Die neue Kawasaki Z 900 – mehr Hubraum, mehr Leistung, weniger Gewicht: Kawasakis Aushängeschild in der oberen Mittelklasse hat mächtig zugelegt und schickt sich sogar an im Revier der großen Schwester Z 1000 zu wildern. Hat die neue Kawasaki Z 900 das Zeug zum Klassenprimus?

Einen historischen Namen trägt die neue Kawasaki Z 900. Diese Bezeichnung wurde von Kawasaki erstmalig 1972 vergeben, der 79 PS starke Vierzylinder galt als kaum zu bändigende Höllenmaschine. „Frankensteins Tochter“ betitelte Kollege Franz-Josef Schermer den Test der damals schnellsten Serienmaschine. Was sich allerdings weniger auf den brachialen Motor als auf das völlig überforderte Fahrwerk bezog. Die Zeiten ändern sich. 45 Jahre später sind die 125 PS Spitzenleistung der neuen Kawasaki Z 900 keine große Sache mehr.

Fahrwerk, Bremsen und Reifen zeigen sich dieser Dynamik einwandfrei gewachsen, ABS hält die schützende Hand über allzu ungestüme Fahrerpersönlichkeiten. Dennoch sorgen die 125 PS der neuen Zetti für Furore. Weil die Konkurrenz es in dieser Klasse unisono bei rund 115 PS bewenden lässt. Und weil die große Schwester Z 1000 bei einem Aufpreis von 3500 Euro nur 17 Pferde drauflegt. Die dynamische Lücke zur Tausender ist also deutlich enger geworden, zumal die brandneue Z 900 elf Kilo leichter ist als die „Dicke“.

Gewisse Kannibalisierungseffekte zwischen den Schwestermodellen stehen also zu erwarten. Ein Effekt, den Kawasaki locker wegsteckt, wenn sich die kraftstrotzende Z 900 im enorm umsatzstarken Segment der oberen Mittelklasse ans Ende der Nahrungskette setzen kann. Was ist neu? So ziemlich alles. Der neue Stahlrohrrahmen spart schon alleine 13,5 Kilo ein, das Leichtgewicht ist an fünf Punkten mit dem Motor verschraubt, der damit entscheidend zu Gesamtsteifigkeit beiträgt. Leichtere Schwinge und diverse schlank gewählte Anbauteile senken weiter das Gewicht.

Ein klarer Fall, hier steht eine komplette Neukonstruktion und keine Modellpflege der letztjährigen Z 800. Was auch der Motor belegt: Es handelt sich um einen leicht eingeschrumpften Ableger vom Stamme der Z 1000 – das alte Z 800-Triebwerk verschwindet in der Versenkung.

Nun freut man sich bei Kawasaki über die neu gewonnene Leichtigkeit, tatsächlich liegen die 210 Kilo der 900er klassenintern immer noch im oberen Drittel: Ducati Monster 821 und Suzuki GSX-S 750 liegen auf Augenhöhe, die neue Triumph Street Triple (Vorstellung Seite 14), MV Brutale 800 und der Verkaufsschlager Yamaha MT-09 tummeln sich dagegen zwischen 190 und 195 Kilo. Und vor allem die Yammi haben sich die Kawasaki-Mannen als strategische Zielmarke ausgeguckt. Die nicht wegzudiskutierenden 17 Kilo Gewichtsdifferenz, das entspricht ungefähr dem Bauaufwand des vierten Zylinders, werden durch ein Hubraumplus von 101 Kubik und einen Leitungsüberschuss von zehn PS gekontert. Da freuen wir uns jetzt schon auf den Vergleichstest. Zumal die Kawasaki auch noch 100 Euro günstiger zu haben ist.

Zum ersten Fahrtermin verfrachtete uns Kawasaki in die Sierra Nevada, ein herrlicher Mikrokosmos von Bergstraßen aller Couleur und Asphaltqualitäten. Die Fahrerhaltung auf der Zett bestimmen die tiefe Sitzkuhle, der breite Rohrlenker und die relativ weit hinten montierten Rasten. Für lange Fahrer bietet Kawasaki ein 20 Millimeter höheres Sitzkissen an. Die Federung ist durchaus straff, die Dämpfung bietet genügend Reserven für flotte Gangart, auch bei Fahrern jenseits des Jockey-Formats. Wobei das extrem schmal geschnittene Soziuskissen durchaus abschreckend wirkt. Im Handling gibt sich die 900er, die ja genau genommen sogar 948 Kubik mitbringt, ausgesprochen entgegenkommend. Der Vierzylinder lässt sich gutmütig durch schnelle Wechselkurven treiben und neutral bis zur Raste abwinkeln. Sogar die Serienbereifung Dunlop D214 mit Sonderkennung Z kann überzeugen. Zumindest, wenn der Gummi sauber auf Temperatur geknetet wurde, was in der teilweise noch verschneiten Sierra Nevada nicht immer leicht fällt.

Der Motor überzeugt in allen Lagen. Seidige Laufkultur, sehr solider Antritt aus dem Drehzahlkeller und bei 6000 Touren zündet noch ein Nachbrenner. Alle bekannten Schwachstellen des abgelösten Z 800-Motors sind dem neuen Aggregat völlig fremd. Satter Druck am Serpentinenausgang und heulende Begeisterung auf der nächsten Geraden, da kommt Freude auf. Dass die Z 900 ohne schaltbare Motormappings auskommt, stört in der Praxis wenig. Eine Traktionskontrolle hätten wir uns allerdings schon gewünscht: Speziell beim Angasen auf zweifelhaften Untergrund bringen die 125 PS den 180er Hinterreifen durchaus in Verlegenheit. Ein echtes Novum für Kawasaki-Straßensportler ist die Getriebestaffelung der Z 900. Die Gänge eins bis fünf bilden ein klassisch eng gestuftes Sportgetriebe ab, das mittels kurzer Drehzahlsprünge immer den passenden Anschluss sichert. Der Sechste ist dann als drehzahlsenkender Overdrive ausgelegt. Bei flotter Landstraßenfahrt legt man den Sechste dann nur selten ein, er taugt zum entspannten Fahren etwa im Bereich von Tempolimits und natürlich auf der Autobahn. Und, taugt die Kawasaki Z 900 zum Hecht im Karpfenteich? Die neue Zett tritt die Nachfolge der durchaus beliebten Z 800 an. Bei der 900er handelt es sich aber um eine vollkommen Neukonstruktion, wenn man davon absieht, dass die Z 1000 den Rumpfmotor bereitgestellt hat. Als Zielmarke haben die Kawasaki-Techniker klar die Yamaha MT-09 angepeilt. Und zwar absolut erfolgreich, wie der erste Fahrtermin bestätigt.

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Fazit: Mit der Z 900 geht Kawasaki in die Vollen. In Sachen Hubraum und Dynamik hat sie in ihrer Klasse keinen Gegner zu fürchten. Genau so wichtig ist aber das im Vergleich zum Vorgänger um 19 Kilo verbesserte Kampfgewicht, das auf der Landstraße enorme Vorteile mit sich bringt.

Motor: Vierzylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zylinder
Hubraum: 948 cm³
Leistung: 92 kW (125 PS) bei 9500 U/min
Drehmoment: 99 Nm bei 7700 U/min
Bremse v./h.: 300-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 250-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Reifen v/h: 120/70 ZR 17 / 180/55 ZR 17
Federweg v/h.: 120/140 mm
Sitzhöhe: 795 mm
Tankinhalt: 17 l
Leergewicht: 210 kg
Preis zzgl. Nk.: 8895 Euro
www.kawasaki.de