Die Königswellen-Kawasaki W 800 greift wieder nach dem Zepter der Retro-Bikes. Rundum modernisiert mit Euro4, ABS und LED. Hat sie Chancen auf die Krone?

von Tilman Sanhüter
Fotos Philipp Kuchler, Kawasaki

Weg war sie: Zur Euro 4-Norm heftete Kawasaki die W 800 vorläufig ins Album der vergangenen Schönheiten ein. Mit Trommelbremse hinten und ohne ABS war sie zwar authentisch, aber nicht mehr zeitgemäß. Doch so schnell ließ sich die Königin nicht ins Bocks­horn jagen. Im Stillen arbeiteten die Grünen schon an dem nächsten Comeback. Und zwar rundum modernisiert. Im Lampentopf funzelt zum Beispiel kein Halogenbirnchen mehr mit dem Schummerlicht der Straßenlaternen um die Wette. Stattdessen sitzt dort der LED-Einsatz, der seinen Schein auch vor die vierzylindrige Z 900 RS wirft. Stilbruch? Mag sein, aber ein sinnvoller. Immerhin ist bessere Sicht ein Sicherheitsgewinn. Ebenso wie die größer dimensionierte Bremsanlage mit dem heu­te obligatorischen ABS. Vorne sitzt eine 320er Scheibe, hin­ten verzögert nun erstmals ebenfalls eine Scheibenbremse mit 270er Durchmesser, Auch in Sachen Fahrwerk legten die Ingenieure nach. Die Teleskopgabel wuchs ge­genüber dem Vorgängermodell auf 41 Millimeter Standrohrdurchmesser und ist etwas straffer abgestimmt. Ebenso die Stereo-Feder­beine am Heck. Angeschraubt sind sie an einen Doppelschleifenrahmen aus Stahl. Jedoch erhöhten die Konstrukteure an den stärker belasteten Stellen die Wandstärken. So versteiften sie das Rohrwerk, ohne die schlanke Linie unnötig aufzuplustern.

Ein steiferes Fahrwerk, ohne die Linie aufzuplustern
Innendrin arbeitet ein luftgekühlter Gleichläufer-Zweizylinder mit der identitätsstiftenden Königswelle. Er leistet A2-konforme 48 Pferdestärken – ideal für ein Gemeinschaftsmotorrad von Eltern und Kindern. Naturgemäß reißt das keine Löcher ins Raum-Zeit-Kontinuum, auf der Landstraße ist man aber gut bedient. Im mittleren Drehzahlbereich schiebt der Twin souverän an. Wer die Kraft vollumfänglich ausnutzen möchte, muss tapfer am Gas bleiben. Bei etwa 6000 Touren belohnt das Aggregat die Beharrlichkeit. Um den Preis deutlicher Vibrationen. Dabei sortiert man die Gänge durch ein tadellos schaltbares Fünfgang-Getriebe. Um den einstellbaren Kupplungshebel zu bedienen, genügen auch filigrane Finger. Eine Anti-Hopping-Kupplung fängt das Motorschleppmoment beim harschen Runterschalten auf. Die Traktionskontrolle der W besteht allerdings nach wie vor aus einer Mischung von sittlicher Reife und Feingefühl im rechten Handgelenk. Um diese Basis strickt Kawasaki zwei Modelle. Die W 800 „Street“ kommt nur in sympathischem Dunkel-Schwarz und mit einem breiten, weit nach hinten reichenden Lenker. Zusammen mit geradem Rücken und mittig angebrachten Fußrasten ergibt sich eine entspannte Herrenreiter-Position. Zumindest, wenn der Fahrer nicht allzu groß geraten ist. Dem steht die Variante „Cafe“ gegenüber. In elegantem Cappuccino-Braun mit lenkerfester Halbschale und M-Lenker. Man sitzt versammelter, von Buckeln kann aber kaum die Rede sein, denn die Stummel liegen nicht zu tief. Zudem ist der Lenker relativ breit, sodass man einen guten Hebel hat. Die gegenüber der Street etwas höhere Last auf dem Vorderrad tut dem Fahrverhalten durchaus gut. Speziell beim Einlenken wirkt die Cafe transparenter. Das Fahrwerk lässt Bewegung zu, ohne zu labberig zu sein. Das fühlt sich urtümlich an, taugt aber bei ruhiger Hand durchaus für einen flotten Strich. Hektik und Zehntel-Jagd sind auf der W 800 ohnehin fehl am Platz. Das Fahrerlebnis krönt ein runder, bassiger Klang aus der zweiflutigen Abgasanlage. Nach der Z 900 RS ist die W nämlich die zweite Kawasaki, bei deren Auspuff die Sound-Ingenieure am Werk waren. Sie mischten sattes Grollen für den Fahrer mit nachbarschaftsfreundlicher Lautstärke. Eine deutliche Verbesserung zum Säuseln der Vorgänger-W. Da dürfte auch die kommende Euro 5-Norm klargehen.

Wellenmeer: Eine obenliegende Nockenwelle steuert die Ventile an. Die Verbindung zur Kurbelwelle besorgt eine Königswelle

Alles da: Zahlen, Zeiger, Zusatzinfos

Das ist NEU:

  • Euro 4
  • ABS
  • steiferer Rahmen
  • strafferes Fahrwerk
  • 18-Zoll-Rad vorne
  • größere Bremsen
  • bassiger Klang
  • Modelle „Street“ und „Cafe“

Technik: Kawasaki W 800

Bauart: Zweizylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile pro Zylinder
Hubraum: 773 cm3
Leistung: 35 kW (48 PS) bei 6000 min-1
Drehmoment: 62,9 Nm bei 4800 min-1
Bremsen v/h: 320-Millimeter-Scheibe mit Zweikolben-Schwimmsattel / 270-Millimeter-Scheibe mit Zweikolben-Schwimmsattel
Federweg v/h: 130 / 107 mm
Bereifung v/h: 100/90-18 / 130/80-18
Tankinhalt: 15 l
Leergewicht: 221 kg
Sitzhöhe: 770 mm
Preis zzgl. Nk.: 9795 (Street) / 10  595 (Cafe)
(Herstellerangaben)

Fazit

Sie ist wieder da: Die W 800 bleibt sich treu. Immer noch rein luft­gekühlt und immer noch gnadenlos elegant. Jedoch in entscheidenden Details wie Bremse, Licht und Klang verbessert. Preislich auf Augenhöhe mit den Triumph Street-Modellen, dürften die Briten ihre ärgsten Rivalen sein.

Tilman
NEWS-Wellenreiter

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