einsatzgebiet: Basis-Schutzschicht Lederbekleidung

Rutschweg: 16,20 m
Rutschzeit: 2,02 sek
Reibwert: 0,86
Rutschweg: 44,4 m
Rutschzeit: 3,30 sek
Reibwert: 0,85

 

 

Fazit: Das Ziegenleder ist der König unseres Labortests: Keine unserer Sturzsimulationen konnte ihm etwas anhaben.  Vergleicht man die Rutschwege, stoppt es noch schneller als Rinderpelle: bei Tempo 60 knapp 30 Zentimeter, bei 100 über eineinhalb Meter eher.