Kreta bietet auf 8261 Quadratkilometern alles, was das Motorradfahrerherz begehrt. Das Spektrum reicht von leichten Schotterpisten über holprige Nebenstraßen bis zu perfekt ausgebauten Pässen, die den besten Alpenstraßen in nichts nachstehen. Unser sonst eher individuell reisender André ließ sich mal geführt verführen.

Swiss Air steht auf der schneeweißen Maschine, die auf dem Rollfeld steht, während unser Flieger langsam in seine Parkpositon dirigiert wird. Passt zu den schneebedeckten Bergen im Hintergrund denke ich mir und drücke mit die Nase am Fenster platt. Doch wir sind nicht in der Alpenregion gelandet, sondern auf Kreta. Aber kein Wunder, dass mich Freude auf Pass-Straßen überkommt, denn drei Gebirgsmassive mit Bergen über 2000 Metern ergeben das Relief der fünftgrößten Mittelmeerinsel. Was aber den Reiz ausmacht, schlägt mir entgegen als ich die Gangway runtergehe: Wärme, warmer weicher Wind und dieser typisch südländische Geruch in der Luft. Veranstalter Jörg empfängt mich mit Handschlag und bringt mich mit weiteren Teilnehmern zum Hotel. Erstmal abspannen, Fliegen ist doof, Fahren wollen wir.

Tags drauf bekommen wir die Bikes: Zehn Motorräder müssen wir unter uns verteilen. Von XT 660 X über V-Strom bis zur Transalp reicht die Auswahl. Dann geht es los, eine Woche um Kreta kennenzulernen, die Insel zu umrunden. In dem beschaulichen Örtchen Panormo macht unser Trupp zum Mittag halt. Die Bikes parken auf der Mole direkt am Meer. Das Essen ist vorzüglich: frischer Tzatziki und Brot, Salat, gefüllte Weinblätter, Fisch und alles mit viel Knoblauch – man isst schließlich in Griechenland. Voll gefuttert werfen wir die Bikes wieder an und machen einen kurzen Stopp in Rhetymnon am venezianischen Hafen.So ist es schon spät, als wir unsere Zimmer in einer kleinen Taverne in der Bucht von Souda beziehen.

Der nächste Morgen startet vor allem englisch: Der Wirt fragt jeden, der wach bis mittelwach am Frühstückstisch erscheint, wie er denn Ei und Bacon gerne hätte. Und das in einem High-Speed-Englisch, dass man wirklich die Ohren spitzen muss. Hat der gestern auch schon so schnell gequatscht oder haben die paar Rakis vom Vorabend meine Aufnahmefähigkeit noch im Griff? Doch auch meine Mitstreiter haben Fragezeichen im Gesicht. Egal, das deftige Frühstück weckt die Lebensgeister.

Wir wuseln durch verträumte Dörfer, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Nicht das alles uralt wäre, aber die Menschen strahlen die pure Gelassenheit aus, ob quatschend am Straßenrand oder dösend im Schatten, an eine Hauswand gelehnt. Zu unserer Rechten begleiten uns die schneebedeckten Lefka Ori, die weißen Berge, am Straßenrand vorrangig knallgelber Ginster, der für Farbtupfer sorgt. Doch neben den ganzen Eindrücken begeistert vor allem eine Sache, die nicht vorhanden ist: Verkehr. Wir sind nahezu allein unterwegs.

Mittlerweile ist es richtig warm und wir genießen die unbeschwerte Fahrt, das Erobern des Landesinneren Richtung Südküste. Schlagartig ändert die idyllisch-liebliche Holperstraße ihr Antlitz, geleitet uns in einer einzelnen Serpentine in die Kotsifou-Schlucht Jörg stoppt in Frankgokastello zur verdienten Mittagspause. Direkt gegenüber der Taverne steht das Kastell. 1371 erbaut, protzt es mit dicken Mauern und gehört zu den ältesten venezianischen Anlagen Kretas.

