Tourentipp: Krieg und Frieden – Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen

Hingeklotzt: Das Weintor in Schweigen-Rechtenbach markiert seit 1936 die südliche Einfahrt in die Deutsche Weinstraße

 

Auf Motorrad-Patrouille im südlichen Pfälzerwald und den Nordvogesen: Mit dem Zweirad zwischen Burgen und Bunkern unterwegs, wo Genuss und Grauen dicht beieinander liegen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Die Weinstraße entführt uns nicht nur in romantische Orte mit engen Gassen, blumengeschmückten Häusern und gelebter Tradition, sondern auch in historische Lagen, die von leidenschaftlichen Winzern gehegt und gepflegt werden. Während bei den Weißweinen Müller-Thurgau, Grauburgunder sowie Ries­ling dominieren, stehen bei den roten Reb­sorten Dornfelder und Spätburgunder hoch im Kurs. Wir wollen auch hoch hinaus und treiben unsere Maschinen von Annweiler zur Burg Trifels hinauf, die, wie ihr Name schon verrät, auf einem dreifach gespaltenen Buntsandsteinfelsen thront. Ganz in der Nähe der mittelalterlichen Festung ragt der Rehberg aus dem satten Grün der umliegenden Mischwälder empor, mit 577 Metern markiert er den höchsten Punkt im deutschen Teil des 1998 gegründeten und grenzüberschreitenden Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen. Fernab der Hauptstraßen windet sich eine jede Menge Fahrspaß versprühende Neben­strecke durch das Dahner Felsenland mit seinen bizarren Gesteinsformationen und zahlreichen Burgruinen. Wenig später folgen wir dem parallel zur Grenze verlaufenden Saarbach stromaufwärts und gelangen dabei immer tiefer in die ausgedehnten Forste der verkehrsarmen Mittelgebirgslandschaft. Im französischen Walschbronn heißt uns rauer Vogesenteer willkommen und fördert unsere schwungvolle Fortbewegung bis vor die Tore der mächtigen Zitadelle von Bitche. In den verwinkelten, dunklen und daher gut zu verteidigenden Gängen hallen unsere Schritte wider, bis wir auf der obersten Plattform der Festung ins gleißende Sonnen­licht treten. Strategisch äußerst günstig platziert, sicherte die uneinnehmbare Felsbastion schon seit dem Mittelalter wichtige Handelsstraßen und wurde im Auftrag des französischen Königs Ludwig XIV. Ende des 17. Jahrhunderts weiter ausgebaut. Begehrt und umkämpft, wechselte die Region zwischen 1870 und 1945 viermal die Staatszugehörigkeit. Die vielen deutschen Ortsnamen und die weit verbreitete Zweisprachigkeit zeugen noch heute davon. Nicht umsonst vergleichen sich viele Elsässer mit den Walen, die als Säugetiere unter Fischen leben müssen. Auch der Asphalt der D 35 klebt wie Pattex, als wir durch ein riesiges Waldgebiet in Richtung Sturzelbronn beschleunigen, dann aber ins enge Schwartzbachtal abbiegen. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 reifte der Plan, eine unüberwindbare Verteidigungsline von der Kanalküste bis nach Italien zu errichten, blieb aber graue Theorie. Die Erinnerung an die verlustreichen Schlachten des Ersten Weltkrieges und die beginnende Aufrüstung des Deutschen Reiches ließen den französischen Verteidigungsminister André Maginot die vergessen geglaubten Pläne in die Tat umsetzen. Zwischen 1930 und 1940 wurde ein für die damalige Zeit hochmodernes Bunkernetzwerk errichtet, das sämtliche Angriffe abwehren sollte. Mit der Kasematte Dambach begegnen wir dem ersten Außenposten der sogenannten Maginot-Linie – französisch Ligne Maginot.

Beton beruhigt: Ab 1930 wurde mit der Maginot-Linie ein hochmodernes Bunkernetzwerk errichtet

Abendlicher Ausklang: Bayernkönig Ludwig I. ließ sich oberhalb der Edenkobener Weingärten eine Residenz im toskanischen Stil errichten

