Die KTM Riders Academy ist ein Training speziell für das Fahren am Berg. Flachland-Bewohner Tilman schnallte die Steigeisen an.

“In die Berge oder ans Meer?“ Diese Frage hat in meinem Freundeskreis schon zu Grundsatzdebatten und hand­festem Ehekrach geführt. Für mich als Jung­gesellen ist sie jedoch meist schnell beantwortet. Wellenrauschen hat sicher seinen Reiz, aber zackige Topografie in Verbindung mit einem Motorrad ist Garant für Freudensprünge. Da kam es sehr gelegen, die „KTM Riders Academy“ mal auszuprobieren.
Am Tag X treffen wir uns auf dem Übungsplatz mit unserem Instruktor Klaus Schwabe, einem Experten für Motorradsicherheit. Er trainiert unter anderem die Schweizer Garde und hat das Programm mitentwickelt. Und kommt gleich zur Sache: Zum Warmwerden geht es auf die Kreisbahn, um ein Gefühl für die Wohlfühl-Schräglage zu bekommen. Und vielleicht einen Tick darüber hinaus zu gehen.
Der Platz hat übrigens ganz normalen Straßenbelag. Kein supergriffiger Flugplatz- Beton oder so. Ein paar Kieselsteinchen liegen auch noch rum. „So wie draußen eben. Laborbedingungen findet man am Berg nicht“, erklärt Klaus. Stückchenweise geht es runter bis etwa 45 Grad, der Instruktur gibt dabei Tipps per Funk. Aber keine Angst: Für den Schräglagen-Check benutzen wir mit Auslegern präparierte Motorräder.

An die Hand genommen: Klaus Schwabe coacht seine Schützlinge in Wort und Tat

Die Übung hat gleich doppelten Sinn: Klaus kann direkt abschätzen, auf welchem Niveau die Fahrer sind, und die kommenden Übungen anpassen. Nebenbei räumt er eine Halbwahrheit aus meinem Kopf: Blickführung ist alles. Das stimmt nur zum Teil. Der Blick ist wahnsinnig wichtig, weil der Körper unterbewusst das Motorrad lenkt. Man kann aber auch bewusst lenken, indem man die kurveninnere Hand nach vorne schiebt. Bis dahin nicht neu. Das Gefühl, einen Kreis nach links zu fahren, während man in die Gegenrichtung schaut, ist aber spannend. Und klappt erst nach ein paar Versuchen.
„Das könnt ihr immer wieder auf einem leeren Parkplatz üben“, rät Klaus. „Wenn ihr das sicher drauf habt, könnt ihr auch in Schreck­momenten von einem Hindernis weg lenken, statt darauf zu zufahren, weil ihr es anstarrt“.

Doppelter Boden: Ein überbremstes Vorderrad macht nur mit dem Ausleger-Motorrad Spaß

Dann wird es ernst. Klaus schleppt einen Eimer Schottersteine an und kippt ihn auf die Kreisbahn. „Wir schauen einfach mal, was passiert wenn euch das Vorderrad in Schräglage wegschmiert“, grinst der Ober­bayer. „Das weiß ich längst, ich falle auf die Nase!“, denke ich. Aber einen Versuch ist es wert. Dafür gibt es ja den Sicherheitsausleger.
Ich fahre den Schotterfleck an, schaue nach vorne – und wie erwartet keilt die Super Adventure mächtig aus, kippt auf den Auslieger und ich eiere unelegant ums Eck.
„Alles gut, nichts passiert. Zieh jetzt mal die Kupplung, schau in die Kreisbahn und achte auf den Druck am Lenker“, rät mir Klaus durch den Kopfhörer. Tatsächlich: Die dicke Käthe rutscht, fängt sich aber wieder und zieht ihre Bahn, als wäre nichts gewesen. Beim dritten Anlauf geht es wieder schief. Ich übe noch eine Weile und unterm Strich meistere ich die Situation öfter, als sie in die Hose geht. Ein gutes Gefühl. Auch Bremsen mit ausgeschaltetem ABS und blockiertem Vorderrad verliert viel von seinem Schrecken. Außerdem trainieren wir Langsamfahren und Wenden auf engem Raum.

Praktisch, braucht aber Übung: Wenden auf engem Raum

Das macht sich tags drauf bezahlt: Wir brechen auf ins Vertikale. „Es ist sinnlos, das Stilfser Joch mit Kreide auf einen Parkplatz zu malen. Bergfahren lernt man am besten am Berg“, lacht Klaus. Dort kommt noch die richtige Linie für Serpentinen ins Spiel. Immer wieder machen wir Halt und besprechen, worauf zu achten ist, und bauen so Stück für Stück die Erkenntnisse vom Vor­tag in unsere Fahrtechnik ein. Die Elemente vom Platz setzen sich wie ein Mosaik zu einer flüssigen Linie zusammen.
Nachmittags wird es noch einmal intensiv. Klaus nimmt uns der Reihe nach an die Sprech­anlage zum Einzelcoaching. Wir finden die Stellen, an denen es zwackt, und wie ich meine Schwächen verbessern kann.
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Zu erwarten, dass ich in zwei Tagen ein grund­legend besserer Motorradfahrer werde, ist illusorisch. Aber ich habe jetzt eine Idee, wie ich mich selbst trainieren kann. Nach der Anstrengung ist aber eigentlich erst mal Urlaub angesagt. Bleibt nur die Frage: Wieder in die Berge oder doch mal ans Meer?

Die KTM Riders Academy ist ein vom DVR zertifiziertes Training, das sich speziell mit Fah­ren in alpinem Gelände beschäftigt. Es besteht aus zwei Tagen, die auch einzeln buchbar sind. Der erste Teil findet auf Übungsplätzen an vielen Standorten in Deutschland und Österreich statt. In kleinen Gruppen von höchstens sechs Teilnehmern arbeiten zwei Instruktoren an Fahrzeugkontrolle, Schräglage, Blickführung und Bremstechnik. Der zweite Teil findet auf Bergstraßen in der Nähe Salzburgs statt und dient dazu, das Gelernte praktisch anzuwenden.
Die Kursgebühr beträgt 319 Euro pro Tag, das Training ist offen für Motorräder aller Marken. Mit von der Partie ist das Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften, das Erkenntnisse aus der Unfallforschung zum Konzept beisteuert und die Trainings aus­wer­tet.

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