Mit etlichen Gramm mehr auf den Rippen nehmen wir die Motorräder wieder in die Pflicht. Aufsitzen und weiter. Wir folgen dem Verlauf der Südküste Richtung Westen. Die Straße ist nahezu perfekt ausgebaut und schwingt sich zu Bestleistungen auf. Unerwarte Kehren wechseln sich mit gut einsehbaren Kurven ab, der Spannungsbogen ist grandios. Doch aufpassen ist angesagt, denn Steinschlag macht so mancher Ideallinie den Garaus. Oben angekommen, wird es wieder lieblicher, treiben wir die Bikes zwischen Steinfeldern mit Bäumen hindurch bis zu einer Brücke, die den Aradenas-Canyon überspannt.

Jemand hat uns schon wieder die Zeit geklaut und Jörg entscheidet sich für den schnelleren Weg zurück zu unserem Nachtlager in der Bucht von Souda, wo wir das einzige Mal auf dieser Reise eine Zwei-Stopp-Strategie anwenden. Nach einem schnellen Ritt über eine gut ausgebaute Pass-Straße erreichen wir die Taverne. Die Helme noch nicht ganz abgelegt, kommt auch schon der Schnellsprecher mit dem abendlichen „Tour-Bier“. Die Kronenkorken landen klimpernd auf dem urigen Holztisch und wir stoßen auf einen ereignisreichen Tag an.

Schnellstraße Richtung Chania steht Tags drauf erstmal an. Meter machen ist machmal angesagt, will man Kreta ganz umrunden. Wir sind am Anfang der letzten westlichen Halbinsel angelangt, bis zur Spitze geht es auf Schotter weiter. Es dauert nicht lange, bis die XT-Piloten mit den Vorderrädern scharren, um der Piste ein paar neue Furchen beizubringen.

Schroffe Felsen, grober Schotter unter den Stollen, und das Mittelmeer fast in Greifweite – was will man mehr. Am Ende der Landzunge erwartet uns nach einem kurzen Fußmarsch ein Blick auf den paradiesischen Balos-Strand: Blau und Grün in vielfältigen Tönen, dazwischen weißer Sand – ein Traum. Doch bis ganz nach unten gehen wir nicht, Motorradkleidung ist halt keine Wanderausrüstung.

Schroffe Felsen, grober Schotter unter den Stollen, und das Mittelmeer fast in Greifweite – was will man mehr. Am Ende der Landzunge erwartet uns nach einem kurzen Fußmarsch ein Blick auf den paradiesischen Balos-Strand: Blau und Grün in vielfältigen Tönen, dazwischen weißer Sand – ein Traum. Doch bis ganz nach unten gehen wir nicht, Motorradkleidung ist halt keine Wanderausrüstung.

ir nehmen die Westküste in Angriff. Eine gut ausgebaute Straße mit fantastischen Ausblicken über die Steilküste beschert Fahrspaß pur. Die tief stehende Sonne zaubert famose Bilder, taucht die unter uns vorbeirauschenden Dörfer in malerisches Licht. Das Meeresrauschen hallt noch nach, doch der Wald wird immer dichter, die Straße schmaler, verengt sich nahezu einspurig.

Wir erreichen das Plateau von Omalos. Ein neues Landschaftsbild mit einer großen Ebene umringt von Bergen, deren Schneegrenze noch in Greifweite scheinen, breitet sich vor uns aus. Schafherden langweilen sich kauenderweise auf grünen Wiesen an kleinen Weihern, Bauern brettern mit ihren klapprigen Pickups zwischen den Olivenbäumen hin und her. Ein liebliches Szenario inmitten der schroffen Bergwelt.

Den nächsten Halt machen wir am Kloster Preveli ein, welches zu den ältesten auf Kreta zählt. Bei zahlreichen Aufständen spielten die alten Gemäuer eine zentrale Rolle, wenn es um Widerstand ging.