Nach dem zum Museum umgestalteten Betonklotz passieren wir den 581 Meter hohen Großen Wintersberg, seines Zeichens höchster Gipfel im französischen Teil des Biosphärenreservats. Trotz sommerlicher Temperaturen läuft es uns eiskalt den Rückenprotektor hinunter, als wir schweigend vor den unzähligen weißen Kreuzen der Kriegsgräberstätte Niederbronn stehen. Nur wenige Kilometer später stoppen wir bei Reichshoffen am schlichten Monument des Cuirassiers, das an den verlustreichen Angriff einer französischen Kürassierdivision im Jahre 1870 erinnert. Nicht weit entfernt verbirgt sich das Artilleriewerk Four à Chaux im dichten Gehölz bei Lembach. Wie bei einem Eisberg ist nur ein kleiner Teil zu erkennen, der größte Teil des Bunkers liegt tief unter der Erde. Ausfahrbare Geschütztürme, eigene Stromversorgung und ausgeklügelte Belüftungsanlagen sicherten die Kampfkraft und sollten das Vordringen deutscher Truppen in das Tal der Sauer unterbinden. Nach einem kühnen Sprung über den 432 Meter hohen Col de Pigeonnier schlagen wir kurz vor Wissembourg einen deftigen Haken, preschen durch den Hochwald und zirkeln um den Col du Pfaffenschlick (371 Meter) nach Schönenbourg. Dort verbirgt sich ein weiteres Artilleriewerk, das sogar über eine elektrisch betriebene Feldbahn verfügte. Angesichts der im Berg herrschenden Temperatur von nur 13 Grad verzichten wir gerne auf eine Besichtigung und steuern Schweigen-Rechtenbach an, wo sich Südpfalz und Elsass die Hand reichen. Das 1936 erbaute, 18 Meter hohe Weintor bildet den südlichen Eingang zur Deutschen Weinstraße, die sich über 85 Kilometer bis nach Bockenheim erstreckt. Weil wir vom Kurvenräubern nicht genug bekommen können, kehren wir allzugern zurück ins kurzweilige Dahner Felsenland und stoßen erst nördlich von Klingenmünster wieder auf die gut ausgeschilderte Weinstraße. Unglaublich, dass ein vereintes Europa, offene Grenzen und das gute Verhältnis zu unseren französischen Nachbarn vor gerade mal 70 Jahren noch reine Utopie waren.

Hoteltipp

Gutshof Ziegelhütte 

Die direkte Lage an der Deutschen Weinstraße, die Nähe zum Pfälzerwald und das nicht weit entfernte Elsass wären schon Gründe genug für einen Aufenthalt. Hinzu kommen noch tolle Zimmer und eine exzellente Küche. Die Bikes stehen sicher im Innenhof. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 98 Euro, WLAN und Tourentipps gibt es gratis.

Thomas und Tobias Langhauser
Luitpoldstraße 75-79
67480 Edenkoben
Fon 06323 / 94980
www.gutshof-ziegelhuette.de

Reise Info

Streckenlänge: 260 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die Vogesen erstrecken sich links des Rheins über eine Länge von 190 und eine Breite von bis zu 50 Kilometern. Der nördliche Teil, wo das Elsass auf die Pfalz trifft, ist ein ideales Terrain, mal einfach drauflos zu fahren. Im 1998 gegründeten Biosphärenreservat Pfälzerwald-Vosges du Nord führt ein gut ausgeschildertes und kurven­reiches Nebenstreckennetz durch finstere Forste und über raue Kuppen, vorbei an den stillen Zeugen der einst stark umkämpften Region. Griffiger Teer geleitet durch enge Täler hinauf zu mittelalterlichen Burgen in 500 Meter Höhe. Die souveräne Beherrschung des Motorrads ist erforderlich.

Code einfach eingeben auf
www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Deutsche Autobahnen reichen im Norden bis Saarbrücken (A 1), im Nordosten bis Landau/Pfalz (A 65) und im Osten bis Kehl (A 5). Sehr gut ausgebaute Landstraßen führen dann direkt in das Tourengebiet.
Reisezeit: Anfang Mai bis Mitte Oktober
Literatur: Kurvenfieber Elsass – Vogesen, erschienen im Bruckmann Verlag, präsentiert auf 144 reich bebilderten Seiten
Sehenswürdigkeiten und Einkehrtipps, Faltkarte inklusive, 15 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, www.adac.de, 14,99 Euro. Informationen: Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen, Franz-Hartmann-Straße 9, 67466 Lambrecht (Pfalz), www.pfaelzerwald.de
Museum: Fort de Schoenenbourg, Rue Commandant Martial Reynier, F-67250 Hunspach. Eintritt acht Euro, www.lignemaginot.com
Informationen: Werratal Touristik e.V., Kirchplatz 2, 36433 Bad Salzungen, www.werratal.de
Museum: Schloss Elisabethenburg, Schlossplatz 1, 98617 Meiningen, www.meiningermuseen.de. Dienstag bis Sonntag von zehn bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt ab 4,50 Euro.Museum: Porta Nigra, Simeonstraße 60, 54290 Trier, www.trier-info.de, April – September täglich von 9 – 18 Uhr geöffnet, Eintritt 4 Euro

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