Der Tourguide hält die Spannung aufrecht. Fragen nach unserer nächsten Übernachtung beantwortet er nur mit einem verschmitzten Lächeln. „Da hinten ist unser Hotel.“ verkündet Jörg und zeigt auf einen Berg, der in der Ferne bereits rötlich in der tiefstehenden Sonne leuchtet. Da heißt es Gas geben, wollen wir nicht in der Dunkelheit fahren. Am Fuß des Berges startet einmal mehr eine Hammerstrecke. Das Asphaltband windet sich immer höher, der Blick zurück präsentiert eine spektakuläre Komposition aus Licht und Landschaft. Die Sonne zaubert mit schillernden Rottönen ein faszinierendes Gesamtkunstwerk. Weiter oben erreichen wir die Wolkengrenze und die Sicht wird schlechter, das Feeling irgendwie noch besser. Offensichtlich ist hier oben nichts, außer einem Bergdorf – und genau dort führt uns Jörg hin. Das Dorf entpuppt sich als Hotelanlage, Kapetaniana heißt der Ort. 15 einst verfallene, ursprüngliche Häuser baute man mit Liebe zum Detail zu einer urigen Hotelanlage mit Namen Thalori um. Dicke Mauern, grobe Steine, feiste Balken und knarrende Holztreppen hauchen den Apartments Ursprünglichkeit bei allem Komfort ein – wir sind begeistert.

Nur ungern trennen wir uns am nächsten Morgen von diesem Ort. Kaum losgefahren klappt Jörg schon wieder den Seitenständer aus: In dem unscheinbaren Ort Kousses findet sich einer der angesagten Kräuter- und Gewürzläden der Region: Botano. Das lassen wir uns nicht entgehen. Gewürze, Tee und Kräuter stapeln sich in riesigen Dosen längs der Wände und 13 Motorradfahrer stecken ihre Nasen unentwegt in irgendwelche Gefäße. Ein Festival für die Sinne, ein Eldorado in Sachen Geschmack und Geruch.

Es geht weiter der Südküste folgend Richtung Osten und wir kommen durch Ierapetra, die südlichste Stadt Europas. Die Straße entlang der Küste taugt erst nur zum Vorwärtskommen. Doch ab Makry Gialos geht die Route haarscharf am Meer entlang. Viel Platz ist nicht, denn auf der linken Seite reichen die Bergrücken fast bis ans Ufer heran. Kaum ein Haus, nur die Straße, das Meer und wir.

In Kato Zakros machen wir erneut Halt am Mittelmeer. Eine Traumbucht, in der Vorsaison noch einsam und eine Szenerie, wie für einen Touristikprospekt erdacht. Bei erneut gutem Essen lernen wir auch am letzten Abend noch was dazu: Wenn es kühler wird, kann man Raki auch warm trinken.

Es ist später Nachmittag, als wir erledigt aber glücklich und voll mit Terrabytes an Eindrücken die Motorräder wieder abgeben. Was bleibt ist die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht zum letzten Mal auf der Insel der Götter war. Beim Zeus, dass hat Jörg ja prima hinbekommen…

Insider-Infos

Wer führt? Unser Inseltrip war die „Best of Crete-Tour“von Kretatouren.de. Tourguide Jörg führte uns sechs Tage rund um die Insel. Ein Begleitfahrzeug transportierte das Gepäck von Hotel zu Hotel. Neben der Kreta-Rundreise für 1598 Euro inklusive Flug bietet Jörg auch die „All Inclusive-Moto-Week“ an. Bei dieser Variante dient ein Hotel als Basis, von dem jeden Tag neue Touren starten.Kostenpunkt:1379 Euro inklusive Flug. Infos unter www.kretatouren.de.

Wer fährt? Kreta bietet die ganze Vielfalt des Straßenbaus:Von perfekt und neu bis zu marode und ohne Belag: Anfänger dürften bei manchenGebirgsstrecken ins Schwitzen kommen, aber auch eine Menge lernen.

Was gibt’s zu Essen? Verabschiedet euch vom Angebot eures Lieblings-Griechen: Die kretische Küche bietet ein breites Spektrum an Fleisch-, Fisch- und Käse-Kreationen.

Die gute Nachricht: Sheriffs haben auf Kreta Seltenheitswert. Aufpassen muss man lediglich an markanten Stellen mit stationären Blitzern – die Jörgaber alle kennt.